Stolberg: Wenn die Welt sich aufzulösen droht

Stolberg: Wenn die Welt sich aufzulösen droht

Der Kampf geht nie zu Ende. Christiane, Jacques und ihre Schicksalsgefährten sind wie Soldaten, die sich dem Feind partout nicht ergeben, so mächtig er auch sein mag. Ihr Feind ist der Alkohol.

Das Gefährliche an ihm ist, dass er fest im gesellschaftlichen Leben verankert ist. Die Versuchung ist allgegenwärtig. „Illegale Drogen wie Heroin oder Kokain bekommt man nicht im Supermarkt - Alkohol schon”, sagt Christiane von der unabhängigen Stolberger Selbsthilfegruppe „Alkohol & Medikamente”.

Jeden Montag treffen sich die Mitglieder. „Wir geben uns Halt, man erzählt, was einen beschäftigt”, schildert Ulla, deren Mann trockener Alkoholiker ist. Zum harten Kern der Gruppe gehört auch Jacques, der seit 25 Jahren keinen Tropfen mehr angerührt hat. Dennoch würde er nie von sich behaupten, es geschafft zu haben. Immer wieder aufs Neue müsse man sich auf den Prüfstand stellen und dürfe nicht den Fehler begehen, sich zu sicher zu fühlen.

Das Fatale ist, dass es keine andere Krankheit gibt, die von der Gesellschaft derart als Frage der Charakterstärke interpretiert wird. „Sucht hat nichts mit Willensschwäche zu tun”, stellt Wolfgang Hundt, Leiter der Suchtberatung in Eschweiler, klar. „Viele schämen sich und verschweigen in der Konsequenz ihre Erkrankung. Ebenso die Angehörigen, die sich fragen, ob sie Schuld an der Situation haben”, schildert Hundt. „Sucht lebt vom Schweigen”, ergänzt er.

Die Mitglieder der Gruppe hingegen schweigen nicht, sie erzählen ihre Geschichte, beschönigen nichts. „Ich habe mir ausgerechnet, dass ich ein ganzes Haus versoffen habe”, sagt Jacques ohne jede Bitternis. Er holt ein verblichenes Polaroidfoto hervor. Es zeigt einen bleichen jungen Mann, der traurig in die Kamera blickt. Das Foto entstand am 6. Februar 1986. Es war der Tag seiner Einlieferung in die Entzugsklinik - mit 3,7 Promille Blutalkohol.

Jacques hatte sich freiwillig einweisen lassen. „Auslöser für meine Entscheidung war der Moment, als ich nach Hause kam und meine Frau mir eröffnete, dass sie mich verlassen würde, weil sie das Leben an der Seite eines Alkoholikers nicht mehr ertragen würde.” Anfangs habe er noch gelaubt, dass sich mit der Entziehungskur sämtliche Probleme in Luft auflösen würden. „Dem ist nicht so”, sagt Jacques. Die Ehe ging später in die Brüche, jedoch aus anderen Gründen.

Auch Christianes Welt stand kurz davor, sich aufzulösen. Eines Tages kam der Chef zu ihr und sagte, wenn sie nichts gegen ihre Alkoholsucht unternehme, würde sie ihre Arbeit verlieren. Auch ihr Freund wollte ihr helfen und hielt wie die Familie zu ihr. Mit ihren Freund ist sie heute glücklich verheiratet. Der Weg aus der Sucht war schwer und lässt sich nicht in einigen wenigen Sätzen beschreiben.

Das Perfide an der Sucht ist, dass sie ein Grundbedürfnis erfüllt - sich gut zu fühlen. Christiane: „Das Gehirn hat gelernt, dass Alkohol Entspannung bringt. Über komplizierte Mechanismen aktivieren suchterzeugende Substanzen das Belohnungssystem im Gehirn. Um immer wieder die gleiche Wirkung zu erzielen, muss die Dosis kontinuierlich nach oben geschraubt werden.” Die Gier nach Alkohol, der Wunsch nach einer „Dosis Glück” wird schier unbezwingbar. „Man muss sich regelrecht umprogrammieren”, sagt Christiane, die seit 18 Jahren „trocken” ist.

Die Selbsthilfegruppe bedeutet ihr viel. „Früher waren wir 20 Leuten. Nach und nach ist einer nach dem anderen verstorben.” Dass die Gruppe keine neuen Mitglieder gewinne, liege nicht daran, dass es weniger Alkoholismus gebe. Früher seien die Suchtkranken besser betreut worden, sagen die Mitglieder der Gruppe unisono.

„Die Hemmschwelle bei der ersten Kontaktaufnahme ist hoch. Es fällt vielen leichter, wenn zum ersten Treffen ein Betreuer oder Therapeut mitgeht, aber das ist beim Sparkurs personell nicht machbar”, macht Jacques seinem Ärger Luft. Die Beratungsstelle in Eschweiler registriert indes einen Zuwachs junger Menschen mit Alkoholproblematik. Eine Gefahr sieht Hundt vor allen in Alcopops, jenen süßlich schmeckenden Alkoholdrinks.

Wo es Hilfsangebote in der Städteregion gibt

Suchtberatung Eschweiler, Bergrather Straße 51 bis 53 in Eschweiler, Tel. 02403/88 30 50, Internet: www.sucht-eschweiler.de.

Selbsthilfegruppe „Alkohol & Medikamente” für Betroffene und Angehörige, Tel. 0151/ 42445033. Die Treffen finden montags von 19 bis 21 Uhr im Seniorenzentrum Auf der Liester, Amselweg in Stolberg, statt.

Weitere Informationen über Selbsthilfegruppen gibt es beim Selbsthilfebüro der Städteregion, Steinstraße 87 in Eschweiler. Leiterin Astrid Thiel ist zu erreichen unter Tel. 0241/ 51985319 und per Mail unter Selbsthilfebuero@staedteregion-aachen.de.

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