Angelina Boerger im Interview zum Instagram-Kanal Mädelsabende

Angelina Boerger im Interview : Privater Mädelsabend auf öffentlichem Instagram-Kanal

Sie sprechen offen über Sexualität, Gewalt, Krankheiten und Diskriminierung. Vier junge Frauen zeigen auf dem Instagram-Kanal @maedelsabende, dass es im Internet auch ehrlich, frei und vor allem liebevoll zugehen kann. Mit im Team ist die gebürtige Aachenerin Angelina Boerger.

Mit Anne Schröder vom Wir-Hier-Team hat die 27-Jährige über ihre Arbeit bei @maedelsabende gesprochen.

Angelina, warum brauchen wir 2019 extra Kanäle für junge Frauen zu solchen Themen?

Angelina Boerger: Feminismus ist so ein großes Wort, aber es gibt eben noch viele Baustellen, gerade für Frauen. Vor allem die Gleichberechtigung, beispielsweise auf dem Arbeitsmarkt, spielt bei uns eine große Rolle, aber auch sexuelle Belästigung, Herkunft, Erkrankungen oder Sexualität im Allgemeinen. Da muss sich noch viel ändern.

Wie gleichberechtigt sind wir denn mittlerweile?

Angelina: Es hat sich natürlich viel getan bis heute. Was mich aber nervt ist, wenn Menschen sagen, dass über das Thema schon genug geredet wurde und es langsam mal reicht. Das sagen oft diejenigen, die sich nicht in andere hineinfühlen können. Im Alltag gibt es immer wieder unfaire Situationen, damit leben wir – aber das sollte doch nicht normal sein.

Welche Zielgruppe sprecht ihr auf eurem Instagram-Kanal an?

Angelina: Am Anfang war das Ziel, die ganz Jungen anzusprechen. Aber in der Praxis hat sich herausgestellt, dass die meisten Mitte 20 bis Mitte 30 sind, auch eine sehr wichtige Lebensphase. Wichtig ist aber auch, dass wir nicht nur für Mädels da sind, sondern natürlich auch für alle anderen Geschlechtsformen. Wir brechen komplexe und schwierige Themen simpel runter, da ist für wirklich jeden etwas dabei.

Wie ist das Feedback eurer Community?

Angelina: Das ist super positiv. Die Leute sind sehr dankbar über die Inhalte und freuen sich über die Themen. Es gibt echt selten Kritik und wenn, dann ist sie meist konstruktiv. Wir beantworten wirklich jede Nachricht, die wir bekommen. Manchmal kommen krasse Nachrichten, wenn jemand über Gewalterfahrungen oder Depressionen spricht. Wir vermitteln dann auch weiter, wo die Menschen Hilfe finden können.

Wie ist das, wenn man merkt, ich erreiche Leute mit meinen Videos und bewirke etwas?

Angelina: Das ist schon echt ein tolles Gefühl. Wir hatten mal ein Thema, das war besonders krass. In unserer Brustkrebs-Woche haben wir einer Betroffenen einen Tag lang das Handy in die Hand gegeben. Sie hat sich gefilmt, wie sie ihren Alltag bestreitet, zur Untersuchung ins Krankenhaus fährt und auch, wie sie für die nächsten Jahre Geburtstagskarten für ihren kleinen Sohn vorschreibt. Das war so emotional, ich könnte schon wieder anfangen zu weinen.

Geboren und aufgewachsen ist Angelina in Aachen. Für die 27-Jährige gibt es keine Tabu-Themen. Foto: Lena Heckl

Total verständlich. Bei so einem heftigen Thema . . .

Angelina: Die Ärzte haben ihr ein Sterbedatum genannt, das sie mittlerweile überlebt hat. Das war so heftig und hat über die Community hinaus sehr viele Menschen bewegt. Es kamen so viele Nachrichten voller Mitgefühl, aber auch einige, die uns erzählt haben, dass sie sich gleich einen Termin beim Frauenarzt ausgemacht haben. In der Woche hat sich unsere Followerzahl verdoppelt.

Ihr Mädels sprecht auch viel über eure Erfahrungen und persönliche Themen. Du hast mal über das Reizdarm-Syndrom gesprochen, weil du selbst betroffen bist. Woher nimmst du den Mut, das so öffentlich zu machen?

Angelina: Ich bin ein Mensch, der gerne über alles spricht und sich immer mitteilen will. Für mich gibt es eigentlich keine Tabu-Themen. Zuerst spricht man das ja quasi nur ins Handy. Im nächsten Schritt geht dann alles erst online. Es ist einfacher, noch eine Barriere dazwischen zu haben.

Warum ist es dir wichtig, emotionale, persönliche und intime Inhalte öffentlich zu diskutieren?

Angelina: Die Dinge sind da. Man kann und sollte nicht alles krampfhaft verschweigen. Jeder geht aufs Klo oder hat Herzschmerz, also kann man auch darüber reden. Die Welt wäre ein besserer Ort, wenn wir alle ein bisschen ehrlicher und offener wären. Mir ist es mittlerweile so egal, was die Leute über mich denken, gerade wenn ich offen rede.

Ist Instagram, wo der überwiegende Teil ja die perfekten Bilder inszeniert, die richtige Plattform dafür?

Angelina: Gerade da passt unser Kanal hin. Natürlich wird dort die schöne neue Welt präsentiert, aber das andere, das Echte, muss es eben auch geben. Das eine schließt das andere ja nicht aus. Das Erstaunliche: Obwohl Instagram ein öffentlicher Raum ist, ist er trotzdem für unsere Community geschützt. Ein Ort des Austauschs.