Kohlscheider Christian Hammers als Bob-Anschieber erfolgreich

Typischer Quereinsteiger : Vom Läufer zum Bob-Anschieber

„Für viele ist Bobsport der zweite Versuch“, sagt Christian Hammers. Auch der Kohlscheider Ex-Sprinter sieht den Bob als zweite Chance. „Das ist ein Sammelpool für alle Sportarten. Alles Quereinsteiger.“ Seine Anschieberkollegen sind frühere Judokas oder kommen wie er aus der Leichtathletik.

Sprinter, aber auch ehemalige Werfer, die früher mit Speer oder Kugel an Wettkämpfen teilgenommen haben. Der Wechsel zum Wintersport hat sich gelohnt: Seit der Saison 2014/2015 fährt Hammers im Bob-Europacup.

Die Arme sind deutlich dicker geworden, die ganze Statur stämmiger. „Gewicht spielt eine wichtige Rolle“, sagt Hammers. Das erlaubte Höchstgewicht beim Viererbob beträgt 630 Kilogramm, beim Zweierbob sind es 390 Kilogramm – bei Leergewichten von etwa 240 und 190 Kilogramm. Da es beim Bobfahren bergab geht, bringt Masse Beschleunigung, das Gewichtslimit sollte also ausgereizt werden. Zwar könnte man Ballast in den Bob legen, doch der muss beim Start beschleunigt werden. Günstiger ist es, wenn die Anschieber die Masse mitbringen. „Es geht um tausendstel Sekunden“, sagt Hammers, der mit seinen 102 Kilogramm für den Zweierbob etwas zu leicht ist. „Ich werde meist im Viererbob eingesetzt.“

Seine Leichtathletik-Laufbahn startete er bei der DJK Elmar Kohlscheid. Über die LG Euregio ging es wegen der Staffel zum LT DSHS Köln, mit dem er auch seinen größten Erfolg feierte. 2011 wurde er über 4 x 400 Meter Deutscher Jugendmeister. Im Einzel stand er oft im Finale, „aber für eine Medaille hat es nie gereicht.“ Ein Stipendium in den USA 2012 brachte ihn nicht voran, nach einem Jahr war er wieder in Deutschland.

„Ich bin ein ehrgeiziger Typ und war mit meinen Leistungen in der Leichtathletik nie zufrieden. Es war immer mein Traum, Profisportler zu werden.“ Ein Zufall war es, der Hammers zum Bob brachte. Sprinttrainer Thomas Prange, selbst als Aktiver und Trainer im Bobsport aktiv, sprach ihn an. 2014 stieg er fest ein, seit der Saison 2014/2015 war er als Anschieber im Europacup dabei. Drei zweite Plätze und ebenso viele Rennsiege, zuletzt am vergangenen Wochenende in Winterberg, kamen bisher zusammen. Im vorigen Jahr holte er im Viererbob Bronze bei den Junioren-Weltmeisterschaften und wurde Junioren-Europameister. Seinen Traum Profisportler hat er verwirklicht. Denn als Sportsoldat bei der Bundeswehr kann er von seinem Sport leben. In der Leichtathletik, vermutet er, wäre er sportlich nicht so weit nach vorne gekommen.

„Bauarbeiter und Sportler“

Der Einstieg sei ihm allerdings nicht leicht gefallen, erinnert sich Hammers, der mit seiner Freundin, der australischen Bobpilotin Breeana Walker, in Mainz wohnt. „Der Bobsport ist ein brutal hartes Geschäft. Wir müssen alles selbst machen.“ Kufen montieren, Schlitten vorbereiten und das schwere Sportgerät durch die Gegend tragen, und das oft früh am Morgen bei eisiger Kälte. „Das Drumherum macht einen fertig. Ich habe einige Jahre gebraucht, um meine Leistung zu bringen. Man sagt, wir sind zur Hälfte Bauarbeiter und zur Hälfte Sportler.“ Er gehört zwar dem TuS Eintracht Wiesbaden an, doch die Teams, die sich die Spitzenpiloten zusammenstellen, gehen quer durch alle Vereine und Landesverbände. Die Mannschaften werden daher nach den Piloten benannt.

