Plädoyer für die (Nicht-)Perfektion: Es muss nicht immer alles perfekt sein

Plädoyer für die (Nicht-)Perfektion : Es muss nicht immer alles perfekt sein

Sympathisch ist ein Mensch nicht wegen seines lückenlosen Lebenslaufs, sondern wegen seiner Ecken und Kanten. Ein reibungsloser Aufstieg auf der Karriereleiter macht das Leben nicht interessant, Höhen und Tiefen dagegen schon. Annika Thee plädiert für mehr Gelassenheit. Ein Essay über die (Nicht-)Perfektion.

Wenn ich bereits vor Beginn des Schreibens den Anspruch gehabt hätte, einen perfekten Text abzuliefern, wäre dieser Artikel wohl nie erschienen. Gut also, dass es mein Anspruch war, einen guten Text zu verfassen. Einen, der dazu geeignet ist, die folgende Botschaft zu vermitteln: zur Hölle mit dem Perfektionismus.

Natürlich gibt es unzählige Bereiche, in denen es überlebenswichtig ist, dass Menschen Perfektion anstreben. Niemand möchte einem Chirurgen oder Piloten ausgesetzt sein, der lieber Fünfe gerade sein lässt. Und natürlich profitieren wir heute nur deshalb von vielen wissenschaftlichen Errungenschaften und Maschinen, weil Menschen danach gestrebt haben, ihre Erfindungen immer weiter zu perfektionieren.

Makellosigkeit als Maßstab

Das Problem beginnt dann, wenn Perfektion als Maßstab auf alle Bereiche des Lebens angesetzt wird, auf Noten in der Schule und in der Uni, das körperliche Erscheinungsbild, die Erfolge im Sport oder bei der Beherrschung eines Instruments, bei der Ausstattung der Wohnung, dem Schmücken des Weihnachtsbaums und der Suche nach einem geeigneten Hochzeitsgeschenk. Hier ist die Wahrheit: Kein Mensch kann in allen Bereichen des Lebens perfekt sein, und ständig nach Perfektion zu streben ist nicht nur ermüdend, sondern auch frustrierend.

Denn der Mensch ist keine Maschine. Wir sind nicht darauf ausgelegt, jede Bewegung unendlich oft zu wiederholen, jede Vokabel einer Fremdsprache auswendig zu lernen, bis wir etwas perfekt beherrschen — ohne jeden Fehler, ohne minimale Abzüge für Haltung oder kleinste semantische Unstimmigkeiten. Warum also kostbare Lebenszeit dafür verschwenden, nach Perfektion zu streben?

Wären Menschen zuverlässig perfekt in dem, was sie tun, würde es nicht immer mehr Roboter und Maschinen geben, die sie in allen möglichen Bereichen ersetzen. Weil sie schneller, präziser und effizienter sind. Und vor allem: Weil sie keine Fehler machen, keine wichtigen Termine vergessen, keine falschen Töne treffen, nicht zunehmen, sich nicht vertippen oder sich einfach nicht merken können, ob Lettland nördlich von Litauen liegt oder andersrum.

Ansprüche der Gesellschaft

In einer Gemeinschaft, die sich selbst als Leistungsgesellschaft begreift, wird an die Individuen der Anspruch gestellt, dass die Leistung, die man zeigt, zu jeder Zeit perfekt sein muss. Ständig müssen wir 100 Prozent geben, alles aus uns rausholen und wenn wir nicht mehr können, über uns hinaus wachsen. Zumindest wird uns eingebläut, dass das der Weg zum Erfolg ist. Aber was unsere Leistungsgesellschaft uns als Weg zu Ruhm und Anerkennung aufzeigt, führt in Wirklichkeit nur in eine Richtung: zum Burn-out.

Jeder weiß für sich selbst, dass er nicht perfekt ist. Es gibt immer jemanden, der etwas besser kann. Im Zweifelsfall ein vierjähriges Wunderkind aus China mit 60 Millionen Klicks auf YouTube.

Trotzdem versuchen wir nach außen hin, unsere Fehler zu verbergen oder noch besser: über sie hinwegzutäuschen. Doch wer versucht, andere Menschen mit dem scheinbar makellosen Auftreten zu beeindrucken, kann nur scheitern. Denn was perfekt ist und was nicht, ist in den meisten Fällen Geschmacksache. Für die einen mag es ein Lied sein. „Bohemian Rhapsody“ von Queen oder Beethovens Neunte. Für andere ist es vielleicht die Kür der Eiskunstläufer Aljona Savchenko und Bruno Massot bei den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang. Und sonst?

Dass Perfektion im Auge des Betrachters liegt, zeigen gute und schlechte Rezensionen zu ein und demselben Theaterstück, Restaurant oder Buch. Egal wie gut unsere Leistung ist, sie wird immer auch Kritik hervorrufen. Umso wichtiger ist es deshalb, einen gesunden Anspruch an sich selbst zu haben.

Denn uns selbst unter Druck zu setzen, wurde uns schon in die Wiege gelegt. Die Ansprüche, die Eltern, Lehrern, Trainern und anderen Vertrauenspersonen konstant offen oder subtil an uns stellen, werden zu unseren eigenen. Dabei wissen wir, besser als alle anderen, was wir uns da aufhalsen, denn niemand kennt die eigenen, vielen kleinen Unzulänglichkeiten besser als wir selbst.

Genug Luft zum Atmen

Dieses Essay ist der Aufruf, uns selbst öfter zu sagen „Lass gut sein. Ich habe heute getan, was ich konnte. Das Leben ist zu kurz, um wütend auf mich selbst dafür zu sein, dass ich menschlich bin“. Keine Beziehung ist perfekt, und den perfekten Job gibt es auch nicht. Danach zu suchen, lenkt vom wahren Leben ab. Über kurz oder lang ist überall der Lack ab und die Flitterwochen sind vorbei.

Das Beste, was passieren kann, ist, dass wir das nicht als Scherbenhaufen betrachten, sondern Menschen mit Ecken und Kanten und ein Leben mit Höhen und Tiefen schätzen lernen. Was wir viel höher hängen sollten als die Vollkommenheit, ist das Beinah-Perfekte, das wir erreichen können. So geben wir uns Luft zum Atmen, mindern den Druck und haben dennoch genug Raum für Ehrgeiz und Anstrengung. Und das ein oder andere Mal geben wir uns die Chance, uns selbst zu überraschen.

Streben wir nicht nach der 1,0, sondern eher nach der 1-. Und statt uns zu ärgern, dass wir so knapp am Ziel vorbeigeschrammt sind, freuen wir uns über ein gutes Ergebnis.

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