Drei Szenarien: Was uns bei Corona noch erwartet

Drei Szenarien : Was uns bei Corona noch erwartet

Experten haben sich mit Szenarien der Pandemie beschäftigt, die die nächsten vier Jahre abdecken. Sie zeigen drei mögliche Entwicklungen auf.

Die Corona-Pandemie ist noch nicht vorbei. Dieses Mantra bestimmt nach wie vor die Haltung der meisten Verantwortlichen und Experten, die sich mit diesem Virus beschäftigen. Der Rückgang der weltweiten Infektionszahlen verringert zwar die Dringlichkeit des Problems. Aber der Internationale Wissenschaftsrat (International Science Council), der den verschiedenen Wissenschaftsvereinigungen eine weltweite Stimme geben will, sieht in seiner jüngsten Studie weiterhin große Herausforderungen auf die Menschheit zukommen. Die Initiatoren der Studie haben 167 internationale Experten aus rund 30 Ländern nach ihrer Einschätzung gefragt. Virologen, Immunologen, Wirtschaftsexperten, Regierungsvertreter und Spezialisten für staatliche Gesundheitssysteme waren darunter. Daneben haben sich mehrere Workshops mit anerkannten Wissenschaftlern und Praktikern mit Szenarien der Corona-Pandemie beschäftigt, die die nächsten vier Jahre abdecken.

Herausgekommen sind drei Pfade, die von riskant bis optimistisch reichen. Sie haben starke Wechselwirkungen mit anderen politischen Zielen wie dem Klimawandel, der Bekämpfung von Hunger und Krieg sowie der Entwicklung in den Ländern des globalen Südens. Immerhin sind bislang nach Zahlen der Johns-Hopkins-Universität 522 Millionen Menschen weltweit nachweislich mit dem Coronavirus infiziert worden; 6,3 Millionen von ihnen sind gestorben. Die Dunkelziffer schätzen etliche Experten auf die vierfache Menge.

Kontinuitätsszenario

Es gilt als die wahrscheinlichste Variante im Urteil der Experten. Danach wird es bis 2027 für alle problematischen Virus-Mutationen einen geeigneten Impfstoff geben. Covid wird nur als endemische Seuche regional auftreten. Das heißt, einen engen internationalen Zusammenhang wie zu Beginn der Pandemie wird es nicht mehr geben. Auch die in den vergangenen beiden Jahren auftretenden Corona-Wellen gehören der Vergangenheit an. Die Kapazitäten für Impfstoffe und antivirale Medikamente werden so groß sein, dass die gesamte Welt damit versorgt werden kann. Bei regionalen Ausbrüchen und Infektionswellen kommt das Gesundheitssystem in entwickelten Industrieländern unter Stress. In den weniger entwickelten Ländern, selbst in manchen Schwellenländern, kann es sogar kollabieren.

Die Zusammenarbeit zwischen den Ländern wird in diesem Szenario zwar vorhanden sein, aber auch großen Spannungen wie etwa jetzt im Ukraine-Konflikt unterliegen. Autoritäre Systeme und populistische Regierungen dürften weltweit zunehmen. Es gibt Probleme bei den Lieferketten und insbesondere in der Nahrungsmittelversorgung in den Ländern des Südens. Die Weltgesundheitsorganisation wird ihren Aufgaben nur begrenzt nachkommen. Auch eine globale Bildungsmisere kündigt sich an. Als Folge der weltweiten Lockdowns werden die Verdienstchancen der jüngeren Generation um 17 Billionen Dollar sinken. Das ist fast das Bruttoinlandsprodukt der Vereinigten Staaten (2021: 23 Billionen Dollar).

Szenario der verpassten Erholung

Hier handelt es sich um die düsterste Einschätzung der Corona-Spezialisten. Danach führen der Impfstoffmangel in den ärmeren Ländern und die Verweigerungshaltung im reichen Norden zu einer globalen Impfquote von weniger als 70 Prozent. Derzeit sind nach Zahlen der Johns-Hopkins-Universität etwas mehr als die Hälfte aller Menschen geimpft. In diesem Szenario ist es etlichen Virusvarianten gelungen, die Immunantwort des Menschen zu unterlaufen. Das führt zu regionalen Lockdowns und Homeoffice-Lösungen – mit ernsten Konsequenzen für die Ausbildung der jüngeren Generation. Die Gesundheitssysteme geraten überall unter Druck. Der Kollaps in der medizinischen Versorgung wird im globalen Süden häufiger eintreten, aber auch bei den reicheren Ländern wird es Wiederholungen der Erfahrungen von Bergamo, Straßburg oder New York geben, wo Krankenwagen mit unbehandelten Covid-Patienten vor den Kliniken im Stau standen.

Die internationale Kooperation weicht einem engen Nationalismus mit zunehmenden geopolitischen Spannungen und weiteren Kriegen. Andere Menschheitsziele wie der Klimaschutz, der Kampf gegen Hunger und Terror sowie die sozialen und bildungspolitischen Vorgaben der Vereinten Nationen werden nicht erreicht. Die weltweite Ungleichheit nimmt zu, die Wissenschaft wird zunehmend infrage gestellt, das Vertrauen in demokratische Regierungen schwindet. So gefährlich dieser Ausblick ist: Nach Meinung etlicher Experten ist er durchaus plausibel.

Kooperation-plus-Szenario

Das ist die optimistische Variante, auch sie ist erreichbar. Sie setzt aber eine enge Kooperation der beteiligten Länder voraus. Wissenschaftliche Ergebnisse werden geteilt, ein Programm verteilt die Impfstoffe so gerecht, dass auch ärmere Länder hohe Impfquoten erreichen können. Die Impfquote könnte weltweit bei mehr als 80 Prozent liegen. Die Einkommensschere zwischen Industrieländern und weniger entwickelten Ländern wird sich so schließen. Die Gesundheitsbehörden haben Covid komplett im Griff, ohne zu rigiden Maßnahmen wie jetzt in Shanghai oder Peking zu greifen. Alle Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen werden erreicht, eine grüne Wirtschaftserholung verspricht auch Erfolge im Kampf gegen den Klimawandel. Zugleich nimmt die Zahl der Demokratien wieder zu. Selbst die junge Generation kann einen Teil der Bildungsverluste wieder aufholen. Die Nachfrageprogramme weltweit bringen die Staaten wieder auf einen nachhaltigen Wachstumskurs.

Freilich ist es trotz allem das am wenigsten wahrscheinliche Szenario. Denn die Brüche durch die Pandemie bleiben, die Risiken der künftigen Entwicklung sind hoch. Nur wenn die Menschheit kooperiert, so das Fazit der Studie, kann sie Covid endgültig überwinden.