Ex-Gladbach-Profi Nils Rütten: Von der Königsklasse in die Kreisliga

Ex-Gladbach-Profi Nils Rütten : Von der Königsklasse in die Kreisliga

Zuletzt feierte er mit Drittligist Eintracht Braunschweig den Klassenerhalt. Kurze Zeit später löste er seinen Profivertrag auf. Vor kurzem sorgte er dann für den nächsten mächtigen Paukenschlag...

An diesen unvergesslichen Abend im Oktober 2016 denkt Nils Rütten gerne zurück. Mittwoch, 20.45 Uhr, Champions League. Fast 60.000 Zuschauer sorgen für eine beeindruckende Kulisse im Glasgower Celtic Park. Die Fußballprofis des schottischen Kultklubs sowie von Borussia Mönchengladbach schreiten in die Arena. Die Hymne der Königsklasse ertönt, die Fans erheben sich von ihren Sitzen.

Und mittendrin ein hoffnungsvolles Talent aus Geilenkirchen. Rütten sitzt nicht als Fan auf der Tribüne, sondern auf der Ersatzbank des Bundesligisten vom Niederrhein. Neben ihm haben der heutige deutsche Nationalspieler Nico Schulz, Gladbachs Aushängeschilder Patrick Herrmann und Tony Jantschke, Eintracht Frankfurts diesjähriger Rekordeinkauf Djibril Sow sowie U 21-Nationalspieler Mahmoud Dahoud, der inzwischen für Borussia Dortmund kickt, Platz genommen.

Für den damals 21-Jährigen war es eine Premiere, denn erstmals schaffte er es in den Profifikader der Fohlen bei einem Pflichtspiel. Der hoch veranlagte Defensivspezialist hatte Blut geleckt, auch wenn ihm ein erster Einsatz verwehrt blieb. Es folgten weitere Kadernominierungen, sowohl für die Champions League als auch für die Bundesliga, Spielminuten gönnte ihm sein damalige Förderer André Schubert jedoch nicht.

Zweitniedrigste Amateurklasse

Keine drei Jahre ist das jetzt her. Rüttens Karriere nahm im Anschluss nicht die erhoffte Fahrt auf, vielmehr sorgte der heute 24-Jährige vor ein paar Wochen für einen  Paukenschlag: Rütten beendete überraschend seine Profikarriere und schloss sich seinem Heimatverein Germania Bauchem an. Die erste Mannschaft des Geilenkirchener Klubs kickt in der Kreisliga C, der zweitniedrigsten Amateurklasse im Kreis Heinsberg.

Auch in überregionalen Medien sorgte dieser Wechsel für Schlagzeilen. So vermeldete der „kicker“: „Rütten verlässt Braunschweig auf eigenen Wunsch.“ Die „Welt“ titelte: „Wie ein Fußballprofi in der Jura-Vorlesung landete.“ Und auch im Internet wurde heftig diskutiert. „Ich habe unzählige Facebook-Nachrichten erhalten. Es waren viele positive Reaktionen dabei, aber einige Fans haben auch ihr Unverständnis zum Ausdruck gebracht“, unterstreicht Rütten, der sich nach dem Klassenerhalt mit dem Drittligisten Eintracht Braunschweig, für den er zuletzt die Schuhe schnürte, auf eine Vertragsauflösung einigte.

„Meine Wertvorstellungen haben sich verändert. Ich möchte künftig Menschen helfen und auch etwas für die Umwelt tun. Als Jurist kann ich später in viele Bereiche gehen“, begründet Rütten, warum er sich für ein Studium in Bonn und gegen den Profifußball entschieden hat. Zudem will er später einmal eine Stiftung gründen, und betont: „Es gibt so viele Probleme auf der Welt.“

Dass ein Fußballprofi in so jungen Jahren solch einen drastischen Schritt vollzieht, ist eher ungewöhnlich. Rütten mutmaßt, dass seine Umstellung auf vegane Ernährung den Sinneswandel begünstigt hat. „Ich habe dadurch angefangen, viele Dinge zu hinterfragen“, begründet er. Auch die Erfahrung, die er als Profifußballer in den vergangenen knapp drei Jahren sammelte, haben sein Umdenken beeinflusst. Denn wie schnelllebig das Profigeschäft ist, zeigt sich gut am Beispiel des gebürtigen Würseleners, der in Geilenkirchen aufgewachsen ist.

