Experte erklärt, woher der Ohrwurm kommt

Melodie : Kaugummi kauen gegen den Ohrwurm

Ob das neue Schlagerlied oder die fünfte Sinfonie von Beethoven: Welche Melodien und Musikstücke wir als Ohrwurm haben, ist individuell verschieden. Um den Sound aus dem Kopf zu bekommen, verteilen wir ihn gerne in unserem Umfeld.

Es ist nur eine Frage von Sekunden und der Ohrwurm hat sich für den Rest des Tages, manchmal sogar für die nächsten Wochen eingenistet. Es braucht gar nicht viel, teilweise reichen nur die Abfolge von zwei Tönen und das Gehirn macht alle Schranken auf, um ihn einzulassen. Meine erste, sehr einprägsame Begegnung mit einem anhänglichen Ohrwurm war in der siebten Klasse. Morgens am Frühstückstisch lief das Radio und Fatboy Slim trällerten drei Minuten lang immer wieder „Check it out now, The funk soul brother“. Damit hatten sich die nächsten Wochen entschieden: Die zwei Zeilen hatten sich so sehr in meine Gehirnrinde eingebrannt, dass am Ende die ganze Klasse den Ohrwurm hatte und für die nächste Zeit auch nicht mehr loswurde. Bis heute fällt manchmal noch der Spruch „Weißt du noch, als damals deinetwegen alle diesen Ohrwurm hatten?“.

Social Contagion

Das, was hier passiert war, nennt man in der Wissenschaft  „social contagion“, also soziale Ansteckung. Dass Ohrwürmer weitergegeben werden, passiert sehr häufig. Warum das jedoch so gut funktioniert, ist bis heute noch ungeklärt, sagt Jan Hemming. Er ist Professor für systematische Musikstudien an der Uni Kassel und erforscht schon seit 15 Jahren das Phänomen des Ohrwurms. „Gerade in England gab es in den vergangenen Jahren einen regelrechten Boom auf diesem Forschungsgebiet“, sagt er. Auf diesem Feld sind noch viele Fragen offen. Es ist zum Beispiel unklar, welche Regionen im Gehirn beteiligt sind, wenn der Ohrwurm einen erwischt. Denn das Schwierige an der Sache ist, dass sich „ein Ohrwurm nicht direkt mit einem Gehirnscanner darstellen lässt“.

Kennzeichen für einen richtigen Ohrwurm sei, dass der Abruf der Melodie aus dem Gehirn unwillkürlich geschehe. Welche Musik sich besonders gut in den Kopf einnistet, sei von Person zu Person unterschiedlich und nicht objektiv an eine bestimmte Tonreihenfolge geknüpft. Deswegen könne es auch keine sogenannte Ohrwurmformel geben. „Wir können Ohrwurmformeln so nicht greifbar machen“, sagt Hemming. Es gebe zwar Versuche, eine solche perfekte Tonfolge zu finden, die bewege sich aber in „sehr abstrakten Phasen der Wahrscheinlichkeitsregeln“. Deswegen ist für Hemming klar: „Es wird uns nicht gelingen, eine Ohrwurmformel darzustellen.“

Heilmittel gegen den Ohrwurm

Und wenn dieser musikalische Begleiter nicht mehr weggeht? In dem Fall empfiehlt Hemming, bewusst andere Musik anzuschalten oder Kaugummi zu kauen. „Das unterbindet das innere Mitsingen. Sich einer konzentrierten Tätigkeit zu widmen, kann auch helfen. Zum Beispiel die Steuererklärung machen“. Ein Allheilmittel gegen den Ohrwurm gebe es aber nicht. Und es betrifft fast jeden: Rund 90 Prozent aller Menschen haben regelmäßig einen Ohrwurm, gerade mal zehn Prozent der Menschen haben nie einen Ohrwurm. Woran das liegt, sei jedoch auch noch nicht erklärbar.

Klar sei jedoch, dass bestimmte Trigger, also Auslöser, dafür verantwortlich sind, dass uns ein Ohrwurm in den Gehörgang kriecht. Das geschehe nicht immer bewusst, sagt Hemming. Ein Ort, eine Erinnerung oder ein Musikfetzen aus einem völlig anderen Lied – alle möglichen leisen und lauten Trigger – können Anstoß geben, eine Melodie nicht mehr loszuwerden.

Dass der Kopf im Alltag in teilweise sehr merkwürdigen Situationen auf eine altbekannte Melodie zurückgreift, hänge oft auch mit Situationen von Unter- oder Überforderung zusammen. „Besonders häufig bekommen wir in sogenannten Leerlaufsituationen einen Ohrwurm“, sagt Hemming. Die kognitive Auslastung sei dann nicht gegeben, so dass das Gehirn sich auf „Mind-wandering“ begebe, also auf die Suche nach Auswegen mache, die Langeweile zu bekämpfen. „Dabei greift es dann auf leicht zugängliche, emotional besetzte Gedächtnisinhalte zurück.“

Oft ist das dann eine als besonders gut oder nervig bewertete Melodie. Denn ein Drittel unserer Ohrwürmer sind Tonfolgen, die wir sogar als unangenehm bewerten. „Die emotionale Bindung an eine Musik ist oftmals entscheidend“, erklärt Hemming. Dabei kann das Lied, das hängenbleibt, entweder als sehr gut, aber auch als sehr schlecht bewertet werden.

Wo wir beim Stichwort Schlager wären: Mittlerweile gibt es bei mir einen potenziellen Nachfolger für den Fatboy-Slim-Song von damals. Vor ein paar Wochen war ich auf einer Feier, auf der „Cordula Grün“ lief. Dass ich das Lied seitdem mindestens ein Mal am Tag im Ohr habe, ist also glücklicherweise zum einen kein Beweis dafür, dass ich tief in mir doch ein Schlager-Fan bin, sondern kann durchaus auch einfach das Gegenteil belegen. Zum anderen habe ich selbstverständlich den kleinen Quälgeist schon pflichtbewusst an meine Kollegen weitergegeben. Der Grundstein zum neuen Dauerohrwurm zu werden, ist also schon mal gelegt.

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