Fingerstylegitarrist David Sehling zaubert auf der Gitarre eine Band

Percussive Fingersytle-Guitarist : David Sehling ersetzt auf seiner Gitarre eine ganze Band

Mit seiner Gitarre kann David Sehling wie eine Band musizieren. Auf dem Saiteninstrument spielt er nämlich zusätzlich Schlagzeug. Er ist „Percussive Fingerstyle-Guitarrist“ und wenn er spielt, weiß er oft selbst nicht, was er genau tut. Aber er hat Erfolg.

Im Interview spricht er von seiner Musik und davon, wohin es für ihn in Zukunft hingehen soll.

Wir Hier: David, Du bist ein „Percussive Fingersytle-Guitarist“. Was genau steckt dahinter?

David Sehling: Die Grundidee ist, einen kompletten Song, für den man eigentlich eine ganze Band benötigt, allein auf der Gitarre zu präsentieren. Also Schlagzeug, Bass, Gesangs- und Gitarrenmelodie gleichzeitig auf dem einen Instrument zu spielen.

Wir Hier: Wie sieht denn der Prozess aus, wenn Du einen neuen Song angehst?

David: Ich verwende ein sogenanntes „Open Tunings“, habe also die Gitarre nicht standardmäßig gestimmt. So weiß ich nie genau, wo ich gerade mit der Musik und dem Klang bin und wo ich hingehe. Ich muss quasi herumexperimentieren, und das ergibt eine besondere Stimmung. Ich habe kein theoretisches Hintergrundwissen, wie man Songs am besten schreibt, aber genau darum geht es bei dieser Art der Musik. Weg von Schablonen, um sich frei zu bewegen. Ich kann auch keine Noten lesen und lasse alles auf mich zukommen. So richtig weiß ich meist gar nicht, was ich da konkret tue.

Wir Hier: Wenn Du einen Song anfängst, weißt Du also nie, wie er enden wird?

David: Wie er endet und was dazwischen passiert, das weiß ich nicht. Aber genau dadurch kann ich meine Gefühle in die Musik reinpacken. Ich bin nicht so wortgewandt oder gesprächig und eher ein ruhiger Typ. Ich versuche, meine Gefühle über die Musik auszudrücken. Allerdings singe ich nicht.

Wir Hier: Worauf kommt es Dir bei deiner Musik an?

David: Ich muss sie selbst feiern, und jeder Song soll anders klingen. Daher ist das Tuning bei jedem Song anders. Ich bin sehr selbstkritisch und perfektionistisch. Ich habe meine Songs nicht auf Papier stehen, sondern alle Riffs im Kopf. Instagram nutze ich quasi als Tagebuch und Archiv, in dem ich Teilstücke sammele, auf die ich später wieder zugreifen kann.

Wir Hier: Stichwort Instagram: Du bist jetzt seit etwa vier Jahren dabei und hast rund 135.000 Follower. Das ist eine ordentliche Zahl.

David: Ich wusste bis vor vier Jahren, als ich mit dem Akustikgitarrespielen angefangen habe, noch gar nicht, dass es Instagram gibt. Aber als ich gemerkt habe, dass man da gut Feedback einholen kann, hat mir das sehr gut gefallen. Der Zuspruch hat mit einen richtigen Kick gegeben und mir viele Kontakte gebracht. Seit zwei Jahren habe ich auch einen Sponsoringvertrag, wodurch auch nochmal Auftritte hinzukommen. Ich hoffe, dass ich mich in Zukunft noch ein bisschen über Instagram vergrößern kann.

Wir Hier: Wie sieht denn Dein Plan für die Zukunft aus?

David: Ich werde etwas Neues ausprobieren und Coversongs auf Video aufnehmen, die im Mai veröffentlicht werden. Ich arbeite mit meinem alten Gitarrenlehrer, Markus Tissen, zusammen. Er hört aus den Originalsongs heraus, wie ich alles mit der Gitarre wiedergeben soll. Er schreibt mir die Anleitung dann in Form einer Tabulatur auf. Ich unterlege das mit den Drumparts. Wir nehmen es im Studio von Michael Heidmann auf. Er ist Toningenieur und kümmert sich um die Aufnahme. Außerdem dreht und schneidet er die Videos. Die beiden sind mein Team. Ende des Jahres möchte ich mein eigenes Album herausbringen, und ich spiele mit dem Gedanken, Tutorials auf Youtube anzubieten.

Wir Hier: Die Chancen stehen doch recht gut, dass Du damit Erfolg hast. Schließlich bedienst Du eine Nische.

David: Ja, meine Musik ist anders. Da ist nicht so ein Überangebot wie die Beauty-Fashion bei Instagram. Ich bin halt lieber ein großer Fisch im kleinen Becken, als ein kleiner Fisch im großen Becken.

Wir Hier: Das Gitarrespielen ist ja (noch) nicht Dein Hauptberuf. Wie oft spielst Du?

David: Jeden Tag. Das ist für mich keine Arbeit, sondern ein sehr wichtiges Hobby, mit dem ich Erfolg habe und in das ich viel Zeit investiere. Mich stresst das nicht, und ich vernachlässige auch meine Arbeit nicht dadurch. Es ist schon toll, dass ich mit dem Hobby so erfolgreich bin. Am Anfang hätte ich nie gedacht, dass so was passiert und meine Songs beispielsweise bei Spotify herunterzuladen sind und mein Youtube-Video 145.000 Mal angeklickt wurde.

Wir Hier: Und dabei spielst Du noch gar nicht so lange Akustikgitarre.

David: Das stimmt. Ich habe erst vor vier Jahren damit angefangen, davor habe ich aber zwölf Jahre E-Gitarre gespielt oder es zumindest versucht (lacht). Mit Freunden hatte ich eine Heavy-Metal-Band. Jetzt mache ich ganz andere Musik und mit der Akustikgitarre ist es auch ein ganz anderes Spielen.

Wir Hier: Warum hast Du eigentlich auf die Akustikgitarre gewechselt?

David: Ich habe mir zwei Mal das Sprunggelenk gebrochen, wurde operiert und konnte dann lange Zeit nichts machen – nicht aufstehen, nicht arbeiten. Dann wollte und musste ich irgendetwas machen. Da habe ich überlegt, dass ich mich einfach mal an die Gitarre wage und herumprobiere.

Wir Hier: Und das hat sich gelohnt und funktioniert.

David: Ja, das ist ein tolles Gefühl und auch schön zu sehen, wie es immer weitergeht und welche Projekte kommen. Eine spannende Zeit ist das gerade für mich.

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