Trotz der Highlightspiele für die Fohlen in der Königsklasse lief es in der Bundesliga-Hinrunde der Saison 2016/17 alles andere als rund. Nach nur einem Sieg aus elf zurückliegenden Ligaspielen wurde Schubert am 21. Dezember 2016 vorzeitig beurlaubt. Dieter Hecking übernahm das Kommando bei der Borussia. Unter dem neuen Coach schaffte Rütten nur noch einmal den Sprung in den Kader. „Hecking hat auf die Etablierten gesetzt. Er mochte meine Spielweise nicht so sehr wie Schubert“, erinnert sich der 1,84 Meter große Athlet. Im Wintertrainingslager lotete er seine Einsatzchancen aus. „Ich wollte spielen und mich weiterentwickeln. Ich hätte mich auch an einen Zweit- oder Drittligisten verleihen lassen, um Spielpraxis zu sammeln. Der Trainer hatte mir allerdings zu verstehen gegeben, dass er an meiner Stelle nicht wechseln würde“, erläutert er.

In die U 23 zurückversetzt

Das Blatt wendete sich allerdings nicht zu seinen Gunsten. Rütten erhielt unter Hecking „keine echte Chance“, wie er sagt und wurde wieder in die U 23 zurückversetzt. Sein Name tauchte plötzlich nicht mehr auf der Liste des Profikaders auf. „Keiner hat mit mir gesprochen. Das war schon eine herbe Enttäuschung. So stellt man sich den Profifußball nicht vor. Das kann schon ein sehr dreckiges Geschäft sein“, verdeutlicht Rütten, der sämtliche Jugendmannschaften der Fohlen durchlaufen und insgesamt 15 Jahre für den Klub gespielt hat.

Nils Rütten im Trikot von Borussia Mönchengladbach. Foto: imago/Uwe Kraft/imago sportfotodienst

Im Sommer 2017 absolvierte Rütten ein Probetraining beim damaligen schottischen Erstligisten FC Dundee. „Da hat es mir aber gar nicht gefallen. Die Bedingungen waren nicht mit Gladbach zu vergleichen. Mir war danach auch schnell klar, dass ich nicht weit weg von meiner Familie sein möchte.“ Nach einer weiteren Saison unter Arie van Lent in der zweiten Mannschaft musste „eine Entscheidung her“, wie Rütten betont. Er entschied sich für ein Jurastudium in Bonn und zu einem Engagement beim Regionalligisten Bonner SC. „So konnte ich tagsüber in die Uni gehen und abends trainieren. Das hat perfekt gepasst.“ Im Winter warb ihn der abstiegsbedrohte Drittligist Braunschweig ab. Dort arbeitete er erneut mit seinem ehemaligen Förderer Schubert zusammen. „Das war eine schwierige Entscheidung, denn ich habe mich in Bonn sehr wohlgefühlt. Andre Schubert hat sich aber so sehr um mich bemüht, dass ich nicht Nein sagen konnte“, sagt Rütten. „Das war schon ein geiles halbes Jahr. Ich bereue den Wechsel überhaupt nicht.“ Die Wege trennten sich wieder: Schubert übernahm vor der Saison den Zweitligisten Holstein Kiel, und Rütten beendete seine Profikarriere.

Doch so ganz ohne Fußball war für ihn keine Option, auch wenn er Angebote von Dritt-, Regional- und Mittelrheinligisten ausschlug. „Ich möchte mich nun auf mein Studium in Bonn konzentrieren und kann daher nicht mehr so viel trainieren, aber Fußball macht einfach viel Spaß“, unterstreicht Rütten, der nun in Bauchem mit seinen Brüdern Sven und Lars auf Torejagd geht. „Die Hinrunde werde ich auf jeden Fall für die Germania spielen. Den interessierten Vereinen habe ich geantwortet, dass sie sich im Winter noch einmal melden können. Ich schließe nichts komplett aus, aber es ist äußerst unwahrscheinlich, dass man mich noch einmal oberhalb der Regionalliga Fußballspielen sieht. Ich habe mit dem Profifußball abgeschlossen“, sagt Rütten.

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