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Gelingt die Qualifikation für Olympia?: Zwei Wege führen nach Tokio

Gelingt die Qualifikation für Olympia? : Zwei Wege führen nach Tokio

Olympia 2021: Es gibt ein neues Qualifikationssystem für die Leichtathleten auf Basis der Weltranglisten-Postition. Der Herzogenrather Frederik Ruppert hat als 42. Startchancen.

45! Die Quersumme ist 9. Die 9 gehört auch zu den Zahlen – neben der 3, der 5 und der 15 – , mit denen sich die 45 ganzzahlig teilen lässt. Zugegeben, mäßig spannend. Trotzdem ist die 45 für Hindernisläufer Frederik Ruppert vom SC Myhl LA seit Wochen die bestimmende Zahl. Das hat mit dem neuen Qualifikationssystem des Leichtathletik-Weltverbandes World Athletics (WA) zu tun, das seit Anfang 2020 läuft und eigentlich bei den Olympischen Spielen im vergangenen Sommer in Tokio erstmals zur Anwendung kommen sollte.

Nach der Verschiebung der Spiele steht in diesem Jahr die Premiere an. Die Leichtathleten sollen am 30. Juli im „Neuen Nationalstadion“ ins olympische Geschehen eingreifen. Neben den bekannten, allerdings verschärften Normen, mit deren Erfüllung man wie bisher ziemlich sicher nominiert wird, gibt es mit einem Rankingverfahren einen zweiten, neuen Weg, sich für den Saisonhöhepunkt zu qualifizieren. Dafür gilt es, in Wettkämpfen Punkte für die Weltrangliste zu sammeln.

„Die Athleten müssen clever ihre Saison planen“, sagt Idriss Gonschinska, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV). „Aber das Rankingsystem unter Covid-Bedingungen, das ist herausfordernd. Es sind national und international viele Veranstaltungen ausgefallen, das Training hat sich für den ein oder anderen Athleten eingeschränkt gestaltet.“

„Performance Score“ = „Result Score“ + „Placing Score“

Die Punktzahl, aus der sich die Position in der Weltrangliste ergibt, ist der Mittelwert der fünf besten Resultate der vergangenen zwölf Monate. In einigen Fällen gilt auch ein Zeitraum von 18 Monaten. Die letzten kontinentalen Titelkämpfe, aktuell also die EM 2018 in Berlin, werden immer gewertet, auch wenn sie länger zurückliegen. Ausgeklammert wird coronabedingt allerdings die nur rudimentär ausgetragenen Sommersaison 2020.

Zugleich sind mindestens fünf ranking-taugliche Resultate nötig, um überhaupt ins System zu rutschen. In einigen Disziplinen, in denen man nicht so viele Wettkämpfe bestreiten kann, wie bei den Langstrecken, den Hindernisläufen oder beim Mehrkampf, reichen auch drei bzw. zwei Ergebnisse. Die Punktzahl für einen einzelnen Wettkampf („Performance Score“) addiert sich aus einer Kennzahl für die Leistung („Result Score“) und der Wertigkeit der Veranstaltung („Placing Score“).

Die Punkte für die Leistung sind einer umfangreichen Liste zu entnehmen. Allein für die Freiluftwettbewerbe sind auf 370 A5-Seiten für alle Disziplinen Zeiten, Weiten und Höhen die entsprechenden Punkte zugewiesen. Maximal sind 1400 Zähler möglich. Diese Maximalpunktzahl gibt es für Leistungen, die ein gutes Stück über dem jeweiligen aktuellen Weltrekord liegen, beim Männersprint über 100 Meter beispielsweise bei 9,46 Sekunden. Usain Bolt würde für seinen Weltrekord von 9,58 Sekunden, den er bei der WM 2009 im Berliner Olympiastadion aufstellte, 1356 Punkte erhalten. Für 10,00 Sekunden gibt es 1206, für 10,50 Sekunden 1040 Zähler.

Bei Disziplinen, bei denen der Wind eine Rolle spielt, wie eben dem 100 Meter-Sprint, gibt es Korrekturwerte – Punktabzug für Rückenwind, zusätzliche Punkte für Gegenwind. Auch unterschiedliche Gefälle bei Straßenwettbewerben werden entsprechend korrigiert.

Den „Placing Score“ gibt es natürlich nicht für jedes Feld- und Wiesensportfest. 46 Veranstaltungstypen sind in zehn Kategorien definiert. Olympische Spiele und die Leichtathletik-WM bilden die höchstbewertete Kategorie „OW“. Es folgen die Kategorien „DF“ mit den Diamond League Finals, „GW“ u.a. mit der Hallen-WM und den Diamond League Meetings und „GL“ mit den Europameisterschaften.

