Wassenberg: Steine erinnern an ein trauriges Schicksal

Wassenberg: Steine erinnern an ein trauriges Schicksal

Thomas Merbecks kniet auf dem Roßtorplatz. Vorsichtig nimmt er mehrere rote Ziegel aus dem Belag heraus und passt an dieser Stelle einen von drei grauen Steinquadern mit gold glänzendem Messingbelag ein.

„Wie hoch sollen die denn rausstehen?”, fragt er in die Runde. „Eben-erdig”, kommt von links die Antwort. „Ich dachte nur, weil die doch Stolpersteine heißen?”, sagt er und macht sich mit Hammer und Meißel an die Arbeit.

Zusammen mit dem Kölner Künstler Gunter Demnig hat der Bauhofmitarbeiter auf dem Wassenberger Roßtorplatz vor zwei Häusern je drei dieser Steine verlegt, weitere vier zwischen dem grauen Plattenbelag vor der Hausnummer 40 an der Brühlstraße. „Pflastern ist mein Job”, meint er. „Aber diese Situation hier ist schon besonders?der traurige Anlass. Wenn man daran denkt, das ist nicht so schön.”

Während er mit dem Künstler zusammen alle drei Steine in den vorhandenen Klinkerbelag einpasst, erinnert Bürgermeister Manfred Winkens an die Entstehungsgeschichte der Aktion. Sie sei vom Heimatverein und von der SPD vorgeschlagen worden, erklärt er. Alle Fraktionen im Rat trugen sie mit und stifteten einen Stein, Bündnis 90/Die Grünen sogar drei. Einen tat die Betty-Reis-Gesamtschule hinzu, einen der Heimatverein und einen Werner Ahlers.

Zehn Steine konnten so in einer ersten Aktion in Wassenberg verlegt werden für zehn der zu Zeiten des Nationalsozialismus insgesamt 27 dem Heimatverein bekannten jüdischen Mitbürger. Diese zehn wurden nachweislich deportiert und vom NS-Regime getötet. Gemeinsam mit Dr. Ludger Hermann, Dr. Wolfgang Feix und Waltraud Kurth hat Vorsitzender Sepp Becker die erste Stolperstein-Aktion in Wassenberg vorbereitet und konnte auch an jedem Ort etwas erzählen über die Menschen, die dort lebten.

Die ersten drei Steine wurden in der Nähe des Alten Rathauses, an der ehemaligen Löffelstraße verlegt für Bernhard, Sibilla und Arthur Kaufmann, in unmittelbarer Nähe des Roßtores dann weitere drei für Wilhelmine Heumann und ihre beiden Töchter Berta und Adele, die in Wassenberg bekannte Hutmacherinnen waren, wie Becker zu berichten wusste. Letzte Station der ersten Stolperstein-Aktion in Wassenberg war die Brühlstraße. Hier vor dem ehemaligen Haus Nummer 40 verlegten Merbecks und Demnig weitere vier Steine: für Willi und Else Reis sowie deren Tochter Betty, die Namensgeberin der Wassenberger Gesamtschule ist, und Elses Bruder Karl.

Fünftklässlerin Pia Schmitz trug währenddessen ein Gedicht von Heribert Heinrichs vor, das Betty Reis gewidmet ist. Sie wurde am 15. Juli 1921 in Wassenberg geboren, am 15. Juni 1942 nach Sobibor deportiert. Über Auschwitz kam sie nach Bergen-Belsen, wo sie 1944 ermordet wurde. Schüler eines Geschichtskurses stellten an der Brühlstraße die wichtigen Lebensdaten der Menschen vor, denen die Stolpersteine gewidmet sind.

„Bei uns in der Schule ist dies immer ein Thema, von der fünf bis in die 13”, berichtete Yvonne Messner und begrüßte es, dass durch diese Aktion die Geschichte der Wassenberger Juden in der Stadt insgesamt stärker wahrgenommen werde. „Die Geschichte darf nicht verdrängt werden. Sie muss auch in den Köpfen der heutigen Jugend bleiben”, betonte sie. „Hier kann man sie jetzt überall sehen, wenn es im Boden golden glänzt.” Mit dem Wetter, das sei schade, blickte sie in dunkle Wolken und starken Regen. „Obwohl es irgendwie passt. Es ist ja auch grauenhaft, was diesen Menschen geschehen ist!”

Schulleiter Heinrich Spiegel dankte allen Schülern, die trotz des schlechten Wetters nach dem Unterricht an der Aktion teilgenommen hatten. Das Haus der Familie Reis sei zwar mittlerweile abgerissen worden, erzählte er. Die Betty-Reis-Gesamtschule sei aber im Besitz der alten Hausnummer 40, die an diesem Haus gehangen habe. Und diese werde jetzt einen gebührenden Platz in der Schule erhalten.

Im Rahmen der Stolperstein-Aktion in Wassenberg überreichte Dr. Wolfgang Feix je eine Kopie der Akte „Verwaltung das dem Reich verfallenen Grundstücks Wassenberg, Am Roßtor 44” aus dem Hauptstaatsarchiv Düsseldorf (BR 1380) an den Heimatvereinsvorsitzenden Sepp Becker und an Gesamtschulleiter Heinrich Spiegel.

Die Akte über die Familie Heumann, die von 1942 bis 1949 geführt wurde und mit der nach Recherche von Feix mindestens 50 Personen befasst waren, „legt Zeugnis davon ab, in welcher Art und Weise deutsche Beamte und Angestellte minutiös und akribisch an der Erfüllung des Programms der Hitlerfaschisten zu Vernichtung jüdischer Mitbürger gnadenlos auf der Basis der extra geschaffenen Rechtsvorschriften mitwirkten”, so Feix.