Wassenberg: Verstehen lernen, was Hass anrichten kann

Wassenberg: Verstehen lernen, was Hass anrichten kann

Der Gedenktag für alle Opfer des Nationalsozialismus, auch Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, bietet Gelegenheit, inne zu halten.

Der 70. Jahrestag der unseligen „Wannsee-Konferenz” - auch „Holocaust-Gedenktag” genannt - und die kürzlich im Stadtgebiet Wassenberg begonnene Verlegung von „Stolpersteinen” auf den Gehwegen vor ehemaligen Judenhäusern im Stadtkern erinnern die wenigen noch lebenden „Zeitzeugen” an manches schreckliche Geschehen, das selbst im kleinstädtischen Raum geschah - das aber auch Folgen hatte, die erst sehr viel später nachwachsende Generationen zu Toleranz und Mitmenschlichkeit bewegen sollen.

Da ist vor allem die Betty-Reis-Gesamtschule (Europaschule) zu nennen, die bei ihrer Gründung Anfang der 90er Jahre mit dieser Namensgebung an das Wassenberger Judenmädchen Betty Reis erinnert, das Anfang 1945 im KZ Bergen-Belsen bei einer schweren Infektionswelle als Gefangene ums Leben kam. Die Betty-Reis-Schule ist in den 20 Jahren ihres Bestehens dieser Namensgebung treu geblieben. Die Gedenktage am Grabe in Bergen-Belsen und an der Gedenkstelle im Schulhauptgebäude oder am Synagogenplatz in der Synagogengasse sehen immer wieder Lehrer mit ihren Schülern, die im Erinnern verstehen lernen, was Intoleranz und Hass in der Welt anrichten kann, und welche Bedeutung Respekt und Mitmenschlichkeit haben.

Hausnummer gesichert

Eine friedliche Demo der Schüler vor einigen Jahren konnte den Abriss des baufälligen Hauses der Familie Reis in der südlichen „Brühl” nicht verhindern. Die Schulleitung sicherte die Hausnummer „40” als bleibendes Erinnerungsstück an Betty Reis und ihre Familie.

Betty kam 1941 zusammen mit ihrer Mutter Else in das Heinsberger Elendsquartier „Mannasses Lues”. Auf dem Umweg über Stolberg kam sie zunächst - wie ihre Mutter Else - über Auschwitz nach Bergen-Belsen. Von Mutter Else hörten die Wassenberger nichts mehr. Vater Willy kam ebenfalls im östlichen Vernichtungslager um. Onkel Karl Hertz, der Bruder von Mutter Else, war bereits Mitte der 30er Jahre von den Nazis im KZ erschossen worden. Der einzige Überlebende der kleinen, sehr verarmten Familie ist Sohn Walter, der mit Betty die evangelische Schule in Wassenberg-Süd besucht hatte und dem 1939 noch die Ausreise über Holland nach England und von dort nach Kanada gelang.

Zwei Mitgliedern der Familie Schwartz vom „Roßtor” gelang noch die Flucht über Rothenbach nach Holland. Die Spur hat sich verloren.

Das schrecklichste Erlebnis war der Abtransport der 86-jährigen Frau Heumann vom Roßtor, die mit ihren beiden Töchtern (fleißige Hutmacherinnen) viel Anklang mit ihren schicken Florentinerhüten fanden. Es war ein unmenschlicher Abtransport der alten Dame auf einem offenen Lastwagen. In Erinnerung geblieben ist auch der Brand der Synagoge am 10. November 1938. Das kleine Gotteshaus war 1838 der jüdischen Gemeinde mit ihrem Vorsteher Simon Heumann ermöglicht worden durch die Schenkung des Grundstückes unterhalb des Burgberges. Die kleine Synagoge in unmittelbarer Nachbarschaft der evangelischen Hofkirche war der zentrale Mittelpunkt der Gemeinde, die Anfang der 30er Jahre noch etwa 35 Mitglieder umfasste.

Gedenktafel angebracht

In den 80er Jahren wurde an der Stelle der Synagoge eine Gedenktafel durch den Heimatverein angebracht. An der Tafel findet alljährlich ein Gedenktreffen der Schüler der Betty-Reis-Gesamtschule seit Schulgründung Anfang der 90er Jahre statt. Seit Mitte der 80er Jahre steht auch auf dem jüdischen Friedhof ein Findling mit einer Inschrift, die an die jüdische Gemeinde erinnert. Und seit den 80er Jahren steht auf dem Friedhof ein Gedenkstein aus Speckstein für die Familie Reis, zu dem Wassenberger Freunde die Geldmittel spendeten.

Würdiger Ort des Erinnerns

Die Stadt Wassenberg hat inzwischen das Abrissgrundstück (Abbruch wegen Bergschäden) neben der Synagogengasse käuflich erworben. Hier soll an der Stelle, an der durch die Denkmalspflege die Grundmauern der Synagoge ausgegraben wurden, eine kleine, würdige Gedenkstelle eingerichtet werden. Bürgermeister Manfred Winkens erklärte kürzlich, diese Gedenkstätte mitten in der Altstadt wäre ein würdiger und vor allem ein authentischer Ort des Erinnerns.

Unvergesslich geblieben ist auch ein Besuch des früheren Wassenberger Ortsvorstehers Karl-Heinz Geiser, der 20 Jahre lang dem Heimatverein vorgestanden hat. In München gratulierte er vor Jahren im Namen der Stadt dem 100 Jahre alt werdenden Max Hertz zum Geburtstag im Namen seiner Vaterstadt. Max Hertz, der in Erkelenz eine kaufmännische Lehre absolvierte, verließ seine Familie und ging nach München. Der Bruder von Else Reis, geborene Hertz, geriet noch kurz vor Kriegsende im Zuge der Wannsee-Beschlüsse der Nazis ins KZ. Das hat der große, kluge Mann noch überlebt. Zwei Jahre später ist er verstorben.

Sein Neffe Walter Reis aber kam noch häufiger nach Wassenberg und vor allem zur Betty-Reis-Gesamtschule, in der er manchen Vortrag vor den Schülern über diese schreckliche Zeit hielt. Es war der große Wunsch von Walter Reis, in der Heimaterde seine letzte Ruhestätte zu finden. Dieser Wunsch wurde ihm erfüllt.

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