Pascal Bovée: Verfechter der „lyrischen Topographie“

Pascal Bovée : Verfechter der „lyrischen Topographie“

Pascal Bovée hat als Stipendiat des Literaturprojektes „stadt.land.text“ die Region Aachen inklusive Düren erkundet

„Hier fällt der Regen / von unten. Ein Springbrunnen / selbst für die Autos“ – das ist ein „Haiku“, ein reimloser Dreizeiler nach uralter japanischer Dichtkunst – und davon gibt es noch mehr, die man auf einer „Literarischen Karte der Region Aachen“ suchen und nachlesen kann. Diese Nr. 14 ist übrigens der Stadt Aachen und ihren Brunnen, speziell dem auf dem Europaplatz, gewidmet, erdacht von Pascal Bovée (40).

Er hat als Stipendiat des Literaturprojektes „stadt.land.text“ die Region Aachen erkundet, die auch den Kreis Düren einschließt – einer von zehn Literaturschaffenden, die dank der vierten landesweiten Aktion durch eine Fördersumme von 7200 Euro drei Monate lang Zeit hatten, um auf die Suche zu gehen, um Übersehenes und neue Perspektiven zu erkunden. Nicht nur in der Region Aachen. Andere waren im Bergischen Land, in Hellweg, dem Münsterland, am Niederrhein, in Ostwestfalen, an der Rheinschiene, im Ruhrgebiet, dem Sauerland und Südwestfalen unterwegs.

„Die Corona-Krise hat das Projekt kurz nach dem Start sehr getroffen“, berichtet Susanne Ladwein, die den Projektpartner Region Aachen vertritt. „Aber alle Teilnehmer sind dabei geblieben, es gab sogar Erkrankungen und einen Quarantäne-Aufenthalt.“

Meist wurde dokumentarisch gearbeitet. Doch Pascal Bovée ist ein Verfechter der „lyrischen Topographie“, der kleinen Form, die das Große spiegelt. „Ich hatte eine lange Liste von Museen, die ich besuchen wollte“, erzählt er im Rückblick. „Die waren dann plötzlich alle geschlossen, und ich musste neu planen.“

Der Freund alter und neuer Landkarten ließ sich inspirieren, frei von äußeren Ansprüchen. Mit den dichterischen Mitteln von „Haiku“ und „Tanka“, in japanischer Tradition gehaltvolle, zum Teil skurrile Drei- und Fünfzeiler, setzte Bovée Akzente, filterte Impressionen, wagte Witz und Visionen, die man inzwischen auf einer Landkarte wiederfindet. 30 Stationen, 30 winzige Gedichte. „Ich habe noch mindestens 30 andere Texte in der Schublade, es ist mir eine Menge eingefallen“, versichert er, der auch in die Niederlande und nach Belgien reiste, als es wieder möglich war. Das waren unerwartete Grenzerfahrungen.

Manchmal hat ihn ein Ortsname gereizt – etwa „Langweiler“ – und er hat sich auf die Suche begeben. Langeweile? „Ich weiß schon, dass der Name eine andere Herleitung hat, aber es hat mich gereizt, es ist ein Spiel mit Worten“, meint er. Oft stellte er den Wagen am Ortsschild ab und ging los, traf Menschen, mit denen er plauderte, oder erfuhr die Einsamkeit in ehemals belebten und jetzt nach der Umsiedlung verlassenen Bergbaugegenden. „Pfeifende Stille / auf einem Sportplatz./ Windräder rechts, links Birken.“ Ist sein stilles Haiku für Jackerath.

Sehen, Hören, Riechen

Durch die Corona-Krise mit ihren Kontakteinschränkungen intensivierten sich bei ihm die Eindrücke von der Vergänglichkeit bis zu den Wegen, dennoch ein Gegenüber zu finden. „Im Kurpark, auf einer Bank“, erinnert er sich. „Der alte Mann in zwei Metern Entfernung sprach mich an, das war großartig. Er hat erzählt, dass er normalerweise mit anderen im Park Boule spielt und das sehr vermisst.“

Sinneseindrücke, das Sehen, Hören und Riechen, haben ihn durch die Region begleitet. Und der Regen? „Ich habe ein Paar in einem Café belauscht, das sich darüber unterhielt, und da ist mir eingefallen, dass ich ja mit dem Appartement im Ludwig Forum in einer ehemaligen Schirmfabrik wohne“, lächelt Bovée. „Was für eine Parallele!“

Kleine Hörspiele sind entstanden, eins zur Nadelproduktion mit „spitzen“ Assoziationen. Und da ist er wieder bei der Kartographie. „Früher wurden ja die Landkarten auch künstlerisch in Kupfer ,gestochen‘, das war eine überraschende Verbindung“, meint Bovée, der sich freut, dass die Eintrittskarten in die Museen, mit denen ihn Susanne Ladwein zum Start in Aachen ausgestattet hatte, noch bis 2021 gültig bleiben.

Da die meisten Veranstaltungen mit den Regionsschreibern nicht stattfinden konnten, werden Podcasts von allen erstellt, die man sich den Blogs von Pascal Bovée und den anderen im Internet anschauen kann. Die „Literarische Karte der Region Aachen“ lässt sich in die Hand nehmen, um damit auf Wanderschaft zu gehen. 2022 wird das Münsterland die Organisation von „stadt.land.text“ übernehmen und die Förderung des NRW-Ministeriums für Kultur und Wissenschaft sowie der Kulturbüros der Regionalen Kulturpolitik verteilen. Bovée kehrt zurück nach Essen, wo er zurzeit lebt und an einem Roman über die Arbeiter einer Kunststoff-Fabrik in Ostwestfalen schreibt, seiner Heimat.