Die große Freiheit kann auch noch ein bisschen warten

Die große Freiheit kann auch noch ein bisschen warten

Die große Freiheit nach der Schule, endlich weg vom Zuhause — für viele Abiturienten klingt das verlockend. Mir hat die Aussicht, in 150 Kilometern Entfernung von jetzt auf gleich in ein neues Leben zu starten, erst einmal Angst gemacht.

Und so kam er dann auch, der erste Tag auf dem Campus, bei dem alle anderen Erstsemester ihren Spaß hatten und ich mich — zugegebenermaßen unter Tränen — an exakt den Ort zurück sehnte, den ich fürs Studium unfreiwillig verlassen hatte: Mein Zuhause.

Die Nähe zu den Freunden, der gute Rat der Eltern, und das vertraute Gefühl, an jenem Ort sein ganzes Leben verbracht zu haben, waren Dinge, die ich gegen keinen Preis der Welt eintauschen wollte. Auch nicht gegen die süße Freiheit. Zu groß war der Cut, statt mit den Freunden zur Schule zu radeln, wie ein Fremder in der U-Bahn zu sitzen, und statt beim abendlichen Zähneputzen neben den Eltern, nun neben unbekannten Menschen am WG-Waschbecken zu stehen. Denn Ausziehen, befand ich, würde man früher oder später sowieso, aber mit 19 Jahren gab es im Hotel Mama noch zu viele Sachen, von denen man gleichermaßen zehren und profitieren konnte: Ein gefüllter Kühlschrank, ein kostenfreier Waschservice und eine liebevolle Umarmung waren nur einige davon. Die große weite Welt, war ich mir sicher, könne man auch dann noch entdecken, wenn man wirklich bereit dazu wäre.

Deshalb gilt: Wer länger zu Hause bleibt, sammelt zwar später Lebenserfahrung, lernt zunächst weniger von der Welt kennen, und ist seltener auf sich allein gestellt, aber er erspart sich auch häufigeres Umziehen, leere Kühlschränke und jede Menge Geld. Letzteres kann er dann in die erste einige Wohnung investieren, die er dann sogar richtig einrichten kann. Nicht nur spartanisch.

(vino)
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