Street Art in Aachen: Viel kreatives Potenzial, wenig legaler Raum

Street Art in Aachen : Viel kreatives Potenzial, wenig legaler Raum

Ist das Kunst oder kann das weg? Wenn es um Street Art, Graffiti und Sticker im öffentlichen Raum geht, scheiden sich an dieser Frage schnell die Geister. Aachener Künstler fordern von der Politik: Nehmt Euch ein Beispiel an Heerlen und habt mehr Mut!

Große Bilder von Künstlern mit Erfahrung dürfen die Stadt an einigen Stellen schmücken, gerade kleine Graffiti und Aufkleber werden von vielen als Schmiererei empfunden – und immer wieder entfernt. Im Mai hat die Aachener Stawag in einem Pilotprojekt mit dem Okay der Stadt den Starenkasten auf der Wilhelmstraße und 26 Laternen am Wirichsbongard von Farbe und Aufklebern befreit und mit einer Spezialbeschichtung aus Silikon lackiert. Die Schicht soll verhindern, dass Aufkleber und Sprühfarbe haften bleiben.

Ob der Lack flächendeckend in der Innenstadt zum Einsatz kommen soll, ist noch nicht klar. „Es ist zu früh, um zu sagen, ob der Lack dauerhaft so gut wirkt, dass sich die Kosten lohnen“, sagt Stawag-Sprechering Eva Wußing. In den vergangenen Jahren habe man bereits viele verschiedene Spezialanstriche ausprobiert, um Laternen und andere Flächen zu schützen. Auch der Silikonlack sei zur Zeit noch in der Testphase.

Kaum Dialog

Die Aachener Künstler sehen in der neuen Reinhalte-Methode folglich auch nicht den Untergang der urbanen Kreativität. „Ich belächle die Initiative ein wenig“, sagt Paul Sous, der unter dem Künstlernamen Käpten Nobbi agiert. Wenn eine Straße nicht mehr bestickert werden kann, suche man sich eben andere Orte und Möglichkeiten. „Das Geld könnte man besser investieren, um die Stadt sauber zu halten – zum Beispiel in Mülleimer“, sagt er. Unverständnis zeigt Sous auch dafür, dass regelmäßig vor Veranstaltungen wie dem Karlspreis oder dem CHIO solche Aktionen gestartet würden. „Und warum überhaupt diese Straße?“, fragt er. „Auch hier gibt es leerstehende Ladenlokale, um die man sich erst einmal kümmern sollte.“

Senor Schnu, der vielen Aachenern durch seine Eis-am-Stiel-mit-Schnörres-Sticker bekannt ist, findet es zudem unglaubwürdig, wenn Firmen wie die Stawag sich einerseits mit Street Art schmücken und Trafostationen von Künstlern gestalten lassen, dann an anderer Stelle aber Graffiti entfernen oder blockieren. Auch Kleinkram sei wichtig für die Befeuerung von Street Art: „Ohne Nährboden wachsen keine schönen Blumen.“

Paul Sous vermisst bei den Verantwortlichen das Denken an die Zukunft. Nicht zuletzt die Street Art Ausstellung „Uns gehört die Stadt!“ des Centre Charlemagne im vergangenen Jahr habe gezeigt, wie groß die Begeisterung bei Kindern und Jugendlichen für Graffiti ist. „Street Art ist eine Subkultur, eine Form des Ausdrucks. Etwas, das fast jeder in seiner Jugend mal erfahren hat. In der Kunst sind solche Subkultur-Themen ein Riesending geworden.“

Auch Michael Gerst, der als Graffiti-Künstler an den Projekten rund um die Centre-Ausstellung beteiligt war, vermisst den Dialog, der daraus hätte entstehen können. „Es gibt in Aachen genug interessante Flächen, aber fast keine öffentlichen, auf denen legal gesprüht werden kann“, sagt er. Einige Wände können in Absprache mit den Eigentümern bemalt werden. Insgesamt seien die Möglichkeiten zum legalen Sprayen aber sehr eingeschränkt.

Dem stimmt auch Myriam Kroll zu, die aktuell die Interimsleitung des Ludwig Forums innehat. „Gerade, wenn man reinigt und verhindert, muss man gleichzeitig Räume schaffen.“ Sie vermisst außerdem einen Dialog zwischen Künstlern und Kritikern. Im Nachhinein der Street-Art-Ausstellung im Centre Charlemagne hat es zwar einige weitere Projekte gegeben. Unter anderem ist an der Schienenüberführung an der Bleiberger Straße ein großes Mural der Künstler Noah Kauertz und Benjamin Pfennings entstanden. Eine Innenwand des Bushofs wurde gestaltet, dort soll es in den kommenden Wochen noch weitergehen, berichtet Sprayer Gerst.

Außerdem haben sich viele Künstler aus der Szene nachhaltig vernetzen können und präsentieren ihre Arbeiten nun gemeinsam, zum Beispiel beim Lothringair-Festival, erzählt Kroll. Nun hofft sie, dass auch das Gespräch zwischen den Verantwortlichen der Stadt und den Künstlern ins Rollen kommt.

Die Qualität steigern

Mehr Austausch und gemeinsames Arbeiten von jungen und erfahrenen Künstlern auf großen, legalen Flächen würde die Qualität der Street Art steigern, ist Gerst überzeugt. Und weil es aktuell so wenig gute, große Bilder in der Stadt gebe, wüssten die meisten Leute gar nicht, was überhaupt alles möglich sei.

Bestes Gegenbeispiel: Heerlen. Egal, wen man aus der Szene auf das Thema Street Art anspricht: Alle verweisen auf die niederländische Stadt, in der seit Jahren Raum für großflächige Wandkunst geschaffen wird. Es gibt Karten und geführte Touren, mit denen man die Open-Air-Kunst erleben kann.

Senor Schnu hatte keine Geduld mehr, solang zu warten, bis seine Heimatstadt ebenso weit ist. Vor einigen Jahren hat er Aachen verlassen. Heute wirkt der Künstler in Berlin. „Aachen schafft sich selbst ab!“, hat er in den vergangenen Jahren häufiger gesagt, auch vor Kurzem mit Bezug auf die Reinigung der Wirichsbongardstraße. Von Seiten der Stadt werde gar nichts für urbane Kunst getan. „Dabei ist Aachen eine Studentenstadt mit viel Potenzial, das jedoch nicht genutzt wird. Es ist wichtig, eine Stadt attraktiv zu machen, und da gehört Urban Art einfach dazu, ebenso wie Chio und Karneval.“ Es gebe allerdings keinerlei Anstrengungen, Subkultur zu fördern. „Das nervt einfach nur und ist ganz klar ein Grund, warum ich als Künstler weggegangen bin.“

Paul Sous alias Käpten Nobbi will seiner Stadt derweil treu bleiben. „Ich will nicht weg. In der Szene gibt es so viele Leute, die Bock haben, etwas zu machen.“ Und dass Aachen eben nicht Berlin ist, bedeute auch Chancen. „Die Stadt hat die perfekte Größe – man geht als Künstler nicht unter und kann überall mitmischen. Sie muss nur den Mut finden, ihr kreatives Potenzial und die Vielfalt in ihrer Kulturszene zu zeigen.“