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Aachen: Walter Godefroot hält Jan Ullrich die Türe offen

Aachen : Walter Godefroot hält Jan Ullrich die Türe offen

Das Team Telekom 2003 ohne Jan Ullrich: Das ist Fakt. Zurzeit jedenfalls. Der Tour-de-France Sieger von 1997 hat sich nach der verlorenen Saison, nach Knieverletzung, Unfall mit Fahrerflucht, Tablettenmissbrauch und der daraus resultierenden Sperre bis zum 23. März 2003 vom Bonner Rennstall getrennt.

Doch Walter Godefroot, der Manager der renommierten Equipe, hat die Türe nie zugeschlagen, wie er im Exklusivgespräch mit unserer Zeitung am Tag vor Heiligabend sagte. AZ-Redakteur Wilhelm Peters fasst den Redaktionsbesuch des 59-Jährigen zusammen.

War 2002 für das Team Telekom ob all der Probleme um Jan Ullrich, um Verletzungen, Stürze und Erkrankungen ein schlechtes Jahr?

Godefroot: Es wäre gegenüber Erik Zabel und anderen Fahrern, die gute Leistungen gebracht haben, nicht korrekt, von einem schlechten Jahr zu sprechen. Zabel ist Weltranglistenerster, hat 32 Siege eingefahren. Andererseits hatten wir mit Jan Ullrich, Alexander Winokurow und Andreas Klöden drei Fahrer, die bei der Tour de France unter die ersten Zahn hätten fahren können. Wir hatten keine Chance, weil alle drei ausgefallen sind. Insofern kann man nicht zufrieden sein. Winokurow war verletzt, Klöden kam nicht richtig in Tritt, und die Probleme um Jan Ullrich sind bekannt. Hinzu kam Zabels Pech bei Mailand-San Remo, als er mit einem Defekt keine Chance mehr hatte, oder Winokurows Sturzpech und seine Erkrankung als Gesamtzweiter bei der Tour de Suisse beziehungsweise der Spanien-Rundfahrt.

Das mit Abstand größte Problem hieß aber Jan Ullrich.

Godefroot: Ein Jahrhunderttalent. Wenn ein Jan Ullrich immer mit dem professionellen Einsatz eines Erik Zabel bei der Sache wäre, hätten wir einen neuen Eddy Merckx. Jan hat immer versprochen, professioneller zu werden, und hat dies oft geschafft, nach Rückschlägen die Vuelta gewonnen, ist Weltmeister geworden. Nur - dieses Jahr lief es nicht. Wir haben alles getan. Er hat alles zur Verfügung gehabt, wir haben alles versucht. Da waren sein Trainer Peter Becker, Teamchef Rudy Pevenage, Mannschaftsarzt Dr. Lothar Heinrich. Jan hat einen eigenen Koch zur Verfügung gehabt, damit die Gewichtsprobleme nicht wieder zur Gefahr wurden. Wir haben mehr getan als normal.

Vielleicht zu viel?

Godefroot: Kann man zuviel machen? Man kann niemanden 12 Monate kasernieren.

Wie groß war Ihre persönliche Enttäuschung nach all den Vorkommnissen?

Godefroot: Ich sehe das eher geschäftsmäßig. Wir haben Jan ein Angebot gemacht, er hat Nein gesagt, sich entschieden, wegzugehen. Da waren Leute wie Becker, Pevenage, Dr. Heinrich oder Jans Manager Wolfgang Strohband, die sich unglaublich engagiert haben. Dadurch habe ich von Jan einen gewissen Abstand gewonnen, habe weniger Kontakt mit ihm gehabt. Intern wusste man das. Es war kein Problem. Umgekehrt war auch Jan mir gegenüber sehr zurückhaltend.

Haben Sie es auch so empfunden, dass man die Tour de France ohne Jan Ullrich ganz anders wahrgenommen hat?

Godefroot: Sowieso. Vom Talent her hat man Armstrong, Ullrich. Und dann hat man eine Menge von wievielen Fahren? Vielleicht 15 oder 20, bei denen es um die Plätze dahinter geht. Wenn Jan also nicht fährt, kann man nur hoffen, dass der eine oder andere aus unserer Mannschaft unter die ersten Zehn fährt. Das aber war unmöglich.

Was haben Sie gedacht, als Jan alkoholisiert gegen einen Fahrradständer gefahren ist, Fahrerflucht beging und als er später des Missbrauchs von Amphetaminen überführt wurde?

Godefroot: Es gibt dieses Sprichwort: „Wer frei von Sünde ist, werfe den ersten Stein.” Man macht Fehler. Er war durch seine Knieprobleme ganz unten. Es waren Dummheiten. Dennoch: Glücklich bin ich damit natürlich überhaupt nicht.

Nun steht Jan Ullrich momentan noch ohne Vertrag da. Bjarne Riis und sein CSC-Team haben Interesse, Coast hat Interesse, aber nichts ist perfekt. Ist der „Telekom-Zug” für Ullrich wirklich endgültig abgefahren?

Godefroot: Wir haben nie „nie” gesagt. Wir haben ein Angebot gemacht. Wenn Jan und Wolfgang Strohband morgen überlegen und Jan sagt, vielleicht war Telekom doch gar nicht so schlecht, dann können wir noch ein Gespräch führen. Vielleicht gibt es noch eine Möglichkeit. Wir haben niemals gesagt, die Türe ist zu. Er ist das größte Talent, das es gibt.

Unter welchen Bedingungen könnte er zurückkommen?

Godefroot: So einfach ist das nicht. Über seine Ambitionen müsste gesprochen werden. Aber zur Zeit kommen solche Überlegungen überhaupt nicht in Frage, weil Jan für sich entschieden hat, das Team Telekom zu verlassen. Wenn das ein Thema würde, müssten und würden wir die Möglichkeiten abklopfen. Es besteht aber für uns kein Anlass, jetzt darüber nachzudenken.

Lastet denn nicht ein viel größerer Druck auf Ihnen als dem Verantwortlichen für ein Team, in das Telekom viel Geld steckt, das künftig ab eben ohne einen Jan Ullrich auskommen muss?

Godefroot: Im empfinde keinen Druck. Das ist auszuhalten. Ich lebe seit Jahren damit, dass ein Unternehmen wie Telekom das, was ich tue, was das Team erreicht oder eben auch nicht erreicht, hinterfragt. Das ist das gute Recht eines Geldgebers.

Was geht denn nächste Saison ohne Ullrich?

Godefroot: Ich denke, eine Menge. Mit Zeitfahr-Weltmeister Santiago Botero, Cadel Evans, Giro-Gewinner Paolo Savoldelli und Alexander Winokurow haben wir vier Fahrer, die bei der Tour unter die zehn Besten fahren können. Wir haben auch Andreas Klöden als Rundfahrer. Oder für die Klassiker und Etappensiege natürlich einen Erik Zabel, Daniele Nardello und Steffen Wesemann.

Aber Armstrong kann niemand stoppen, oder?

Godefroot: Wenn er in Form und gesund ist, hat man keine Chance. Er ist im besten Sinne ein Besessener, der 24 Stunden an 365 Tagen im Jahr einzig und allein den Radsport lebt.