Selbstoptimierung: Da geht noch was. Oder?

Selbstoptimierung : Da geht noch was. Oder?

Ein bisschen besser, ein bisschen mehr, ein bisschen schöner? Die Generation Y, die Millennials, oder wie auch immer man die Menschen im Alter von ungefähr 18 bis 35 nennen mag, hadern mitunter mit der Reizüberflutung und mit dem Perfektionismus. Warum eigentlich? Ein Essay.

Morgen ist Sonntag. Das heißt für die meisten Freizeit – also ausschlafen? Brunchen gehen? Entspannung? Oder die Freundin treffen, die in den vergangenen Wochen eindeutig zu kurz gekommen ist? Was es auch ist – die meisten haben einen Plan, immer, auch am Wochenende. In den Tag hineinzuleben, das kommt selten vor. Und schickt sich für das Storyboard auf Instagram & Co. auch nicht.

Die Selbstoptimierung ist zunehmend präsent, übertrieben und manchmal wahnhaft. Zum Beispiel in den Profilen und Newsfeeds der Sozialen Netzwerke. In der Arbeitswelt ist Optimierung das Ziel, Prozesse werden verbessert und angepasst, damit alles geordnet und effizient verläuft. Das ergibt Sinn. Das Problem ist: Es geht in unserer Freizeit weiter. Die ist naturgemäß begrenzt, und wir haben das Gefühl, wir müssen das Beste herausholen, immer und vor allem am Wochenende. Carpe Diem haben doch schließlich schon die Römer gesagt und damit gemeint, die knappe Lebenszeit heute zu genießen und nicht alles mögliche auf den nächsten Tag zu verschieben. Was sie nicht gemeint haben: in den privaten Optimierungswahn zu verfallen. „Genießen“ lautet nämlich das Zauberwort.

Hinter diesem Drang der Optimierung stecken die Ideale Leistung und Disziplin. Wann ist etwas gut genug? Ist jemals etwas gut genug? Um das herauszufinden, gibt es alle möglichen Strategien. Fitness-Tracker, die zum Laufen anspornen. Essen, das selbstverständlich komplett selbst und ohne verarbeitete Produkte zubereitet worden ist. Der Urlaubsort, der heute nicht mehr nach Belieben ausgewählt wird, sondern danach, ob er angesagt und fototauglich ist.

Bevor wir also eine Reise buchen, benutzen wir mindestens drei verschiedene Suchmaschinen, die uns garantiert das beste Angebot ausspucken. Vor Ort werden die Hotspots, die Trip Advisor dringend empfiehlt, stoisch abgearbeitet. Bevor wir irgendwo essen gehen, lesen wir bei allen möglichen Portalen, um sicherzugehen, dass es sich wirklich lohnt, dort einzukehren.

Die Sozialen Medien machen den Optimierungsdrang schlimmer. Das fängt beim Posten des absolut gesunden Frühstücks mit dem fotogenen, aber leider völlig wirkungslosen Detox-Smoothie an und geht weiter über die einschlägigen, sorgfältig inszenierten Fitnessstudio-Fotos, die wohl jeder, der in den Netzwerken aktiv ist, kennt. Die gestellten Selfies vor den Trip-Advisor-Hotspots gehören ebenso dazu.

Es gibt inzwischen genügend Studien, die zu dem Schluss kommen, dass es unglücklich macht, die schönen und perfekten Urlaubsbilder der Facebook-Freunde anzugucken. Der einzig gültige Schluss daraus, während man an einem trüben Tag irgendwo in NRW durch die Newsfeeds scrollt, kann da sein: Alle haben ein tolles Leben, außer mir. Während wir also vor Facebook sitzen und mit hunderten „Freunden“ virtuell verbunden sind, fühlen wir uns trotzdem allein. Was haben wir bloß falsch gemacht?

Eigentlich nichts. Außer vielleicht, uns zu sehr beeinflussen zu lassen. Und eben ständig besser sein zu wollen. Perfektionisten gab es schon immer. Heute aber ist fast jeder einer. Es gehört beinahe zum guten Ton, mit einem müden Lächeln und einer saloppen Handbewegung zu sagen „Ach, da bin ich wohl einfach zu perfektionistisch.“ Das bestätigt eine Studie von den beiden Psychologen Thomas Curran und Andrew Hill aus England. Sie haben die Einstellungen junger Menschen von heute mit denen in den 80er Jahren verglichen und kommen zu genau diesem Schluss.

Bei aller Sicherheit unsicher

Wir leben sicherer und freier als die Generationen vor uns. Aber genauso, wie Menschen sich unsicherer fühlen, obwohl die Kriminalität tatsächlich abnimmt, ist das Streben nach Perfektion heute präsenter als in den Jahrzehnten zuvor.  Und so vergleichen wir uns und stellen fest, wie viel besser, schöner oder talentierter andere (vermeintlich) sind. Das verunsichert.

