Den Rursee bei der Arbeit direkt vor der Nase

Bundesfreiwilligendienst : Den Rursee bei der Arbeit direkt vor der Nase

Wohnwagen auf Vordermann bringen, Flöße bauen und Bogenschießen: Das sind nur ein paar Aufgaben, die die 19-jährige Anna Röwekamp seit Juli bei ihrem Bundesfreiwilligendienst erledigt. Im Winter tauscht sie jetzt die Flöße gegen Pinsel und Farbeimer ein.

Anna packt fest zu, lehnt sich mit ihrem ganzen Gewicht zurück und zieht mit aller Kraft am Seil. Langsam, ganz langsam, beginnt der schwere Steg, an dem noch vier kleine Boote festgemacht sind, nach rechts zu gleiten. „Wenn es sich einmal bewegt, dann geht’s meistens“, sagt sie und zieht noch mal nach. Seit Anfang Juli macht die 19-Jährige bei der gemeinnützigen GmbH „Natur bewegt dich“ in Simmerath-Woffelsbach ihren Bundesfreiwilligendienst.

Und dazu gehört auch das „Steg machen“, wie Anna es nennt: Sie muss regelmäßig dafür sorgen, dass der Steg in der Bucht trotz wechselnder Wasserstände immer auf Höhe des Sees liegt. Eine ihrer Lieblingsaufgaben: „Das ist zwar anstrengend, aber toll, weil ich sonst immer auf dem Gelände bin und so mal direkt am See arbeite.“

Als es im Sommer noch voll und heiß war, habe direkt neben ihr eine Gruppe von Jugendlichen Musik gemacht, als sie den „Steg machte“ – musikalische Untermalung bei der Arbeit. Auch jetzt, drei Monate später, kann man sich das noch gut vorstellen. Mittlerweile ist es hier jedoch ruhig geworden. Anna knotet den Steg wieder fest und klettert den steilen Hang zum Uferweg hoch. Das Gelände von „Natur bewegt dich“ liegt direkt vor ihr.

Wettrennen auf Flößen

Bevor sie zu den Campingstellplätzen, Wohnwagen und Hütten kommt, muss sie an einem Unterschlag vorbei, in dem sich große blaue Regentonnen stapeln. „Das ist das Material für unsere Flöße“, sagt Anna. Im Sommer, wenn hier Hochbetrieb herrscht, kommen neben den einzelnen Campinggästen auch größere Gruppen her, die dann unter anderem von ihr betreut werden. Eine Aufgabe der Teilnehmer: aus vier Tonnen, sechs Hölzern und Seilen müssen sie jeweils zu viert versuchen, ein schwimmendes stabiles Floß zu bauen – das im besten Fall auch noch alle vier transportieren kann. Anna hilft bei Knoten und der Konstruktion. „Aber spätestens beim Wettrennen bis ans andere Ufer fallen die meisten Flöße auseinander und die Teilnehmenden ins Wasser“, sagt sie lachend.

Laut Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben gehört Anna mit ihrem Job zu über 7000 jungen Leuten unter 27 Jahren, die in NRW zurzeit einen Bundesfreiwilligendienst verrichten. Bundesweit sind es sogar mehr als 27.000 in dieser Altersklasse.

Bevor sie mit dem sogenannten Bufdi in der Eifel begann, turnte Anna bis zu vier Mal in der Woche Rönrad, war Schwimmtrainerin und spielte Klavier. Und, wenn es im Alltag mal zu stressig wurde, half immer der Spaziergang im Wald – das ist bis heute so. Auch ein Grund, weswegen sie im Sommer das Bogenschießen auf einer Waldlichtung in der Nähe mit den Teilnehmern so genoss. Anderthalb Stunden braucht sie von Aachen mit dem Bus, bis sie an ihrer Arbeitsstätte ist. Aber das lohnt sich, denn „jeden Morgen komme ich zur Arbeit, schaue auf den Rursee und denke ‚wow’“, sagt sie. Nach ihrem Bundesfreiwilligendienst soll es für sie mit einem Architekturstudium weitergehen.

Mittlerweile ist Anna bis zu den Wohnwagen gelaufen. Sie steuert einen knallgrünen mit roten Türen an und klettert hinein. „Wir haben hier zehn Wohnwagen, alle haben ein anderes Thema“, sagt sie. An Tagen, an denen sie lange arbeiten muss, übernachtet sie auch schon mal in einem Wohnwagen, falls einer frei ist.

Wer hier klingelt, wird mit einem Weihnachtslied begrüßt: der Weihnachtswohnwagen. Foto: Anna Katharina Küsters

Dieser hier ist ganz neu, beim Spannen der Plane und beim Auffüllen mit Kies hat Anna geholfen. „Den mag ich eigentlich am liebsten, weil er so hell ist, wahrscheinlich wird er mal das Thema ‚Pippi Langstrumpf’ bekommen.“ Ein paar Schritte weiter tönt es laut „We wish you a merry christmas“, wenn man auf die Klingel drückt. „Das ist unser Weihnachtswagen, der gehörte mal einem Tannenbaumverkäufer.“ Innen hängt ein Adventskalender und eine Girlande mit Sternen und Christbaumkugeln. Die Gäste begrüßt ein Plastiknikolaus auf einem Mond an der Tür.

Eine Familie tummelt sich noch in einem Wohnwagen nebenan, ansonsten ist zurzeit keiner mehr gemietet. Engen Kontakt zu Gästen hat Anna bisher noch nicht geknüpft, „die bleiben ja nicht“. Es ist ein schönes, geselliges Kommen und Gehen für sie, aber auch bei vollem Haus fühle sie sich da manchmal einsam.

Neben dem Country-Wohnwagen steht ein riesiges Pferd aus Holz – ein Projekt eines ehemaligen Bufdis. „Es ist schon schön, wenn man sich hier mit einem Projekt verewigen kann“, sagt Anna. Die Winterzeit sei sozusagen Zeit für ein Kreativprojekt. Für sie stehe jetzt erstmal das Streichen des Gruppenhauses an. Den Steg wird sie auch die kommenden Wochen „machen“.