Thomas Guß bleibt Kellersberger SC auch nach 568 Partien treu

Dauerbrenner Thomas Guß : Der Rekordspieler hat immer noch nicht genug

Thomas Guß hatte schlicht und ergreifend keine andere Wahl. Denn von seinem Mitspracherecht konnte er noch keinen Gebrauch machen. Sein Opa, Peter Rinkens, der damalige Jugendleiter des Kellersberger SC, hatte am Tag der Geburt seines Enkels nicht nur Geschenke mit ins Krankenhaus gebracht, sondern auch eine Anmeldung.

Die Botschaft war unmissverständlich: Wie schon der Vater und der Großvater sollte auch das jüngste Mitglied der Familie für den KSC Fußball spielen. „Der Weg war vorgezeichnet“, sagt Thomas Guß und lacht. Was auch daran lag, dass die Anmeldung tatsächlich unterzeichnet wurde.

„Eine Herzensangelegenheit“

Im Laufe der Jahre hatte er die Wahl, sich einen anderen Verein zu suchen, natürlich, „und man macht sich auch Gedanken, wenn ein sportlich und finanziell interessantes Angebot reinkommt. Aber Kellersberg ist meine Heimat, und hier zu spielen, war für mich immer eine Herzensangelegenheit.“ Das ist wahrlich keine Selbstverständlichkeit in Zeiten, in denen einige Amateurfußballer nur dem Geld hinterherjagen und Vereinstreue immer mehr zum Fremdwort verkommt. Guß ist sozusagen der Gegenentwurf zu diesem Spielertypus. Seit 17 Saisons ist der gelernte Verwaltungsfachwirt Mitglied der ersten Mannschaft des KSC, seit der Spielzeit 2008/09 führt er die Blau-Gelben sogar als Kapitän an. Und es versteht sich von selbst, dass da einige Einsätze zusammengekommen sind. Wie viele genau, das weiß niemand besser als er, denn Guß führt die Kellersberger Chronik. Sage und schreibe 568 Spiele hat er im Seniorenbereich bislang bestritten und dabei 144 Treffer erzielt.

Das reicht nicht, um Rekordtorschütze des Vereins zu werden; dafür fehlen noch mehr als 100 Tore. Seit Montag ist er aber offiziell Rekordspieler des KSC. Das lässt sich auch von dem Trikot ablesen, das er vom ersten Vorsitzenden des Klubs, Frank Dohmen, vor dem letzten Heimspiel der Saison gegen Grün-Weiß Lichtenbusch überreicht bekommen hat. Mit dem bisherigen Rekordhalter, Dieter Strauch (567 Einsätze), hat Guß noch zusammengespielt, zu Beginn seiner Seniorenlaufbahn. Dass er eines Tages dessen Bestmarke knacken würde, dieser Gedanke ist dem heute 35-Jährigen aber erst später gekommen. Viel später. „Vor Saisonbeginn habe ich mir die Statistik noch einmal angesehen. Damals lag ich noch auf Platz fünf. Ich habe mir gedacht: Wenn alles gut läuft, könntest du den Rekord kurz vor dem Saisonende knacken.“

Es lief gut. Guß blieb auch in dieser Spielzeit von schwerwiegenden Verletzungen verschont, so wie eigentlich fast immer in seinem Fußballerleben. Zwar musste er sich zwei Mal einer Knie-OP unterziehen, die Ausfallzeit hielt sich aber in beiden Fällen in Grenzen, da Guß die Eingriffe auf einen „strategisch günstigen Zeitpunkt“ legen konnte. „Ich habe viel Glück gehabt“, sagt der Kellersberger Kapitän, der trotz alledem die Empfehlung von den Ärzten ausgesprochen bekam, seine Schuhe an den Nagel zu hängen. „Aber das war damals keine Option. Ohne Fußball – das geht nicht.“ Und es fällt auch schwer, sich den KSC ohne Guß vorzustellen, auch wenn der 35-Jährige sagt, „dass die nächste Saison meine letzte sein wird. Aber auch danach werde ich dem Verein erhalten bleiben.“ In welcher Funktion steht noch nicht fest, denkbar sei vieles. „Das wird die Zeit zeigen.“

In naher Zukunft steht erstmal noch mindestens eine Saison als Spieler an. In der Kreisliga B. Seit Montag steht nämlich fest, dass Kellersberg die Kreisliga A als Tabellenletzter verlassen muss. „Der Abstieg tut schon weh“, sagt der Kapitän. „In meinen Augen gehört der KSC mindestens in die Kreisliga A, eher sogar in die Bezirksliga.“ Der Verein hat sogar schon mal in der Landesliga gespielt, elf Jahre ist das mittlerweile her. Guß hat diese zwei Saisons miterlebt, natürlich, er sagt: „Das war wie die Champions League für uns.“ Ein Verein wie Kellersberg könne sich auf Dauer in dieser Liga aber nicht halten, dafür brauche man zahlungskräftige Sponsoren.

Der erfolgreicheren Zeit trauert er nicht hinterher, Wehmut kam am Montag dann aber doch auf. Das lag auch am Abstieg, vielmehr hatte es jedoch damit zu tun, dass es wahrscheinlich das letzte Heimspiel in Kellersberg war: Der Sportplatz an der Husemannstraße schließt seine Tore, in der neuen Saison wird der KSC seine Spiele auf dem Kunstrasenplatz am Schulkomplex „Kubiz“ in Alsdorf-Mitte austragen.

Es passt ganz gut, dass ausgerechnet der Rekordspieler den letzten Treffer in der alten Heimspielstätte markiert hat. Gegen Lichtenbusch erzielte Guß das zwischenzeitliche 1:1; am Ende verloren die Kellersberger 1:3. „Ich bin erst fünf Minuten zuvor von der Abwehr in den Angriff gerückt“, sagt Guß, auf den das Modewort des modernen Fußballs – Polyvalenz – zutrifft. „Ich habe in der Jugend als Stürmer angefangen und bin im Laufe der Jahre schrittweise postionstechnisch nach hinten gerückt“, sagt Guß mit einem Schmunzeln. „Als Not am Mann war, stand ich sogar ein paar Mal im Tor. Und wir haben nicht alle Spiele verloren“, sagt der 35-Jährige, der mit 1,73 Meter nicht unbedingt Gardemaß für einen Torhüter besitzt. Aber gutes Timing hatte er schon immer, und so überrascht es nicht, dass „ich die Hälfte meiner Tore mit dem Kopf gemacht habe.“

Da Thomas Guß seit mittlerweile 32 Jahren für den KSC spielt – als Dreijähriger kickte er schon bei den Bambini mit – kann man getrost festhalten, dass auch Peter Rinkens ein gutes Timing hatte, als er seinen Enkel erfolgreich nach Kellersberg gelotst hat.

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