Interview mit Cartoonist Phil Hubbe

Interview mit Cartoonist Phil Hubbe : „Entscheidend ist, ob der Witz gut ist, und nicht, wer ihn gemacht hat.“

Der Cartoonist Phil Hubbe hat sich unter anderem auf Behindertencartoons spezialisiert. Im Gespräch erzählt er, wie es dazu kam und wie die Menschen auf seine Zeichnungen reagieren.

Wie kam es dazu, dass Sie Behindertencartoons gezeichnet haben?

Phil Hubbe: Ich bin seit 1985 an Multiple Sklerose (MS) erkrankt. Da kam dann irgendwann die Frage auf, ob ich meine eigene Geschichte in Cartoons verarbeite. Es gab einen Amerikaner, John Callahan, der hat in New York Behindertencartoons veröffentlicht. Das hat mir gefallen. Freunde und Kollegen haben gemeint: „Das könntest du doch auch machen. Wenn dir einer was will, kannst du sagen, du bist selbst betroffen.“ So hab ich dann angefangen.

Hatten Sie keine Bedenken?

Phil Hubbe: Ich war vorsichtig. Ich hab die Zeichnungen Behinderten gezeigt, die mich nicht kannten. Etwa bei Rollstuhlfahrern – ich sitze nicht im Rollstuhl – war ich vorsichtig. Die fanden das aber okay und schickten mir gleich Ideen, was ich noch machen könnte.

Wie waren die Reaktionen?

Phil Hubbe: Unterschiedlich. Bei den Betroffenen kam es sehr gut an. Ich war selbst überrascht, dass die Reaktionen bei ihnen derart positiv waren. Das ist ein Zeichen dafür, wie wichtig Humor ist. Und wie Humor auch für Behinderte bedeutsam ist. Bedenken und „Das geht nicht!“ waren Reaktionen, die von Nichtbetroffenen kamen und von Leuten, die gar keinen Kontakt zu Betroffenen haben.

Können Sie sich das erklären?

Phil Hubbe: Behinderung ist noch ein Tabu-Thema, darüber macht man keine Witze. Andere Leute sagten mir, sie wollen damit nicht konfrontiert werden. Mich ärgert es, wenn Leute sagen, das gehe sie nichts an, denn das stimmt nicht. Ein Großteil sitzt wegen eines Unfalls im Rollstuhl, und ein Schlaganfall kann jeden treffen. Es ist ein Thema, das für jeden präsent ist und wichtig sein sollte.

Gibt es Grenzen? Etwas, worüber sie kein Witze machen?

Phil Hubbe: Die Grenze ist für mich da, wo ich mich nicht auskenne. Ich muss wissen, wovon ich zeichne, sonst wird der Witz flach. Es gibt für mich keine Grenze im Sinne von: Ich mach keine Witze über Krebs oder ALS oder so. Ich versuche alles einzubeziehen. Aber ich muss wissen, wovon ich zeichne!

Dürfen Behindertenwitze also nur die machen, die es selbst erfahren haben?

Phil Hubbe: Eigentlich nicht, das wäre eine Ausgrenzung, die man vermeiden will. Wir reden groß von Inklusion, und wenn bloß Behinderte Behindertenwitze machen dürfen, ist das wieder eine Art Ausgrenzung. Obwohl viele Behinderte mir auch sagen: Du darfst das machen, weil du betroffen bist. Ich würde auch keine Witze über Behinderte machen, wenn ich nicht betroffen wäre. Und zwar, weil ich dann nicht wüsste, wovon ich zeichne. Entscheidend muss sein, ob der Witz gut ist, und nicht, wer ihn gemacht hat.

Welcher Cartoon hatte die besten Rückmeldungen?

Phil Hubbe: Einer meiner ersten und mein Lieblingscartoon ist „MS Rainer“ (s.o.). Darauf bekam ich mal eine Mail von einer Dame aus der Schweiz, die schrieb: Als ihr Mann diese Zeichnung sah, konnte er das erste Mal seit fünf Jahren über seine Krankheit lachen. Und das sind so Bestätigungen, mehr brauch ich eigentlich nicht. Da kann mir die Kritik von anderen egal sein.

Seit 1992 ist Phil Hubbe, hier im Selbstpoträt, als Cartoonist und Karikaturist tätig. Foto: Phil Hubbe