Hückelhoven-Millich: Vater kämpft für seine Tochter um ihr Recht

Hückelhoven-Millich: Vater kämpft für seine Tochter um ihr Recht

Alle drei Minuten kommt ein Baby mit Down-Syndrom zur Welt. Das Down-Syndrom ist eine genetische Krankheit, die bei der Vereinigung von den Keimzellen der Eltern bei der Befruchtung auftreten kann.

In jeder Keimzelle befinden sich normalerweise 23 Chromosomen, womit die erste Zelle des Kindes 46 Chromosomen besitzt und die darauf folgenden ebenso. Ein Kind mit Down-Syndrom hat allerdings 47 Chromosomen in jeder Zelle. Dies führt zu einer langsameren Entwicklung der Kinder. Das Risiko von Herz-, Magen- und Darmkrankheiten erhöht sich, und auch auf die Motorik und das Sprachvermögen wirkt sich die Krankheit aus.

Auch Walburga Brendt aus Millich kam mit dem Down-Syndrom zur Welt. Deshalb lebte sie acht Jahre lang in einer Wohnstätte der Lebenshilfe. Ihre Eltern besuchten sie regelmäßig, halfen bei ihrer Pflege und nahmen sie jedes zweite Wochenende bei sich auf.

Heute ist Walburga 40 Jahre alt und lebt seit eineinhalb Jahren wieder bei ihren Eltern. „Walburga hat in der Einrichtung leider nachgelassen. Als sie wieder zu uns kam, konnte sie kaum noch sprechen und Klavier gespielt hat sie auch nicht mehr”, erklärt ihr Vater, Heinz Brendt.

Mutter Wilhelmina kümmert sich nun um die Pflege ihrer Tochter und Heinz Brendt organisiert den „Papierkram”. Da Walburga nun wieder bei ihren Eltern lebt, hat Brendt eine Grundsicherung für seine Tochter beantragt.

Walburga Brendt verdient aber auch ein eigenes, bescheidenes Einkommen, da sie täglich bis 17 Uhr für die Werkstatt für behinderte Menschen in Oberbruch arbeitet. Jeden Morgen wird sie um 8.15 Uhr von einem dafür zur Verfügung gestellten Bus abgeholt und kommt zwischen 17.10 Uhr und 17.20 Uhr nach Hause. Ihr Vater beaufsichtigt sie dabei, da die Familie an der viel befahrenen Gronewaldstraße lebt. Deshalb steht er schon um fünf an der Haustür und erwartet die Ankunft seiner Tochter.

Da Walburga den ganzen Tag fort ist von ihrem Elternhaus, erhält sie an ihrer Arbeitsstätte ein Mittagessen. Dieses werde ihr vom Sozialamt allerdings von ihrer Grundsicherung pauschal mit monatlich 24 Euro abgezogen. Dagegen hat Heinz Brendt Widerspruch bei der Stadt Hückelhoven und beim Sozialamt des Kreises Heinsberg eingelegt. „Das wurde aber abgelehnt. Und der Schlusssatz lautete, dass ich bei einer Klage die Kosten für den Rechtsanwalt und das Gericht selbst tragen müsste. Da hab ich mich total erpresst gefühlt.”

Heinz Brendt erhob aber trotzdem beim Sozialgericht Aachen Klage. „Beim Prozess hat sich das Sozialamt auch die Lebenshilfe als Schützenhilfe dazu geholt. Dabei hab ich ja gegen das Sozialamt im Namen meiner Tochter geklagt und nicht gegen die Lebenshilfe.” Mit dem Service der Lebenshilfe sei er nämlich sehr zufrieden, so Brendt.

Beim Prozess kam es zu einem Vergleich: Das Sozialamt muss nun das Geld, das für das Mittagessen abgezogen wurde, zurückzahlen und eine neue Bedarfsberechnung vornehmen.

Brendt hat bei seiner Klage recherchiert, welche bereits bestehenden Gerichtsurteile in ähnlich gelagerten Fällen es gebe. Dabei ist er auf ein Urteil des Bundessozialgerichts Kassel gestoßen. Der Beschluss über die „Erstattung von Kosten für Mittagessen in Werkstätten für behinderte Menschen durch überörtliche Träger der Sozialhilfe” habe ihm Recht gegeben, weshalb seine Tochter nun Geld zurückgezahlt bekomme.

An Wochenenden unternimmt die Familie oft gemeinsam etwas im Rahmen des Vereins zur Freizeitgestaltung Behinderter Niederkrüchten e.V., für den sich Heinz Brendt ehrenamtlich engagiert. So auch am 18. August beispielsweise: Da veranstaltet der Verein seine Jahresfahrt nach Gelsenkirchen. „Die Veranstaltungen sind für die Aktiven, das sind die Behinderten, immer umsonst. Nur Betreuer und andere Teilnehmer müssen anfallende Kosten tragen”, erklärt er stolz.

Kokobe, Koordinierungs-, Kontakt- und Beratungsangebote für Menschen mit geistiger Behinderung, biete zudem Aktivitäten an, „aber die sind leider oft mit Kosten verbunden, die sich viele Behinderte nicht leisten können. Und zu vielen Zeiten kann meine Tochter ja auch gar nicht, weil sie dann arbeitet”, erklärt Brendt und betont, dass er Kokobe aber trotzdem sehr gut und wichtig findet.

Ein Ärgernis für Brendt: Urlaubsbeihilfe bekomme Walburga nur, wenn sie mit einer karitativen Einrichtung wegfahre. Bei Urlaub mit ihren Eltern sei dies nicht der Fall, „obwohl das für uns ja auch Betreuungsfahrten sind. Mir kommt es manchmal so vor, als werde man irgendwie noch dafür bestraft, dass man versucht, sein Kind zu unterstützen und alles selber zu machen”, beklagt der Vater enttäuscht.

Beim letzten Prozess sei ihm auch wieder klar geworden, dass man von den Behörden zu oft abgeblockt werde und es sehr mühsam sei, sein Recht durchzusetzen. „Ich kann ja schon fast mein eigenes Büro aufmachen!”, sagt er und zeigt seine Ordner und Rechtsfibeln, die sich im Laufe der Jahre angesammelt haben.

Es werde behinderten Menschen oft enorm schwer gemacht, ihr Leben selber in die Hand zu nehmen. „Im Moment kann ich das ja noch für meine Tochter regeln”, sagt der 69-Jährige. „Aber was ist, wenn wir nicht mehr sind, oder nicht mehr in der Lage dazu sind, um uns um alles zu kümmern und zu kämpfen?” Er macht sich Sorgen um die Zukunft seiner Tochter, denn „allein wird sie sich nicht wehren können”.