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Aachen: Sieger Markus Fuchs dachte schon ans Karriereende

Aachen : Sieger Markus Fuchs dachte schon ans Karriereende

Der Himmel hatte ausgeweint, die Sonne schickte ein paar ihrer langen goldenen Finger hinunter in die Soers. Das musste ein Zeichen sein.

Ludger Beerbaum war gerade angesagt und damit aufgerufen, den Großen Preis von Aachen zum dritten Mal in Folge zu gewinnen - und plötzlich waren die Regenschirme überflüssig.

Die Stangen vibrierten, klapperten, rollten - fielen aber nicht. Beerbaum und Goldfever waren mit dem Glück als verlässlichem Allierten unterwegs. Bis zum Einsprung der zweifachen Kombination.

Mit der Vorderbeinen schlug der Hannoveraner die Tresortüre am Ende des zweiten Umlaufes zu. Jubel brandete trotzdem auf, in Aachen wäre Beerbaum auch noch Publikumsliebling, wenn er mit einem Holzpferd daher käme.

39,91 : 39,95 Sekunden

Der Siegerscheck über 76.000 Euro ging in die Schweiz. Markus Fuchs gewann das Stechen vor Christian Ahlmann. Der Vorsprung erinnerte eher an ein Schwimmereignis, lächerliche vier Hundertstel Sekunden lagen zwischen Fuchs und dem Zweitplatzierten Christian Ahlmann - 39,91 zu 36,95 Sekunden.

Für Fuchs ist es wohl der größte Einzelerfolg seiner langen Karriere. „Ich musste lange üben, bis mir das gelungen ist”, berichtet der 48-Jährige. Schon 1978 holte er sich die Bronzemedaille im Team bei der WM in Aachen.

Anfang des Jahres musste er monatelang mit einer Bauchmuskelzerrung pausieren, noch beim Weltcup-Finale brauchte er Schmerzmittel. „Ich dachte schon an Rücktritt”, erinnert er an die trübe Zeit. „Aber ich kann nun mal nichts anderes als reiten.”

Da gewinnt er im Mekka der Springreiter, doch den Abreiteplatz erreichte er so teilnahmslos, als käme er gerade vom Abendspaziergang zurück. „Das habe ich alles nicht so realisiert.”

Es war eine brillante Zeit für ihn und Tinkas Boy, dem 15-jährigen Hengst unterlief in der ganzen Woche nur ein Fehler am Wassergraben.

Beim Finale hätte er den Einzug ins Stechen aber fast vertrödelt. Erst ein Zuruf von der Teilnehmertribüne „Zeit, Zeit” führte zu verschärften Gangart, nur 28 Hundertstel blieb er unter dem erlaubtem Limit.

Die Jagd um die Sekunden-Bruchteile beschäftigten auch Christian Ahlmann nach dem letzten Sprung. Die Fehlerquelle war schnell gefunden. „Ich habe mir am vorletzten Oxer zu viel Zeit gelassen. Mit wenig Aufwand hätte hier mehr erreichen können. Ich habe es selbst verbummelt.” Die Enttäuschung saß tief beim Europameister, der die Woche mit einem Sturz begonnen hatte.

Immerhin kann er sich über seinen Cöster nach einem fehlerlosen CHIO freuen. Der elfjährige Wallach ist nach einem Formtief längst olympiareif, „und viel schwerer als heute hier, kann es in Athen auch nicht werden”, vermutete Ahlmann.

Marc van Dijck auf Goliath und Otto Becker auf Dobels Cento belegten im Stechen abgeschlagen die Plätze 3 und 4.

Am Ende einer langen kraftraubenden Turnierwoche hatte Parcourschef Rothenberger noch einmal einen enorm anspruchsvollen Stangenwald aufgebaut. Schnell trennte sich die Spreu vom Weizen. Gleich sieben der 40 Paare winkten vorzeitig ab und gaben auf. Lokalmatadorin Helena Weinberg kam besser zurecht und landete mit Romanus auf Platz 9.

Und was machte Ludger Beerbaum, der wieder Weltranglistenerster geworden wäre? Der ertrug die „Niederlage” gewohnt souverän: „Natürlich hätte ich eine tolle Woche gerne gekrönt, aber der Reitsport ist kein Wunschkonzert.”

Immer noch schiebt er die Entscheidung auf, auf welchem seiner Spitzenpferde - Gladdys oder Goldfever - er in Athen aufkreuzen will. „Wenn ich mich heute entscheiden würde, würde ich Goldfever nominieren.” Dann wäre 13-jährige Hengst doch noch ein Gewinner.