„Botschafter der Vielfalt“ an der Hauptschule Aretzstraße

Projekt „Botschafter der Vielfalt“ an der Hauptschule Aretzstraße : Damit Diskriminierung kein Tabuthema mehr ist

Eine multikulturelle Gesellschaft zu stärken, ist in Zeiten des politischen Rechtsrucks in Europa besonders wichtig. Beim Projekt „Botschafter der Vielfalt“ sollen junge Menschen in der Schule lernen, wie sie mit Diskriminierungs- und Ausgrenzungssituationen umgehen können. Die Gemeinschaftshauptschule Aretzstraße hat mitgemacht.

Es ist Montagmorgen, Projektleiterin Mayssoun Zein Al Din steht vor einer achten Klasse der Gemeinschaftshauptschule. Mindestens 80 Prozent der gesamten Schülerschaft haben hier einen Migrationshintergrund. Es ist unruhig im Raum. Die Schüler wirken lustlos. „Warum seid Ihr hier?“, fragt Zein Al Din. Schulterzucken. „Weil wir müssen“, antwortet einer der Schüler.

Dann erzählt die heute 40-jährige Politikwissenschaftlerin Zein Al Din eine Geschichte eines Flüchtlingskindes, das aus dem Libanon nach Deutschland kam. Dessen Familie war sehr arm und bekam wenig finanzielle Unterstützung. Das Mädchen aus dem Libanon besuchte zu dieser Zeit eine Hauptschule. Sie lernte fleißig – sowohl in der Schule als auch zu Hause. Doch niemand wollte ihr die Chance geben, eine höhere Schulform zu besuchen. Irgendwann habe es einen einzigen Schulleiter gegeben, der dem Mädchen eine Chance geben wollte. Sie durfte aufs Gymnasium wechseln. Und sie lernte weiter und behauptete sich. „Aufstieg gelingt nur durch Bildung“, sagt Zein Al Din. Nachdem sie diese Geschichte erzählt hat, hören die Schüler ihr endlich aufmerksam zu. Das ist für das Gelingen des Projektes sehr wichtig.

Mayssoun Zein Al Din arbeitet im nordrhein-westfälischen Landtag. Nebenbei hat sie sich immer für Projekte der Antidiskriminierungsstelle des Bundes eingesetzt. Als sie damals Mutter wurde, hatte sie ihre Aktivität zunächst eingestellt. Jetzt hat sie wieder Luft und startete nun mit dem Projekt „Botschafter der Vielfalt“. In der heutigen Zeit sei es besonders wichtig, einer fortschreitenden gesellschaftlichen Spaltung entgegenzuwirken, sagt Zein Al Din. Deswegen fördert die Bundeszentrale für politische Bildung eine kleine Auswahl an innovativen Modellprojekten. Das Projekt „Botschafter der Vielfalt“ gehört dazu.

Es soll zum Nachdenken anregen, welche grundlegenden Werte Deutschland ausmachen. In diesem Zusammenhang spielen auch die Begegnungen junger Menschen eine Rolle. „Beim Projekt soll Unwissen über den anderen und die Angst davor thematisiert und anhand spielerischer Methoden verarbeitet und beseitigt werden“, erklärt die Projektleiterin. An diesem Tag formulieren die Schüler auch ihre eigene Charta der Vielfalt. Niemanden zu mobben, alle Menschen zu respektieren und Bedürftige zu unterstützen sind nur einige der insgesamt neun Punkte, die am Ende zusammenkommen. Das Thema Mobbing findet sich später noch mal wieder. In Einzelarbeit malen die Schüler Bilder ihres persönlichen Baumes. Dieser soll eine Selbstreflexion darstellen. „Wo habe ich in meinem Leben Diskriminierung erlebt? Wurde mir geholfen? Habe ich mich dadurch verändert?“

Einge Bäume haben Risse und Kanten, manche sind halb vertrocknet, halb blühend. „Ich habe viel an meiner alten Schule erlebt“, sagt Olivia und meint damit auch Mobbing. „Aber seit ich in dieser Klasse bin, geht es mir besser.“ Symbolisiert wird dieser Abschnitt ihres Lebens mit einer Kerbe im Holz. Joan hat Ähnliches erlebt. „Früher ging es mir nicht so gut, heute geht es mir besser. Trotzdem wünsche ich mir immer noch Unterstützung“, erzählt sie. „Für die Schüler war eine künstleriche Aufgabe sehr wichtig“, sagt Mayssoun Zein Al Din. Einerseits reflektierten sie so ihre eigenen Erfahrungen mit Diskriminierung, andererseits würden sie sich aber auch darüber klarwerden, dass sie selbst möglicherweise andere diskriminiert haben. „Diese Selbstreflexion, die im geschützten Raum stattfindet, führt dazu, dass die Schülerinnen und Schüler für diese Thematik besonders sensibilisiert werden und sich aus freien Stücken in der Gruppe verpflichten, sich für mehr Toleranz und Verständigung in der Gesellschaft einsetzen.“ Die Aufgabe stärke zudem das Bewusstsein, was überhaupt Diskriminierung verursachen könne.

Mayssoun Zein Al Din legt die gemalten Bäume der Schüler aus. Sie zeigen, ob und in welchem Abschnitt ihres Lebens sie Diskriminierung erlebt haben. Foto: Anke Capellmann

Für Schulleiter Ralf Said ist das Projekt ein Erfolg. „Als Hauptschule wird man normalerweise mit allerlei Projekten überflutet. Aber hier stand ich sofort dahinter.“ Auch die Rückmeldungen der Schüler seien bislang durchweg positiv gewesen. Eine Gefahr sieht Said darin, dass sich psychische Gewalt immer mehr auf die Sozialen Medien und beispielsweise auf Messenger wie Whatsapp verlagere. „Es ist mir einfach wichtig, dass unsere Schüler für diese Thematik sensibilisiert werden, dass sie sich damit auseinandersetzen und nicht wegschauen“, sagt er.

Dass an der Gemeinschaftshauptschule Aretzstraße Menschen mit insgesamt 80 verschiedenen Nationalitäten vertreten sind, „muss man erstmal handeln können“, sagt der Schulleiter. Auch für Mayssoun Zein Al Din war es zunächst eine Gratwanderung zwischen nett und autoritär sein. Aber mit dem Verlauf des Projektes sei sie mehr als zufrieden und hofft, dass sie damit noch mehr Schulen und Klassen unterstützen kann.

Bei Interesse am Projekt können sich Lehrkräfte an den Pressesprecher der Bundeszentrale für politische Bildung, Daniel Kraft, wenden.

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