Aachen: Straffälligenhilfe: „Dieses Leben will keiner führen“

Aachen : Straffälligenhilfe: „Dieses Leben will keiner führen“

Es ist Hochsommer. Am liebsten wäre Alberto Schuhmann (Name geändert) draußen, einfach Sonne genießen. Doch dieser Wunsch bleibt ihm verwehrt. Er ist gefangen in einem Raum. Nur ein Bett, ein Radio und ein paar Bücher stehen hier, nichts weiter.

„Es war die Hölle“, erinnert sich der heute 31-Jährige an seine ersten drei Monate 2006 in einer Doppel-Zelle der Kölner Justizvollzugsanstalt. Eine Liste von Straftaten, die Schuhmann begangen hatte, brachte ihn ins Gefängnis. Ladendiebstähle und Drogenbesitz gehörten zu seinen häufigsten Delikten.

Nach der Untersuchungshaft in Köln folgten 14 Monate in der JVA Heinsberg. Hier wendete sich das Blatt. Die Bedingungen waren besser, und seine Gedanken wurden positiver: „Vielleicht ist die Haft das Beste für mich“, dachte der damals 26-jährige Schuhmann und betrachtete seine Zeit im Gefängnis als Chance.

Der wöchentliche Besuch seiner Eltern gab ihm Kraft und die Arbeit als Reinigungskraft im Gefängnis eine sinnvolle Beschäftigung. Gleichermaßen war die Haft für den drogensüchtigen Schuhmann ein Entzug von Kokain und Amphetaminen. Nur zweimal hatte er Haschisch konsumiert— obwohl es davon reichlich im Gefängnis gab, sagt er. Als er 2007 entlassen wurde, freute er sich zwar auf seine Freiheit.

„Doch nach zwei Wochen draußen war alles, was ich mir vorgenommen hatte, dahin.“ Von 2010 bis 2012 musste Schuhmann erneut ins Gefängnis, erst in Aachen, dann in Euskirchen. Nach einem Jahr wurde er auf die Straffälligenhilfe Aachen aufmerksam und nahm an einer Sprechstunde teil.

Wenig später nutzte er die Möglichkeit, seine Haft um ein halbes Jahr zu verkürzen und stattdessen eine Therapie zu beginnen, begleitet von der Straffälligenhilfe. Diese bot Schuhmann einen Platz im betreuten Wohnen an. „Voraussetzung ist, dass entweder eine Suchterkrankung oder besondere soziale Schwierigkeiten vorliegen“, sagt Martin Czarnojan, Geschäftsführer der Straffälligenhilfe Aachen. „Zudem muss vor der Betreuung gemeinsam mit dem Betreuer ein Hilfeplan erstellt werden.“

Darin werden verschiedene Etappen der Resozialisierung, also der Wiedereingliederung in die Gesellschaft, festgehalten. Das können zum Beispiel Suchtmaßnahmen, berufliche Ziele oder die Suche nach einer Wohnung sein. Auch Schuhmann hatte solche Ziele. Er lebte sich gut im betreuten Wohnen ein und fand gleich darauf einen Vollzeitjob in einer Fabrik für Autoscheiben.

Allerdings machte ihm der wechselnde Schichtdienst zu schaffen. Hinzu kam, dass ihn die Drogensucht schnell wieder einholte, so dass er schon bald seine Termine bei der Straffälligenhilfe nicht mehr einhielt und das betreute Wohnen wieder verlassen musste. Es folgte der Tiefpunkt seiner Resozialisierung: Als das Geld knapp wurde, beging Schuhmann erneut einen Diebstahl — und somit eine Straftat in seiner Bewährungszeit. Von November 2014 bis Januar 2016 musste Schuhmann deshalb in den geschlossenen Vollzug der JVA Aachen. Schuhmann ist nicht stolz auf seinen Lebenslauf, ganz und gar nicht, er schämt sich für seine Geschichte. Zwar hat er auch seine dritte Haftstrafe abgesessen, doch befreit ist er noch lange nicht.

Auch nach einer weiteren erfolgreichen Entzugstherapie, die er erst vor Kurzem abgeschlossen hat, und obwohl er die Folgen kennt, nehmen ihn die Drogen immer wieder gefangen. Er hat den Schlüssel zur Freiheit in der Hand, aber nutzt ihn nicht. Es fällt schwer, ihm zuzuhören, als er die Folge unglücklicher Lebensereignisse nach und nach erzählt. Wie kann ein Mensch sich selbst so viele Fallen stellen?

Dabei wirkt er motiviert, will etwas verändern und hat Pläne. Auch seine Betreuerin beschreibt ihn als „zuverlässig“. Er halte sich an Verabredungen, sei kommunikativ und arbeite mit. Die neue Chance hat Zukunft Für die zweite Chance, die ihm die Straffälligenhilfe gibt, ist Alberto Schuhmann dankbar. „Ich weiß die Hilfe sehr zu schätzen“, sagt er ruhig. Auch seine Familie und Freunde nehmen ihn so wie er ist und heißen ihn stets willkommen. Aber auch Ablehnung hat er schon erfahren, als ihn eine Frau auf einen Kaffee einlud. „Ich stehe zu meinem Leben und habe daher mit offenen Karten gespielt“, sagt Schuhmann.

Doch als sein Gefängnisaufenthalt zur Sprache kam, reagierte die Frau mit Unverständnis und Ablehnung. Heftige Beleidigungen musste der Ex-Häftling einstecken. „Das war bisher meine krasseste Erfahrung.“ Mit Frauen in Kontakt zu kommen, ist generell ein Problem für Schuhmann.

Wer will schon einen Freund, der im Gefängnis war und ein Drogenproblem hat? Schuhmann ist ehrlich und erzählt von seinem Besuch im Rotlichtviertel. Dass dabei sein ganzes Geld draufging, bereut er. Denn leicht ist es nicht, als ehemaliger Häftling Geld zu verdienen. Dabei ist es aber „keine gesetzliche Verpflichtung, den Haftaufenthalt im Lebenslauf anzugeben“, sagt Czarnojan.

Dennoch: Wer lange nicht am Berufsleben teilgenommen hat, für den ist es schwierig, wieder Fuß zu fassen. Hinzu kommt, dass viele Betroffene keine Berufsausbildung haben. So geht es auch Schuhmann. Er ist gewillt zu arbeiten, hat erst vor kurzem ein Praktikum im Baumarkt gemacht. „Der Job war gut. Ich habe gehofft, übernommen zu werden.“ Daraus wurde aber nichts. Doch Alberto Schuhmann gibt nicht auf. Bald wird er mit seiner Betreuerin das Arbeitsamt besuchen. „Dann sprechen wir über meine Zukunft.“

Einen richtigen Job zu bekommen, hält er für unwahrscheinlich. Erstmal erwarte er kurzzeitige Jobs, die das Jobcenter vermittelt. Aber alles ist besser, als nichts zu tun. In den ersten zehn Monaten hatte Schuhmann keine Beschäftigung im Aachener Gefängnis. Zehn Monate lang gab es nur den einstündigen Hofgang um neun Uhr und seine Zelle. „Dieses Leben will keiner führen“, sagt er. „Aber für manche Suchtkranke ist es der letzte Ausweg.“