Aktuell schiebt er den Bob von Christoph Hafer an. Erst im September kam er ins „Team Hafer“, nachdem sich sein vorheriger Pilot Bennet Buchmüller verletzt hatte. Üblicherweise stehen die Teams zum Trainingsbeginn im Frühjahr fest. „Gute Anschieber können sich das Team aussuchen“, sagt er. Und zählt sich zu diesem Kreis.

Der Trainings- und Wettkampfrhythmus sieht beim Bobsport natürlich anders aus als bei Hammers früherer Disziplin. Im März geht es los mit Grundlagen- und Athletik-Training. „Deutlich mehr Krafttraining als in der Leichtathletik“, sagt der 26-Jährige. Aber auch viel Sprungkraft- und spezifisches Sprinttraining bis 50 Meter stehen auf dem Programm. Weiter muss man als Bob-Anschieber nicht laufen. Das Training sei sehr individuell. „Die Methodik geht in Richtung Sprinttraining“, sagt Hammers. „Aber nur weil ich schnell rennen kann, heißt das nicht, dass ich auch schnell anschiebe.“ Der Aachener Dr. Tobias Alt, Biomechaniker am Olympiastützpunkt Westfalen, gehört zu seinen Trainern.

Ab April oder Mai kommt das Anschubtraining hinzu. Im Oktober und November werden die nationalen Ausscheidungsrennen ausgetragen. Die besten sechs Teams bilden die Nationalmannschaft, die ersten drei starten von Dezember bis Februar in der Regel im Weltcup, schon allein wegen der TV-Präsenz der attraktivere Wettbewerb, die anderen drei im Europacup. Wer für die Olympische Spiele oder die jährlich ausgetragene WM nominiert wird, entscheiden die Bundestrainer – und das sei alles nicht immer nachvollziehbar, findet Hammers.

Mit seinem Team war er bei den Ausscheidungsrennen vorne dabei, fährt im Viererbob aber im Europa- und nicht im Weltcup, weil andere Teams vornominiert waren. Mit drei anderen Mannschaften testet sein Team Mitte November im kanadischen Whistler, wo vom 25. Februar bis 10. März die Weltmeisterschaft ausgetragen wird. „Ich gehe davon aus, dass wir nicht die WM fahren werden“, sagt er. So bleibt für ihn, nach dem Sieg am Wochenende, in dieser Saison voraussichtlich nur noch ein Europacup-Rennen.

Von den Ausscheidungsrennen für die internationale Bühne einmal abgesehen, findet Bobsport auf nationaler Ebene kaum statt. Zwar fungiert eines der Ausscheidungsrennen als Deutsche Meisterschaft, „aber die ist nicht wichtig“, sagt Hammers, 2018 DM-Zweiter mit seinem Team. Selbst eine EM habe keinen großen Stellenwert. „Bob machen nur Leute, die Top-Niveau haben.“ Es gibt keinen personellen Unterbau wie in anderen Sportarten. Weltcup, Weltmeisterschaft und die Olympischen Spiele sind Hammers große Ziele. 2020 steht eine Heim-WM an, 2022 die Winterspiele in Peking. Deutschland ist die Top-Nation beim Bobfahren.

Bei den Olympischen Winterspielen 2018 in Pyeongchang holte Deutschland alle drei Bob-Goldmedaillen. Die „brutale Dominanz“ Deutschlands, wie Hammers es nennt, und das damit verbundene hohe Niveau, mache es schwer, sich national durchzusetzen. „Meine besten Jahre kommen noch“, ist der 26-Jährige dennoch überzeugt. In Pyeongchang seien alle Anschieber um die 30 Jahre alt gewesen.

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