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Handball in Deutschland: Turniere, Titel und alltägliche Tristesse

Handball in Deutschland : Turniere, Titel und alltägliche Tristesse

Für die überragende Stimmung während der WM gab es eine eigene Urkunde. Hassan Moustafa, Präsident des Internationalen Handballverbands (IHF), überreichte Henriette Reker die gerahmte Tafel „In Anerkennung und Würdigung für das herausragende Engagement der Zuschauer der 26. IHF-Weltmeisterschaft der Männer 2019 in der Lanxess-Arena in Köln“. Das klingt etwas sperrig, aber so hat man was eigenes.

Kölns Oberbürgermeisterin bedankte sich umgehend über das Hallenmikrofon, Adressat ihrer Grüße war dann allerdings nicht der ausrichtende Deutsche Handballbund, vielmehr bedankte sich Reker beim Deutschen Fußball-Bund. Sie korrigierte zwar schnell ihren Fehler, aber 18.000 ausgezeichnete Handballfans können auch gellend pfeifen. Die 62-Jährige jedenfalls verließ das Parkett begleitet von Buh-Rufen. Wer Handball und Fußball in diesem Rahmen verwechselt, kann auch gleich auf eine warme Herdplatte greifen.

Der Handball ist für ein paar Tage die populärste Sportart in Deutschland. Der Boom lässt sich in TV-Quote messen. Mehr als zehn Millionen Fans (Marktanteil: 30,4 Prozent) fieberten am Montag mit, als das Team den Einzug in das Halbfinale schaffte. Selbst die sportlich nicht mehr so relevante Partie gegen Spanien verfolgten noch mehr als neun Millionen Zuschauer. So groß war die Resonanz noch nie in einer Gruppenphase.

Selbst ZDF-Sportchef Thomas Fuhrmann war angenehm überrascht: „Mit so einem Erfolg haben wir nicht gerechnet“, sagt der Fernsehmann. „Dass Handball in Deutschland populär ist, wussten wir natürlich, aber so viele Zuschauer hätten wir nicht erwartet.“ Dass die Prognosen nicht präziser waren, lag auch daran, dass die beiden letzten Weltmeisterschaften eher unbemerkt nur im Bezahl-Fernsehen (2015) und im Internet (2017) übertragen wurden.

Nun ist das Championat wieder öffentlich zugänglich, und der Handball erlebt eine herausragende Zeit. Und doch kommen die Fans nicht auf Public-Viewing-Meilen zusammen, niemand ist auf die Idee gekommen, seinen Wagen mit einem Deutschland-Fähnchen auszustatten, obwohl das Turnier vor der Haustür stattfindet. Es gibt keine Hup-Konzerte in den großen Innenstädten. Ohnehin sind die großen Handball-Bundesligateams eher selten in Metropolen untergekommen.

Ein ausgesprochener Handball-Boom-Experte ist Heiner Brand. Bei der letzten Heim-WM 2007 trugen die deutschen Spieler nach dem Titelgewinn künstliche Schnauzbärte als Verneigung vor ihrem Trainer. Danach traten ein paar Spieler in Talkshows auf, Schulbücher wurden um den Spartensport ergänzt. „Und dann kamen ein paar Monate später die Marketingexperten, die uns erklärten, wie das alles funktionieren könnte“, erinnert sich Brand. Der große Durchbruch blieb aus. „Meistens ist der Boom montags nach dem Turnier dann wieder vorbei“, sagt der TV-Experte Stefan Kretzschmar, der selbst mehr als 200 Länderspiele bestritten hat.

Heiner Brand kennt das Phänomen des kurzfristigen Handball-Booms. Foto: imago/foto2press/Oliver Zimmermann

Dabei kann der Handball durchaus in eigener Sache punkten. Er ist ein schöner Gegenentwurf zum alles überstrahlenden Fußball. Der Umgang der Spieler untereinander ist trotz Kontaktsportart durchaus respektabel, man hilft sich wieder auf die Beine. Schwalben und Theatralik sind verpönt. Wer liegen bleibt, ist tatsächlich angeschlagen. Für das Publikum ist ein Spiel durchaus kurzweilig: Die Intensität ist hoch, es fallen viele Tore, selbst deutliche Rückstände lassen sich noch aufholen. Das Reglement verhindert, dass ein Vorsprung nur verwaltet wird. Das Spiel wird angehalten bei einer Unterbrechung. Passivität wird angezeigt, die drohende Bestrafung „Zeitspiel“ lässt sich nur mit einer Abschlussaktion verhindern.

