Aachener Shoutcoach Thomas Fischer lehrt das Schreien

Heavy-Metal und Hardcore : Aachener Shoutcoach lehrt das Schreien

Shouten, screamen und growlen - was für andere laut, hart und unharmonisch klingt, ist für Thomas Fischer Musik. Statt wohltuender Klänge hört man bei ihm extreme und tiefe Schreie. Und wie genau das funktioniert, bringt er anderen Frontsängern bei. Denn der Aachener ist Shoutcoach für Heavy-Metal- und Hardcore-Bands.

Verzerrte Gitarren, extremes Gebrüll und eine so hohe Lautstärke, dass sich so mancher Zuhörer lieber die Ohren zuhält – auch das ist musikalische Kunst. Und wenn ein Sänger nicht weiß, wie er shoutet, also schreit, kann mit der Karriere und der eigenen Heavy-Metal-Band schnell Schluss sein.

Wichtig ist die richtige Technik

Damit das nicht passiert, gibt es Thomas Fischer. Der Aachener nennt sich selbst Shoutcoach. Das bedeutet, dass er den Frontsängern von solchen Bands das richtige Schreien beibringt. „Die Technik spielt dabei die entscheidende Rolle“, sagt Fischer. Der perfekte Schrei sei nämlich gar nicht so einfach. Es stecke viel mehr dahinter, als einfach nur zu brüllen. Um die richtige Technik zu finden, zeigt Fischer seinen Schülern, welche Muskulatur sie benutzen müssen und wie sie sie richtig einsetzen.

Eigentlich ist Thomas Fischer Qualitätsmanagementbeauftragter in einem Labor für Umwelttechnologie. Aber schon während seines Biologie-Studiums war er Shouter, also Schreier, seiner eigenen Heavy-Metal-Band „10 Fold B-Low“. Während dieser Zeit sei er selbst mit den Schwierigkeiten des richtigen Schreiens in Kontakt gekommen.

„Ich kenne niemanden, der diese Art des Coachings anbietet. Deswegen habe ich mir dann alles an Literatur besorgt, mit Logopäden, Gesangsdozenten gesprochen, und mich vier Jahre lang intensiv mit Stimme, Muskulatur und Atemübungen auseinandergesetzt“, erklärt Fischer. Wichtig sei ihm auch gewesen, alle anatomischen Strukturen zu kennen und auch deren Funktion im Prozess des Schreiens. „Erst wenn man versteht, wie ein Geräusch entsteht, kann man es auch kontrollieren.“ Insgesamt sei es ein langer Weg gewesen, bis er sein Coaching anbieten konnte.

Gesundheit hat Priorität

Kritiker behaupten, dass diese Art des „Singens“ nichts ist, wofür man Talent braucht. Dass ein falscher Einsatz der Stimme aber auch zu schlimmen Verletzungen führen kann, weiß der Shoutcoach. „Jeder Fehler kann in den Stimmbändern landen: Von Kntöchen bis hin zur Stimmbandlähmung. Jeder Fehler kann der letzte sein“, sagt Fischer. Die Gesundheit solle Priorität haben, nicht der Sound.

Spätestens wenn man die Musik nicht nur als Hobby betreibe, sondern damit sein Geld verdiene und über Jahre shoute, könne es gefährlich werden. „Und Fehler, die man einmal drin hat, sind schwer wieder abzutrainieren“, erklärt er. Deswegen kommen viele Lernwillige in Fischers Studio. Auch solche, die nicht besonders musikalisch talentiert sind. „Man muss keine Töne treffen. Das Schreien lernen kann jeder“, sagt der Aachener.

Muskulatur und Haltung üben

An den Schrei geht der Shoutcoach mit seinen Schülern ganz langsam heran. Vier bis fünf Monate, ein paar Stunden in der Woche – das sei schon mindestens nötig. Während des Unterrichts werden Rücken- und Bauchmuskulatur trainiert. Es gibt verschiedene Kraftübungen mit dem eigenen Körpergewicht, aber auch Halteübungen für die Ausdauer.

„Wichtig sind auch die Taschenfalten. Die liegen über den Stimmbändern und halten sie feucht. Niemand, der es nicht gelernt hat, weiß, wie man die Taschenfalten öffnet und schließt. Aber auch das bringe ich meinen Schülern bei“, sagt Fischer. Der Unterricht mache eher weniger Spaß. Es sei harte Arbeit und die Sänger müssten es wirklich wollen. Dass ein solches Geschrei wenig mit Harmonie zu tun hat, verneint Fischer: „Zusammen mit der Band und den unterschiedlichen Instrumenten wird auch der Shout melodisch.“

Thomas Fischer war in diesem Jahr bereits das zweite Mal beim Heavy-Metal-Festival Wacken Open Air. Gearbeitet hat er hier im Bereich „Artist Hospitality“. Hier werden die Künstler in Empfang genommen und betreut, können zur Ruhe kommen und haben zahlreiche Ansprechpartner.

Der Shoutcoach sagt, er habe bereits viele bekannte Künstler unterrichtet. Zu diesen namhaften Sängern zählten auch Paul von „We Butter The Bread With Butter“ und Philipp von „Varg”. Es gebe noch einige mehr, aber viele würden nicht in diesem Zusammenhang genannt werden wollen. „Künstler und Sänger sind oft sehr eitel. Das finde ich sehr schade, weil solche großen Bands immer auch eine Vorbildfunktion haben. Würde man offener darüber sprechen, dass man sich bei anderen Hilfe holt, gäbe es in Zukunft vielleicht weniger stimmliche Verletzungen“, erklärt Fischer.

Als Musiker leben

Der Shoutcoach spielt mittlerweile seit Ende 2011 in seiner Band „In Arcane“, unter anderem auch in Aachen. „Ständiges Touren und unterwegs sein ist für mich aber nichts für die Ewigkeit. Ich hatte mein Musikerleben. Jetzt habe ich eine Frau und eine kleine Tochter. Von ihnen will ich nicht lange getrennt sein“, erklärt Fischer. „Irgendwann muss man auch mal zur Ruhe kommen.“

Bewusste Entscheidung

Seine nebenberufliche Tätigkeit als Shoutcoach betreibt Thomas Fischer an zwei Tagen in der Woche. Laut ihm könne er bereits allein von diesen Einnahmen leben. „Ich mache aber auch meinen anderen Job sehr gerne und habe mich bewusst dafür entschieden, zwei Dinge zu machen“, erklärt er. Wenn man etwas jeden Tag mache, könne es schnell zur Routine werden. Das wollte er in seinem Dasein als Shoutcoach vermeiden.

Jeden Mittwoch unterrichtet Fischer seine Schüler in seinem Studio in Köln. Freitags ist er dann in seinem Studio in Aachen. Seine Schüler kommen von weit her – Hamburg, München, aus der Schweiz und Österreich. „Manchmal funktioniert das Ganze auch über Skype.“

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