Kampfsport-Abend in Vaals

Kampfsport-Abend in Vaals: Blut, Schweiß und viel Herz

Bei der Tai-kien-Gala verlieren Frederic Fraikin und Leo Zulic, dürfen sich aber trotzdem als Sieger fühlen. Ehsan Molaei brilliert, Lukas Achterberg gewinnt vorzeitig.

Vielleicht war es genau diese Atmosphäre, die Leo Zulic bald vermissen wird: Der schmale Nebenraum im Café Zero war überfüllt mit Menschen, immer wieder stießen neue Gratulanten dazu, es wurde eng und enger, die Luft war geschwängert vom intensiven Geruch des Thaiöls. Der 32-jährige Kampfsportler hatte gerade den letzten Kampf seiner Karriere verloren – und dennoch war Zulic genau wie Frederic Fraikin (25), der in seinem letzten Kampf des Jahres ebenfalls unterlegen war, ein Sieger.

Der Jüngere der beiden saß erschöpft auf einem Stuhl, direkt an der kahlen Betonwand. Fraikin schnaufte durch. Nach der Punktniederlage gegen Jakob Styben (Grevenbroich) musste Aachens Sportler des Jahres 2017 noch ungezählte Foto-Runden mit Fans gehen. Immer schön lächeln, obwohl die Schmerzen in seinem schwer geprellten Fuß immer stärker wurden.

Doch Frederic Fraikin ist ein netter Kerl, sehr höflich. Er verkniff sich jede Ablehnung, humpelte erst nach getaner Anhänger-Arbeit in die Katakomben und sackte auf dem Stuhl zusammen. Und lächelte immer noch: „Ich bin zufrieden, so wollte ich das Jahr nicht beenden“, spielte er auf die Abbruchniederlage einen Monat zuvor in Oberhausen an. „Jetzt habe ich alles gegeben, und das ist, was zählt. Dass ich verloren habe, ist kein Problem: Selbst wenn mir das fünf Mal hintereinander passiert – wenn ich jedesmal 100 Prozent gebe, ist das ok.“

Nur wenige Meter weiter ging Zulic erneut auf den Rücken. Diesmal aber nur zum Verarzten. Ringarzt Joachim Dupont musste die klaffende Wunde auf der Stirn nähen. „Ich brauch’ keine Betäubung“, sagte Zulic. Vier Stiche schlossen die Wunde, eine andere bleibt wohl zeitlebens offen: „Es hat nur ein My gefehlt“, ärgerte sich der Aachener. Und meinte nicht nur die K.o.-Niederlage gegen Lennart Blijd. My steht bei Zulic für die mikroskopisch kleine, aber durchschlagende (!) Ungerechtigkeit, sich mit einem Gegner messen zu müssen, der unter besseren Bedingungen Kampfsport betreiben kann. In Holland beim Sityodtong Amsterdam, unter professionellen Bedingungen, wie der „Aachener Löwe“ meint.

Mit kühlem Blick und zielgenauem Konter: Tai-kien-Kämpfer Ehsan Molaei (l.) trifft Vladislav Tikhonov. Foto: Wolfgang Birkenstock

Supertechniker aus Amsterdam

Was der passionierte MMA-Kämpfer an diesem Abend in einem K1-Kampf entgegenzusetzen hatte, reichte nicht, um den Supertechniker aus Amsterdam zu bezwingen. Was Zulic blieb, war sein Kämpferherz, das ihn trotz zahlreicher Treffer immer wieder nach vorne laufen ließ, um Blijd mit einem Schlag zu erwischen. Drei Jahre lang hatte der Aachener keinen K1-Kampf mehr absolviert, war nur noch im Käfig (MMA) angetreten. Mit dem Knie erwischte der Niederländer ihn an der Stirn. Das Blut behinderte die Sicht, und in Runde 3 ging der Lokalmatador nach einem erneuten Knietreffer zu Boden. Der Ringrichter brach ab, für Zulic zu früh.

„Zugegeben, für zwei Sekunden war ich weg. Aber bei acht war ich wieder klar.“ Und wahrscheinlich hätte sich der Mann mit dem Löwenherz durchgekämpft. Aber auf diesem Niveau kann man mehr als Blut verlieren. Und das weiß auch Leo Zulic, der mit Ehefrau Ania, die ihn betreute, schnell nach Hause musste: Söhnchen Luan wartete in der Obhut der Schwiegermutter.

Das Blut stoppte ihn nicht, aber das Knie des Gegners: Leo Zulic. Foto: Wolfgang Birkenstock

Diese Verpflichtungen hat Freddy Fraikin noch nicht. Seine Karriere hat im Grunde gerade begonnen – in der A-Klasse. Wie sein Trainer Frederic Jungheim prophezeit hatte, wurde das erste Jahr bei den Profis zu einem steinigen Weg. Aber zu einem mit hohem Lernerfolg. Nach einer sehr guten ersten Runde hatte sich Fraikin eines nun immer stärker aufdrehenden Nationalmannschaftskollegen zu erwehren. Er musste durchs Fegefeuer und blieb aufrecht. Punktniederlage, aber das gute Gefühl, sich gegen enormen Widerstand behauptet zu haben. Ein Sieg der Moral.

„Eine Top-Veranstaltung“, urteilte Jungheim über seine Tai-kien-Gala. „Knock-out“ in Vaals machte seinem Namen alle Ehre. Dazu trug auch der Alsdorfer Zwei-Meter-Riese Lukas Achterberg bei. Mit einem kaum zu sehenden Aufwärtshaken schlug er seinen Gegner Ali Boutaleb (Narong Gym) zu Boden. Verdeckt in der Ecke. „Ich hab mich gewundert, dass der Ringrichter ihn nicht angezählt hat“, sagte Achterberg. Boutalebs Trainer hatte es besser gesehen und warf in der Pause das Handtuch. Dem Referee machte der B-Klassekämpfer keinen Vorwurf. „Der Schlag war zu schnell“, grinste er. „Ich bin der Blitz.“

Wie man auch ohne vorzeitigen Sieg überzeugen kann, bewies Ehsan Molaei. Der 22-Jährige bestätigte seinen Ruf, ein echtes Kampfsport-Juwel zu sein. Ruhig und konzentriert fertigte der Tai-kien-Kämpfer den wild auf ihn einstürmenden Vladislav Tikhonov (Damon Erkelenz) ab. „Das habe ich von Frederic gelernt“, sagte der Modellathlet aus dem Iran. „Früher war ich auch etwas ungestüm.“ Geschmeidige Eleganz gepaart mit enormer Disziplin: „Er ist bereits mit 22 ein toller Taktiker. Da sieht man seine Judo- und Ringererfahrung“, beschreibt sein Trainer. Deshalb zieht es Molaei aber auch wieder nach unten.

Die MMA-Vorliebe hat er mit seinem Sparringspartner Zulic gemein. „MMA – das ist das Vollkommene“, brüllte der „Löwe“ noch mal zum Abschied. Molaeis nickte heftig, und seine Augen begannen zu glänzen. Der 22-Jährige profitiert nicht nur von der Erfahrung des Kampfsport-Veteranen und jetzt -Rentners. Leo Zulic verzichtete auf die Hälfte seiner Gage und spendete sie für seinen Bruder im MMA-Geiste.

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