In diesen vier Top-Kategorien gibt es auch Punkte für die jeweilige Runde vor dem Finale, bei den nachfolgenden Kategorien „A“ bis „F“ nur maximal für das Erreichen des Finales. Hallen-Europameisterschaften sind beispielsweise in „A“ einsortiert, Deutsche Meisterschaften in „B“, U23-Europameisterschaften in „C“, Deutsche Hallenmeisterschaften in „D“, NRW-Meisterschaften, auch in der Halle, in „F“.

Erstmals werden damit auch Hallenwettkämpfe für eine Rangliste und die Olympia-Qualifikation gewertet. Für einen Olympiasieg oder WM-Gold gibt es einen „Placing Score“ von 350 Punkten, für Platz acht in der Kategorie „OW“ 185, für Rang 16 noch 80 Zähler. In den drei weiteren Top-Kategorien werden Punkte in abgestufter Form bis Rang zwölf verteilt. Ein DM-Freiluft-Titel ist 100 Punkte wert, ein Sieg bei NRW-Meisterschaften 15. Für die Disziplinen 5000 Meter, 3000 Meter Hindernis, 1000 Meter sowie die Straßenwettbewerbe und im Mehrkampf sind es jeweils ein paar Zähler weniger.

Bonus für Weltrekorde

Bonuspunkte gibt es für einen neuen Weltrekord, die einfach zum finalen Durchschnittswert der fünf Wettkampfergebnisse addiert werden. Stabhochspringer Armand Duplantis, der im Februar 2020 den Hallenweltrekord zweimal steigerte, erhielte dafür zusätzlich zweimal 20 Punkte und ist mit 1515 Zählern der Mann mit dem höchsten Ranking überhaupt. Weitsprung-Weltmeisterin Malaika Mihambo (LG Kurpfalz) führt die Weltrangliste in ihrer Disziplin mit 1449 Punkten an. In der disziplinübergreifenden Rangliste ist sie mit diesem Wert als Achte ebenfalls weit vorne angesiedelt. Doppelweltmeisterin Sifan Hassan aus den Niederlanden ist die Leichtathletin mit den meisten Punkten im Ranking (1549).

Mihambos höchstbewerteter Wettkampf ist natürlich die WM in Doha im Herbst 2019. Dort kam sie auf 7,30 Meter, gleichbedeutend mit 1288 Punkten im „Result Score“. Für WM-Gold gab es zudem 350 Zähler im „Placing Score“. Daraus errechnet sich ihr „Performance Score“ für die WM zu 1638 Punkten. Darüber hinaus kommen bei ihr das Diamond League Finale in Brüssel (1469), ein Diamond League Meeting (1425), das ISTAF in Berlin, das zur Wettkampf-Kategorie „A“ gehört (1364), und die Deutschen Meisterschaften (1353), alles aus dem Jahr 2019, zur Anwendung. Der Durchschnitt dieser fünf Wettkämpfe sind die angegebenen 1449 Punkte.

Seit Mai in der Weltrangliste

Von diesen Punkteregionen ist Frederik Ruppert noch ein gutes Stück entfernt. Der Herzogenrather im Trikot des SC Myhl LA wird erst seit Mai überhaupt in der Weltrangliste geführt, weil es ihm zuvor schlicht an ranglisten-tauglichen Wettkämpfen fehlte. Er hat aktuell 1175 Zähler, die sich als Mittelwert aus den Deutschen Meisterschaften in Braunschweig, für die es 1203 Punkte gab – 1143 als „Result Score“ für seine Zeit von 8:25,27 Minuten und 60 als „Placing Score“ für den zweiten Platz –, dem Internationalen Pfingstsportfest in Rehlingen (1180) und seinem Saisoneinstieg Anfang Mai in Leverkusen über 2000 Meter Hindernis (1144) ergibt.

Natürlich werden die in der Weltrangliste hoch platzierten Athletinnen und Athleten wie Malaika Mihambo in der Regel auch zugleich Normerfüller sein, also nicht über das Rankingsystem nominiert werden. Wenn ein Athlet, wie zum Beispiel der Leverkusener Stabhochspringer Torben Blech, Teilnehmer des Domspringens auf dem Katschhof, die bei 5,80 Meter angesetzte Norm im Vorjahr erfüllt hat – was ihm 2019 für die ursprünglich 2020 angesetzten Spiele gelang –, muss im Olympiajahr noch einen etwas niedriger angesetzten Leistungsnachweis erbringen. Auch das hat er schon geschafft, Sogar mehr. Beim Indoor ISTAF in Düsseldorf überflog er 5,86 Meter.

