Eschweiler: Tanzgruppen im Karneval: Zwischen Mut Und Vertrauen

Eschweiler : Tanzgruppen im Karneval: Zwischen Mut Und Vertrauen

Gestreckt liege ich auf dem Bauch, den Blick zum Boden gerichtet. Acht Männerarme tragen mich. Ich spanne meinen Körper an, hole tief Luft und schließe meine Augen. Angst kriecht in mir hoch. Was ist, wenn etwas schiefgeht? Soll ich diesen fremden Menschen vertrauen?

Als Tänzerin im Karneval ist es nichts Ungewöhnliches, die Kontrolle über den eigenen Körper für einen Moment abzugeben. Würfe und Hebungen, die nur mit der Hilfe der Tanzpartner möglich sind, gehören fast zu jeder Choreographie dazu. Auch bei der Eschweiler Tanzgruppe „Höppe Kroetsch“ gibt es keine Show ohne Tänzerinnen, die in der Luft fliegen, Pirouetten drehen oder im Spagat auf Schultern balancieren. Was am Ende für den Zuschauer wie eine Leichtigkeit aussehen soll, bedarf vorher allerdings viel Übung.

Die Tanzgruppe „Höppe Kroetsch“ trainiert das ganze Jahr über zweimal pro Woche. An diesem Abend wird in der Festhalle Weisweiler geprobt, ein letztes Mal vor den Auftritten am Wochenende. Da einige Tänzer gesundheitsbedingt ausfallen, muss die Formation umgestellt werden. Das bedeutet umdenken. Irgendwann passt dann alles und dann wird getanzt. Lisa-Marie Zilken, die von klein auf im Karneval tanzt, zeigt mir die Grundschritte, die jeder Tänzer draufhaben sollte.

„Hacke, Spitze“, lautet meine erste Aufgabe. Dabei muss ich das rechte Bein erst nach vorne ausstrecken, kurz mit der Ferse aufsetzen, dann anziehen, über das linke Bein ziehen und mit der Fußspitze auftippen. Zwei mal mit dem rechten Bein, dann zweimal mit dem linken Bein. Dabei immer ein bisschen hüpfen. Das klappt schon mal.

Deutlich komplizierter erscheint mir der nächste Tanzschritt, eine Kombination aus Bein übersetzen, heranziehen, nach vorne strecken und zur Seite setzen. Bis mir dieser Ablauf gelingt, vergehen einige Durchgänge. Noch schwerer wird es, als wir beide Schritte nacheinander zur Musik tanzen. Es dauert nicht lange und mir wird warm. Was für die Tänzer hier längst einstudiert ist, erfordert von mir viel Konzentration. Ich muss schon bei Lisa-Marie abschauen, um die Abfolge fehlerfrei zu tanzen. Zwei- oder dreimal schaffe ich es dann aber doch. „Am wichtigsten ist, dass die Leute sehen: du hast Spaß dabei“, erklärt mir die 19-Jährige, die seit fünf Jahren bei den „Höppe Kroetsch“ dabei ist. Sie liebt Karneval. In Kombination mit Tanz ist es für sie „die Verbindung pur“.

Ich frage mich, wie lange es wohl dauern mag, bis es so leicht aussieht wie bei Lisa-Marie und bis man überhaupt mal bei den „Höppe Kroetsch“ mittanzen kann. „Das geht recht schnell“, sagt Trainerin Pia Kolvenbach. Vorerfahrung beim Tanzen werde nicht gefordert. „Jeder kann zum Probetraining kommen und mitmachen.“

Denn wie auch viele andere Tanzgruppen sind die „Höppe Kroetsch“ auf der Suche nach Nachwuchs. Zwar ist der Eschweiler Tanzcorps mit rund 40 Tänzern eine der größten der Region, doch an Männern mangelt es in diesem Corps ebenso. Doch neue Tänzer zu finden sei schwierig, da man in einen Karnevalsverein „hineingeboren“, werde und nur selten zu einem anderen Verein wechsele, erklärt Kolvenbach. Einen weiteren möglichen Grund nennt Markus Endryk, der die „Höppe Kroetsch“ betreut: „Tanzen ist eben kein typisches Hobby für Männer wie zum Beispiel Fußballspielen. Doch wenn sie einmal mitgemacht haben, macht es doch vielen Spaß.“

Endryk, der selbst auch mitmacht, glaubt, dass viele Männer falsche Vorstellungen von einem Tanzcorps haben. Dabei müssen die Herren nur wenig tanzen und vielmehr die Tänzerinnen heben, halten und werfen. „Das hat viel mit Kraft zu tun“, sagt der Betreuer, aber eben auch mit Übung, Teamarbeit, Konzentration — und vor allem mit Verantwortung.

Ein Fehltritt kann einen Unfall zur Folge haben. Doch das müssen die Tänzerinnen ausblenden, wenn sie sich von den Männern werfen lassen, erklärt Lisa-Marie Zilkens. Sie verlassen sich darauf, dass diese den Wurf sorgfältig ausführen und sie wieder fangen. Wie viel Überwindung so etwas erstmal kostet, erfahre ich am eigenen Leib, als ich angespannt auf den Armen der Männer liege. Drei, zwei eins — mit Schwung werde ich in die Luft katapultiert, ich fliege einige Meter hoch. Millisekunden fühlen sich an wie eine Ewigkeit. Mein Herz macht einen Satz und schon lande ich wieder auf den Armen der Männer. Erleichterung.