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Lüttich: Standard Lüttich: Der Aufschwung nach dem Aufruhr

Lüttich : Standard Lüttich: Der Aufschwung nach dem Aufruhr

Auch der KV Kortrijk durfte seinen Plan dann dem Reißwolf überlassen. Sie wollten den Gegner schön weg halten vom Tor und die Serie von Standard Lüttich beenden, doch die „Rouches“ marschierten am Sonntag weiter.

2:0, der sechste Sieg im sechsten Spiel der belgischen Fußball-Oberklasse, Torverhältnis 12:0, und nimmt man die drei Qualifikationsrunden zum Einzug in die Gruppenphase der Europa League hinzu, dann steht der Traditionsklub aus dem Stadion von Sclessin jetzt bei zwölf Pflichtspiel-Erfolgen in Serie. Sicher, das Auftaktprogramm meinte es gut: Von Pokalsieger KRC Genk abgesehen, bekam es der zehnmalige Landesmeister bislang mit den Leichtmatrosen der Liga zu tun. Zu erwarten war dieser dennoch bemerkenswerte Start in die Saison nicht — nach all dem Aufruhr in den letzten Monaten.

Zum Fan-Liebling wird er wohl nicht mehr: Standard-Eigner Roland Duchatelet.
Zum Fan-Liebling wird er wohl nicht mehr: Standard-Eigner Roland Duchatelet. Foto: sport/Reporters

Duchatelet, der Herrscher

Seit zwei Jahren gehört Standard dem Geschäftsmann Roland Duchatelet, der für rund 40 Millionen Euro die Anteile von Margarita Louis-Dreyfus (Witwe des einstigen adidas-Chefs) übernahm. Zur „Begrüßung“ verkaufte Duchatelet gleich mal Profis im Gesamtwert von 28,7 Millionen Euro, darunter die Stars Axel Witsel, Steven Defour und Mehdi Carcela.

Sportlich ging es vor einem Jahr dann richtig bergab, und während der rumänische Trainer und Ex-Lüttich-Spieler Mircea Rednic versuchte, das Team wieder in die Spur zu bringen, verblüffte der Präsident mit seiner ersten abenteuerlichen Idee: Wechsel in die französische Ligue 1, falls es nicht zu einer gemeinsamen Meisterschaft der Verbände Belgiens und der Niederlande kommt.

Rednic führte die Mannschaft auf den letzten Drücker noch in die Qualifikation zur Europa League und ging frohen Mutes einen Tag später zu Duchatelet, um über ein weiteres Engagement zu verhandeln. Nach wenigen Minuten war Rednic ein Ex-Standard-Trainer, hinauskomplimentiert mit den Worten des Klubchefs: „Ich habe einen Besseren gefunden.“

Als Duchatelet dann noch 20 Millionen Euro Dividende aus dem Verein zog, obwohl dieser Verluste gemacht hatte, brach unter den Fans ein Sturm der Entrüstung los. Tausende nahmen das Stadion ein, es war ein Pulverfass und laut und ungemütlich vor allem für Duchatelet, der sich Gesprächen mit dem Anhang verweigerte. Aus Furcht vor möglichen Übergriffen wurde sogar die Mannschafts-Vorstellung abgesagt. Und der Präsident kündigte an, Standard wieder verkaufen zu wollen.

Luzon, der Erfolgstrainer

Das war natürlich ein taktisches Manöver, abgesehen davon, dass nie ein ernsthafter Interessent auch nur zur Debatte gestanden hätte. Und wie das halt so ist im Tagesgeschäft Fußball: Die Wogen glätteten sich. Roland Duchatelet verlängerte plötzlich mit Leistungsträgern wie dem vom RSC Anderlecht umworbenen William Vainqueur (24, defensives Mittelfeld) und holte den Ex-Gladbacher Igor de Camargo (30) zurück, der zur Meistermannschaft der Jahre 2008 und 2009 gehörte und bei den Fans auch deshalb noch sehr beliebt ist.

Jean-Francois de Sart, Sportlicher Leiter, schaut bei allen personellen Entscheidungen nur zu. Das war auch in der Trainerfrage so: Über einen befreundeten Berater verpflichtete Duchatelet den 38-jährigen Guy Luzon, zuletzt Nationalcoach der israelischen U 21. Der spricht zwar — außer ein paar Brocken Englisch — nur Hebräisch, sein Assistent scheint aber so gute Dolmetscher-Arbeit zu leisten, dass die Mannschaft die entscheidenden Dinge versteht.

„Duchatelet“-Rufe gibt es noch nicht in Sclessin, vor dem Spiel gegen Kortrijk präsentierte der vor kurzem noch zum Teufel gewünschte Boss aber das nächste Zückerchen: Mehdi Carcela (24, offensives Mittelfeld) kehrt von Anschi Machatschkala zu Standard zurück, dem Vernehmen nach für weniger als eine Million Euro Ablöse. Das wird als klares Zeichen gedeutet: Lüttich will Meister werden. Nächste Aufgabe der „Serien-Täter“ ist am 15. September Aufsteiger KV Oostende. Der Spielplan meint es gut.