Trainer lassen sich bei ihren Auszeiten gerne zuhören, während sich beim Fußball Spieler selbst schon in talentfreien Ligen die Hand vor dem Mund halten, um nicht belauscht zu werden. Der temporeiche Handball lässt zudem keinen Raum für durchchoreographierten affigen Jubel. Und auch das Publikum ist anders als beim Branchenführer. „Es geht wohltuend friedlich zu“, sagt Brand. Der Gegner wird nicht mit Plakaten geschmäht, von Pyro-Shows in der Halle oder von Faustkämpfen auf den Rängen hat man auch selten gehört. „Das ist wichtig und richtig und seit mindestens 30 Jahren bekannt“, brummt Heiner Brand.

Der Fußball ist dennoch das Maß der Dinge. Das bleibt auch so, sagt Christoph Bertling, der am Institut für Kommunikation- und Medienforschung an der Sporthochschule in Köln lehrt. Der Fußball vergrößere permanent Reichweite und Quoten. Der Wissenschaftler spricht von einem „The-winner-takes-it-all“-Phänomen. Der Stärkste wird noch stärker – das ist der stabile Trend seit Jahren.

Dahinter entwickeln sich alle andere Sportarten zu Randsportarten, sagt Bertling. Kurzfristige Euphorie habe fast nie „Übertragungseffekte“ für den Liga-Alltag, weil auch viele Medien dann wieder weiterziehen. Aber so aussichtslos sei der Kampf um Aufmerksamkeit nicht, sagt Bertling. „Der Handball kann sich durchaus zu einer Gegenschablone zum Fußball entwickeln, er muss dafür seine Stärken herausarbeiten.“

Abseits der großen Turniere, hier ein Spiel der Nationalmannschaft beim Supercup 2013 in Hamburg, ist beim Zuspruch der Fans noch Luft nach oben. Foto: imago sportfotodienst

Solche Stärken haben viel mit Fairplay zu tun, sagt Heiner Brand. „Sportliche Werte gibt es sicherlich eher im Handball“, sagt Brand. Er ist selbst Fußball-Fan, manchmal sitzt er im Stadion und kann nur resignierend den Kopf schütteln, wenn sich mal wieder ein Rudel um einen Schiedsrichter bildet. Oder wenn ein Spieler, der theatralisch am Boden liegend sein Karriereende ankündigt, Sekunden später von einer Wunderheilung profitiert. Handballer gelten als geerdet, vergoldete Steaks werden selten bestellt. „Was mir am besten gefällt: dass einfach deutlich weniger palavert wird als im Fußball, außerhalb wie auf dem Feld“, sagt auch Hoffenheims Fußballtrainer Julian Nagelsmann: „Man versucht zu spielen und nicht so viel zu labern, das würde uns auf dem Fußballfeld auch gut zu Gesicht stehen.“

Die Frage, was am Montag ist

Dass dieses Turnier über den Montag hinaus Wirkung entfaltet, ist die Aufgabe von Mark Schober. Der Vorstandsvorsitzende des deutschen Handballbundes ist überrascht, welchen Schwung das Turnier genommen hat. „Wir hatten diese Erfolgsgeschichte so nicht erwartet.“

2007 kam der Erfolg ähnlich überraschend, die Mitgliederzahlen im DHB schnellten auf mehr als 850.000 nach oben, aber so richtig gewappnet war man nicht, sagt Schober. „2019 sind wir besser vorbereitet.“ Auf der Geschäftsstelle arbeiten inzwischen 50 statt 20 Mitarbeiter damals. Die Bundesligisten sind professioneller aufgestellt, die Sponsorenerlöse steigen. Der Erfolg 2007 habe dazu geführt, dass alle Bundesligaspiele inzwischen bei Sky gezeigt werden. Es gäbe einen nachhaltigen Plan für die nächsten Jahre, sagt Schober. „Wir wollen vor allem Eltern die Werte unseres Sports nachhaltig vermitteln“, sagt der Sportökonom: „Handballer sind bodenständig, nahbar, authentische Teamplayer. Handball ist echt.“ Das Turnier sei ein „Peak“, ein Zwischenhoch, aber die Weichen sind gestellt, die Reichweite des Handballs soll sich vergrößern. In den nächsten sechs Jahren übertragen ARD und ZDF die Welt- und Europameisterschaften, zudem verspricht die EM im eigenen Land 2024 Rückenwind.

Sportarten werden auch immer über Gesichter und Geschichten transportiert. „Im Handball gibt es sehr interessante Figuren“, sagt auch der Medienwissenschaftler Christoph Bertling. Aber die Gensheimers, Pekelers und Wolffs haben wenig Zeit nach dem Turnier, um in Fernsehstudios über eine aufstrebende Sportart zu plaudern. Der Terminkalender ist eng. Am nächsten Freitag steht in Stuttgart bereits wieder ein Länderspiel an. Gegen die Allstars der Bundesliga.

(dpa)