Aachen: Sportpsychologe Jürgen Walter spricht über Angst im DFB-Team

Aachen: Sportpsychologe Jürgen Walter spricht über Angst im DFB-Team

Vor ein paar Monaten hat Jürgen Walter den Film „Alles geschieht im Kopf“ fertiggestellt. Der Sportpsychologe aus Düsseldorf stellt ein paar Strategien vor, mit denen sich mentale Blockaden lösen lassen. In dem einstündigen Beitrag spielt Mats Hummels „mentales Golf“.

„Man erkennt da, wie kleinste Gedanken meinen Körper beeinflussen können“, sagt der Vorsitzende des NRW-Landesverbands deutscher Psychologen im Gespräch mit Christoph Pauli. Am Sonntag hat er Hummels wieder beobachtet — unter enormem Stress beim Spiel der Nationalmannschaft gegen Mexiko.

Bislang galt die fast religiöse Hoffnung, dass Deutschland erstens eine Turniermannschaft ist und sich zweitens in der Vorbereitung immer das notwendige taktische Rüstzeug aufspielt. Was ist also passiert am Sonntag?

Walter: Die Spieler haben sich möglicherweise zu sicher gefühlt mit ihrer spielerischen und technischen Qualität. Es wird zwar niemand zugeben, aber im Kopf haben sie Gegner und Situation wohl unterschätzt und waren dann nicht in der Lage zu reagieren. Das Leitmotiv dieses Spieles war, keinen Fehler machen zu wollen. Es fehlte deutlich der Mut.

Die Zweikampfführung war häufig ghandihaft, dafür war die Fehlpassquote unfassbar hoch. Es war die Fortführung der letzten Partien —nur eben gegen einen besseren Gegner. Hat sich die Gruppe die letzten Wochen schöngeredet?

Walter: Definitiv. Joachim Löw hat im Vorfeld eine „andere Mannschaft“ beim Turnier angekündigt. Es war dann aber das schwankende Team der Vorbereitung. Der Weltmeister war sich seiner Sache sicher. Am Sonntag habe ich dann aber zu meiner Verblüffung Angst registriert: Angst vor Fehlern, vor Gelben Karten, vor Zweikämpfen, vor Verletzung, vor Verantwortung. Sie waren blockiert.

Gibt es eine Erklärung dafür, dass nicht ein oder zwei Spieler, sondern nahezu das gesamte Kollektiv weggebrochen ist?

Walter: Es war eine Kettenreaktion. Mental waren sie auf so eine Situation nicht vorbereitet.

In der Startformation standen acht Weltmeister. Löw hat also auf Spieler gesetzt, die mit Drucksituationen gut umgehen können. Gab es trotzdem eine Sorge vor dem Misserfolg?

Walter: Aus meiner Sicht muss man unterscheiden. Eine Drucksituation im Viertelfinale ist anders als in der Gruppenphase. Später kann ich immer gegen richtig gute Gegner ausscheiden, vorher kann ich aber nur verlieren.

Neurobiologen sagen: „Wir führen Bewegungen mit maximalem Einsatz aus, wenn das Ziel neu und wichtig ist. Aber Bekanntes wird schnell langweilig und wird nicht mehr mit dem notwendigen Einsatz ausgeführt.“ Ist das ein Erklärungsmuster?

Walter: Das ist so, auch wenn die Spieler das dementieren. Wenn man einmal Weltmeister war, kann man nur noch verlieren. Eine Steigerung ist nicht möglich, deswegen ist es kein Zufall, dass bislang nur eine Mannschaft den Titel verteidigt hat.

Experten haben die matte Körpersprache oder auch die meditative Stille auf dem Platz kritisiert.

Walter: Die Körpersprache hat mich nahezu erschreckt. Nach dem 0:1 schlurften sie fast mit hängenden Köpfen in Richtung Anstoß. Haben Sie jemanden gesehen, der die Gruppe gepusht hat? Nein, die Spieler waren nicht frei, das Negative in ihren Köpfen überwog. Die Angst vor dem nächsten Fehlpass wurde immer größer.

Sportpsychologen raten Profis zu einem „Gedankenstopp“, um negative Gedanken zu verdrängen. Gehört das zum Rüstzeug von Profis?

Walter: Sie kennen das Instrument sicher, aber es anzuwenden, ist die Kunst. Spieler sind keine Maschinen. Der Gedankenstopp reicht auch nicht, ich muss versuchen, positive Gefühle zu entwickeln. Es geht um den nächsten Einwurf, den nächsten Pass, daraus muss ich positive Energie ziehen. Man muss sich beschummeln als Spieler, nicht an die Bedeutung des Spiels, sondern nur die nächste Aktion denken.

Der Bundestrainer hat nach dem Spielende erklärt, dass er an seiner Spielidee festhalten wird. War aber dieses Spiel nicht ein Signal, dass das Team Änderungen braucht?

Walter: Ich kann als Trainer jetzt nichts richtig oder verkehrt machen. Ändert er das Spielsystem, wird es ihm im Misserfolg vorgehalten, hält er daran fest, geht es ihm ähnlich bei einer Niederlage.

Das „Fiasko Mexicana“ kam ziemlich unerwartet. Wie sieht die Aufgabe für Sportpsychologen in dieser Woche aus?

Walter: Ich würde wenig Übungen am Ball machen, die spielerische Klasse ist ja unbestritten da. Die Spielfreude muss zurückkommen, deswegen würde ich als Trainer den Spaß in den Vordergrund stellen. Wer einen Elfmeter verschießt, zahlt 50 Euro in die Teamkasse zum Beispiel. Oder ich würde das Schwedenspiel von vor vier Jahren zeigen bis zur 62. Minute.

Da stand es 4:0, der Endstand war ein vogelwildes 4:4.

Walter: Es geht nur um die guten Momente, bis der Glaube zurück ist. Der DFB hat mit Hans-Dieter Hermann einen hervorragenden Teampsychologen dabei. Ich weiß nicht, ob die Spieler die bestehenden Angebote zu Einzelgesprächen nutzen. Im Teamsport ist die Sportpsychologie immer noch ein Tabuthema. Mental austrainiert sind Fußballer eher nicht nach meiner Beobachtung.

Fast allen Spielern fehlte die Schärfe, gilt das nicht auch für den Trainer, der auf die schnell auftretenden Probleme nicht reagiert hat?

Walter: Löw ist kein Jürgen Klopp, der am Spielfeldrand rumturnt. Das würde die Spieler jetzt auch eher erstaunen.

Die Beobachtung war eher, dass auch er überrascht war von der Dynamik des Spiels.

Walter: Als Trainer muss er immer eine Antwort parat haben, unlösbare Aufgaben gibt es für den Weltmeister von 2014 nicht. Manchmal ist Routine aber auch ein Feind, weil man sich zu sicher fühlt. Ich habe aber tatsächlich sehr großes Vertrauen in Jogi Löw und Hans-Dieter Hermann, dass sie die Situation lösen.

Eine Konsequenz aus der Niederlage ist, dass die Mannschaft ab sofort nur noch K.o.-Spiele hat. Ist sie dafür gewappnet?

Walter: Die Spieler müssten immer gewappnet sein, das ist ihr Job. Die Freude auf den Erfolg muss immer die Sorge vor dem Misserfolg überwiegen.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Fehlstart: Deutschland verliert Auftaktspiel gegen Mexiko