Von Alemannia Mariadorf zur EM: Kai Havertz’ erster Trainer berichtet

Dirk Morfeld aus Mariadorf : Kai Havertz’ erster Trainer erinnert sich

Am Dienstag ist das Auftaktspiel des deutschen Kaders bei der Fußball-EM. Im Nationalteam kickt einer, der einst bei Alemannia Mariadorf zu Hause war: Kai Havertz. Sein erster Trainer erinnert sich.

Was haben Bundestrainer Jogi Löw und Dirk Morfeld, der über Jahrzehnte Jugendmannschaften von Alemannia Mariadorf coachte, gemeinsam? Mehr als man meinen sollte: Beide, so erzählt Morfeld mit einem Schmunzeln, wollten einen Spieler, der kürzlich mit seinem Tor das Champions-League-Finale entschieden hat, zunächst nicht in ihrem Team haben. Freilich aus verschiedenen Gründen. Während sich Löw anfangs schwer tat, die richtige Position für den hochtalentierten Kai Havertz im Nationalteam zu finden, waren es bei Morfeld Altersgründe, die ihn zunächst zweifeln ließen.

„Damals wollten wir bei den Bambinis keine Kinder unter fünf aufnehmen. Der – inzwischen leider verstorbene Gerd-Willi Kämmerling – aber hatte mich mehrfach darauf angesprochen, dass er doch einen so talentierten Jungen in der Nachbarschaft habe, den ich mir unbedingt angucken müsse, obwohl er jünger als die anderen sei“, erinnert sich Morfeld.

Gesagt, getan, Kämmerling brachte den kleinen Kai zum Trainingsplatz, und danach hat Morfeld ihn bei Spielen der Landalemannen-Bambinis nie wieder ausgewechselt. „Er war zwei Jahre jünger als die anderen, hatte aber mehr Biss, Ehrgeiz, Willen und er hörte zu. Er ließ sich durch nichts ablenken und wollte immer Fußball spielen“, blickt Morfeld auf die sportlichen Anfänge des heutigen Nationalspielers, der im Champions-League-Finale das 1:0-Siegtor für Chelsea London gegen Manchester United erzielte.

 Zwei Fotos, mit denen Dirk Morfeld sich an seinen einstigen Schützling Kai Havertz erinnert: als jungen Mariadorfer Kicker bei den „Wilden Kerlen“ und als Champions-League-Sieger.
Zwei Fotos, mit denen Dirk Morfeld sich an seinen einstigen Schützling Kai Havertz erinnert: als jungen Mariadorfer Kicker bei den „Wilden Kerlen“ und als Champions-League-Sieger. Foto: MHA/Günther von Fricken

Morfeld weiter: „Kai hatte damals so was wie Welpenschutz, er war ja der Kleinste, aber er hatte einen enorm starken linken Fuß, wollte immer den Ball haben und klebte beim Erklären an den Lippen des Trainers, um alles zu erfahren.“ Bis zu seinem Wechsel nach England zu Beginn der abgelaufenen Saison führte Havertz’ fußballerischer Weg von Mariadorf über Alemannia Aachen und Bayer Leverkusen.

„Ich habe Kai die ersten vier Jahre trainiert und bin natürlich schon stolz darauf, was aus dem Jungen geworden ist“, sagt Morfeld und zeigt ein Foto mit dem damals Sechsjährigen und seinem Team der „Wilden Kerle“. Einige der anderen kleinen Spieler auf diesem Bild haben es immerhin bis in die Landesliga geschafft.

 Schon als Bambini-Spieler ballvernarrt: Kai Havertz auf einem Schnappschuss seines damaligen Trainers Dirk Morfeld.
Schon als Bambini-Spieler ballvernarrt: Kai Havertz auf einem Schnappschuss seines damaligen Trainers Dirk Morfeld. Foto: Dirk Morfeld

Die Karriere von Havertz nennt Morfeld „wirklich sensationell, der Kai hat alles richtig gemacht, und ich denke auch, da kommt noch viel“, sagt Morfeld, der mit seinen Mariadorfer Jugendmannschaften in 20 Jahren als Trainer zahlreiche Meisterschaften und Turniersiege errungen hat. „Ich erwarte bei der EM viel von ihm, aber vor allem in der Zeit danach.

Der Kai knallt so richtig durch die Decke“, sieht der Ex-Coach noch viel Potenzial für den 22-Jährigen. Havertz, so ergänzt er, komme aus einem gefestigten Elternhaus, sei immer sehr bodenständig geblieben. Und er habe „sehr viel Grips in der Birne, bleibt in wichtigen Spielsituationen ruhig und kann Spiele mit dem Kopf entscheiden“.

„Was anderes im Kopf“

Einige Jahre noch hatten Morfeld und Havertz Kontakt per Chat, seit drei Jahren sei dieser aber abgebrochen, Morfeld weiß: „Der Junge hat jetzt was anderes im Kopf, als sich an seinen Ex-Trainer zu erinnern. Aber Kai und seine Familie wissen, wo ich wohne, und können sich immer gerne bei mir melden.“

Auch Morfeld ist Fußballer durch und durch. „Als das Champions-League-Finale stattfand, war ich mit meiner Frau auf Silberhochzeitsreise. Aber ich durfte das Spiel gucken, meine Frau hatte immer viel Verständnis für meine Fußball-Leidenschaft“, erzählt er. Und erinnert an andere einstige Spieler der Alemannia Mariadorf, die große Karrieren gestartet haben. So wurde Rachid Azzouzi marokkanischer Nationalspieler, heute ist er sportlicher Leiter beim Bundesliga-Aufsteiger Greuther Fürth. Hans-Peter Lehnhoff ist nach seiner Profi-Karriere heute Teammanager bei Bayer Leverkusen.

Natürlich, so berichtet Morfeld, werde er jetzt häufig auf Kai Havertz angesprochen. Dabei gebe es auch viele „Schulterklopfer“, die Havertz alle mal gekannt haben und jetzt davon profitieren wollten. Morfeld aber legt Wert darauf, dass Gerd-Willi Kämmerling der eigentliche Entdecker des Riesentalents Havertz gewesen sei – und dass natürlich auch nicht jeder von sich behaupten könne, sein erster Trainer gewesen zu sein ...

Er freut sich aber nicht nur über die großen Erfolge des „Mariadorfer Jong“, sondern auch immer, wenn er dessen Großmutter trifft und mit ihr über Kai plaudert. Schließlich, so betont Morfeld, sei der Großvater von Kai Havertz lange Jahre Präsident von Alemannia Mariadorf gewesen, und die Großmutter setze diese Tradition mit Schirmherrschaften bei Turnieren fort.