Verschärfte Normen

„Ich denke persönlich, dass über dieses Rankingverfahren viele Chancen bestehen“, sagt Idriss Gonschinska. „Die Athleten, die die Norm haben, haben eine hohe Wahrscheinlichkeit, nominiert zu werden. Und die anderen haben die Chance, sich über die Wettkämpfe zu positionieren.“ Wobei gerade das zu Pandemie-Zeiten natürlich problematisch sei. Nicht nur, weil viele Veranstaltungen ausgefallen und einzelne Wettkämpfe nicht längerfristig planbar gewesen seien. „Man muss auch das individuelle Risikomanagement sehen, das bei der Auswahl der Wettkämpfe immer mitgespielt hat“, so Gonschinska. „Aber die Athleten nehmen das an, das ging ja auch nicht anders, wenn man sich den Traum von Olympischen Spielen wahr machen möchte. Ich finde es trotzdem herausfordernd.“

Bei der Bewertung einer Normerfüllung und der Weltranglistenposition für eine Nominierung sieht der DLV-Vorstandsvorsitzende Spielraum für die nationalen Verbände. „Norm hat Vorrang“, stellt er für den DLV klar. „Weil das Leistungsniveau höher ist. Die Normen sind sehr anspruchsvoll.“ Im Vergleich zu den Olympischen Spielen 2016 sind diese Normen verschärft worden, was auch logisch ist, weil Startplätze für Athleten geschaffen werden müssen, die über die Weltrangliste nominiert werden.

Denn die Gesamtzahl der Athleten für die Leichtathletik-Wettbewerbe soll nicht erhöht werden. Es werden weiterhin etwa 1900 Starter angepeilt. Durch das neue System ist es problemlos möglich, dieses Ziel auch einzuhalten, da es bei den anspruchsvolleren Normen unwahrscheinlich ist, dass diese von mehr Athleten als geplant erreicht werden. Die Starterfelder können einfach über die Weltrangliste bis zur Zielgröße aufgefüllt werden. Diese Zielgröße unterscheidet sich von Disziplin zu Disziplin.

„Die Zugangskriterien haben sich nach Ablaufüberlegungen dargestellt. Man will nicht mit 50 Stabhochspringern in die Qualifikation gehen, sondern mit 32“, erläutert Gonschinska. In allen technischen Disziplinen sind 32 Teilnehmer vorgesehen, bei den Sprints über 100 und 200 Meter sind es beispielsweise 56, bei den Hürdenläufen 40, im Mehrkampf nur 24. Und eben 45 über 3000 Meter Hindernis – die spannende Zahl für Frederik Ruppert.

Das heißt natürlich auch, dass die Anzahl der Weltranglistenpositionen, die nominierungsfähig sind, je nach Disziplin unterschiedliche sind. Dabei ist zu berücksichtigen, dass weiterhin nur maximal drei Starter pro Nation und Disziplin möglich sind. Ruppert steht in der entsprechend korrigierten Weltrangliste aktuell auf Platz 42, kann sich also weiterhin Hoffnungen auf einen Start in Tokio machen. Während die Top-Athleten, die die Olympia-Norm erfüllt haben, frühzeitig Klarheit haben, muss sich der Herzogenrather wie die meisten, die auf eine Qualifikation über das Rankingsystem hoffen, noch gedulden.

Der Nominierungszeitraum endet am Dienstag, 29. Juni. Anfang Juli, etwa vier Wochen vor Beginn der Leichtathletik-Wettkämpfe, soll die finale Startliste für Tokio feststehen. „Es ist sicherlich interessant zusehen, wie sich das Rankingsystem in einer mehr normalen Welt auswirken wird, die wir hoffentlich 2022 erleben werden“, so Gonschinska. „Das hat aber unbestritten Einfluss auf die Wettkampfhäufigkeit und auf die Trainingsgestaltung im Jahresverlauf.“ Er gehe davon aus, dass sich das neue Qualifikationssystem etablieren werde. „Die Idee ist ja, eine höhere und wahrnehmbare Wettkampfhäufigkeit der Athleten und damit eine höhere Relevanz der Leichtathletik zu fördern.“