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Aachen: Voltigieren: Statt Feinschliff nun Zusatztraining

Aachen : Voltigieren: Statt Feinschliff nun Zusatztraining

Noch am Morgen hatte alles so leicht ausgesehen: Wie Perlen an einer Schnurr reihten sich die Übungen geschmeidig hintereinander. Doch dann — ausgerechnet im Nationenpreis — war der Wurm drin: Der Aufsprung des ersten Voltigierers gelang nicht optimal, der folgende ebenfalls nicht.

Delia, die mit ihren neun Jahren in ihrer ersten Saison als Gruppen-Voltigierpferd startet, war irritiert und fiel in den Kreuzgalopp. Schon zum Reiten höchst unbequem, aber darauf turnen. . . Am Ende die große Überraschung, denn auch Erik Oese hatte spontan zwei, drei Höchstschwierigkeiten auslassen müssen. Und so unterlag Deutschland I mit Kristina Boe, Oese und der Gruppe Neuss-Grimlinghausen (24,850 Punkte) im Nationenpreis des CHIO Aachen ausgerechnet Deutschland II (25,586) mit Corinna Knauf, Viktor Brüsewitz und dem Team Köln-Dünnwald. Dritter wurden die USA (23,712).

„Ich bin geladen“, sagte Jessica Schmitz, und die blauen Augen der sonst stets fröhlichen Rheinländerin funkelten drohend. Kurzfristig war der Longenführerin von Neuss-Grimlinghausen ihr fröhliches Lachen abhanden gekommen. Dabei hatte die 33-Jährige, die seit 2000 an der Longe steht, zuvor in einer Welle von Lob baden können. Die neue Choreographie des amtierenden Europameisters ist in aller Munde. Schon beim ersten Auftritt in Belgien waren die Zuschauer begeistert ebenso wie Ende Juni beim CVI in Kamke. Der Sieg war den Neussern sicher. Und auch beim CHIO Aachen in der Albert-Vahle-Halle waren die Richter begeistert, so dass das Team klar bei den Gruppen gewann.

Nach dem Nationenpreis folgte aber die Ernüchterung. „Das waren die Turner selbst schuld. Dabei wollten wir die 9,0 von vor zwei Wochen wiederholen“, sagte Jessy Schmitz seufzend, 8,027 wurde es. Und das ausgerechnet eine Woche vor der DM in Elmshorn, wo für die Gruppen erst das WM-Ticket vergeben wird und man auf Mitbewerber VV Ingelsberg treffen wird. Ein Warnschuss zur rechten Zeit? „Vielleicht, denn mit so einer Leistung fahren wir sicher nicht zur WM nach Caen“, unterstrich Schmitz. „Dabei dachten wir, dass wir in dieser Woche nur noch Feinschliff machen müssten.“

Seit Oktober bastelt das Team an der neuen Choreographie, trainiert vier Mal in der Woche je vier Stunden — „das wird vor Wettkämpfen natürlich noch angezogen“, so Schmitz. Und man hatte sogar mit Europameister Jacques Ferrari trainiert, da der Franzose so speziell, so künstlerisch anders auf dem Pferde turnt. Zu den Klängen der britischen Rockband Muse, aufbereitet zusätzlich mit Streichern und Piano, entführt die neue Choreographie die Zuschauer in ein Raumschiff: In weißen, glänzenden Raumfahranzügen turnen die sechs Voltigierer auf dem galoppierenden Pferd, mal alleine, mal zu zweit oder zu dritt, wobei die Kleinste im Team — Mona Pavetic, 11, — teilweise hoch über den Köpfen der anderen schwebt.

Die Fachwelt ist begeistert, der Favorit für die WM schien gefunden, die Ernüchterung nach dem Nationenpreis ist verständlich. „Wir wollten hier gute Durchgänge zeigen, nun heißt es Zusatztraining. Und zumindest unser junges Pferd hat in Aachen kein Selbstvertrauen tanken können, dabei hatte es das bisher grandios gemacht“, grummelt Schmitz, die ihr Lachen bei der DM mit dem WM-Ticket wiederfinden dürfte — zu überlegen ist ihr Team.

Übrigens: Dass Köln-Dünnwald mit Deutschland II siegte, hat es Neuss zu verdanken. Für Kölns verletzten „Obermann“ sprang Neuss‘ Reservistin, die elfjährige Leonie Falkenberg, erst am Mittwoch ein. „Fair Play geht immer vor — auch unter Erzrivalen“, lobte Bundestrainerin Ursula Ramge. Man stelle sich vor: Bayern fehlt ein Innenverteidiger, und Dortmund schickt Ersatz — und das ausgerechnet für das Spiel gegeneinander . . .