Und: Während junge Menschen zwar oft ehrgeizig und perfektionistisch sind, mit großen Zielen im Kopf, sind sie zunehmend überfordert. Oft vor allem mit den kleinen Dingen. Die Steuererklärung machen, Arzttermine vereinbaren, das Paket von der Post abholen, das Auto in die Werkstatt bringen. Das, was unsere Eltern neben Job, Alltag, Haushalt und Familie einfach so wuppen. Wir schieben es vor uns her, bis es irgendwann nicht mehr wegzuschieben geht, und der Druck längst gemächlich größer geworden ist.

Die amerikanische Journalistin Anne Helen Petersen nennt das in ihrem kontrovers diskutierten Essay „How Millennials became the Burnout Generation“ die „Erledigungslähmung“.  „Millennials“ sollen dabei die Menschen sein, die zwischen 1984 und 1999 geboren sind. Vor lauter Planung und Optimierung haben sie einfach keinen Kopf mehr für die ganz normalen, nicht optimierten Dinge. Es stresst sie. Man kann sogar noch einen Schritt weiter gehen: Sie verlieren die wichtigen Dinge aus den Augen. Für ältere Generationen ist das schwer nachzuvollziehen.

Dabei sind es zusätzliche Verbindlichkeiten und Termine, die „Millennials“ scheuen. Da ist es auch gar nicht wichtig, ob es um den TÜV-Termin oder um die Abendplanung am Wochenende geht. Denn während die nächste Woche eigentlich schon straff durchgetaktet ist, scheuen wir uns skurrilerweise vor festen Zusagen. Einweihungsparty oder grillen oder Sauna, um endlich, endlich mal entspannen zu können? Wir wissen es schlicht noch nicht – im Hinterkopf der Gedanke, dass sich vielleicht noch etwas zum Optimieren ergeben könnte, dass man zwischen Werkstatt und Grillen vielleicht noch die „Quality Time“ mit der Freundin quetschen könnte. Aber das müssen wir lieber noch einmal überdenken und planen – und sagen deswegen ungern zu. Freizeitstress ist mitnichten nur die Durchgeplantheit und die Termine an sich, es ist auch genau das.

Während wir also schon fleißig alles optimieren, was wir beeinflussen können, wollen wir inzwischen auch das in Angriff nehmen, was wir eigentlich nicht beeinflussen können: Schlafen. Wir schlafen nicht um des Schlafens willen, sondern wir schlafen uns „schlank im Schlaf“. Oder um wenigstens ein bisschen schöner zu sein, oder um schlicht unser geplantes Pensum am nächsten Tag schaffen zu können. Und wir gehen nicht einfach so schlafen, wenn wir müde sind, nein, vorher dürfen wir mindestens vier Stunden nichts gegessen haben, 45 Minuten vorher keinen Bildschirm mehr vor Augen gehabt haben, die Heizung muss aus sein und der Raum mindestens 15 Minuten gelüftet. Und die Füße müssen zum Fenster – sonst ist das kein Feng-Shui.

Dazwischen steht die Realität. Und einer Studie der DAK zufolge besagt die, dass jeder zehnte Arbeitnehmer an schweren Schlafstörungen leidet. Und mehr: 80 Prozent der befragten Beschäftigten fühlten sich von Schlafproblemen betroffen, hochgerechnet sind das etwa 34 Millionen Menschen in Deutschland.

Der Wahn muss aufhören. Der erste Schritt ist der geschärfte Blick auf das Ich und auf das eigene Handeln. Muss das ausgedehnte Frühstück am Sonntag durch und durch gesund und auf dem Foto schön anzusehen sein? Muss es überhaupt fotografiert werden? Muss es wirklich die Entspannung nach Plan sein, am besten mit Yoga, Meditieren oder was man eben heutzutage so macht? Ist die „Quality Time“ mit der zu kurz gekommenen Freundin wirklich so qualitativ wertvoll, wie wir uns vormachen, oder ist es nur ein weiterer Punkt, der an diesem Tag von der To-Do-Liste abgearbeitet wird?

Nicht das Maß aller Dinge

Wir müssen aufhören, ständig besser sein zu wollen. Selbstoptimierung ist nicht das Maß aller Dinge. Und wir müssen uns auch nicht permanent vergleichen. Vermutlich sind wir sogar genau dann die beste Version von uns selbst, wenn wir auf uns hören und in unserer Freizeit das machen, was uns gut tut – nicht das, was uns angeblich gut tun soll.

Wir unterschätzen, wie viel Zeit wir für uns selbst brauchen. Und wie wichtig es ist, auf sich zu achten (Nein, damit ist nicht gemeint, sich zum nächsten modernen Achtsamkeits-Kurs anzumelden). Einfach so, ohne etwas zu optimieren. Und mitunter auch ohne gesundes Essen und Sport. Und um Himmels Willen ohne Social-Media-Fotos. Ein Wochenende ohne Plan ist völlig okay. Und: Die  Alltags-Termine und die Rechnungen sind nach solch echter Entspannung auch kein Problem mehr, sondern gehören eben einfach dazu.

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