Aachen: Ex-Alemanne Tobias Haitz: Sportinvalide mit 26 Jahren

Aachen: Ex-Alemanne Tobias Haitz: Sportinvalide mit 26 Jahren

Es ist zwei Minuten vor Mitternacht, als Tobias Haitz die Facebook-Gemeinde informiert. Es ist ein ungewöhnlicher Zeitpunkt für Nachrichten, und die Nachricht selbst ist auch ungewöhnlich. Der Fußball-Profi kündigt an, dass er seine Karriere im besten Sportleralter von 26 Jahren beenden muss. Für den Körper ist es bereits fünf nach zwölf, er spielt nicht mehr mit.

Seine Abschiedserklärung hat Haitz immer wieder neu formuliert, der Schlussstrich fällt ihm unglaublich schwer. Bevor er das Schreiben aufsetzte, hatte er ein Fußballspiel gesehen. Das ist erwähnenswert, weil der Profi monatelang den Sportplatz nicht mehr ertragen konnte. Selbst Spiele im TV mied er häufig. An diesem Abend war Haitz auf dem Aachener Tivoli. Haitz stammt aus Eschweiler, am alten Würselner Wall ist er groß geworden. Der Fußballprofi stand unter Fans im Kreis seiner Familie und Freunde. Da unten auf dem Rasen balgten sich die Spieler von Alemannia Aachen und Viktoria Köln. Für beide Klubs trug er bereits das Trikot. Es war ein bitter-süßer Abend. Einerseits genoss der 26-Jährige das Spiel, das er so mag. Aber andererseits stand schon ein paar Wochen lang fest, dass er das Spiel nicht mehr ausüben kann. Er ist Sportinvalide. Der Satz fällt ihm schwer, weil es ein komplettes Leben anhält und umkrempelt.

Eine unfrohe Botschaft

Später an diesem Tag lag Haitz aufgewühlt im Bett, er hat angefangen zu schreiben. „Irgendwann musste die Nachricht ja mal raus“, sagt er, und dann hat er kurz vor Mitternacht auf den Knopf gedrückt. Die unfrohe Botschaft wurde verbreitet. „Nur noch ein einziges Mal noch auf dem Platz stehen zu dürfen, dafür würde ich alles tun. Ich möchte jedem, der den Traum hat, Fußballer zu werden oder es sogar ist, mit auf dem Weg geben, jede Sekunde zu genießen & es zu schätzen. Ich vermisse es!“, schreibt er.

Am nächsten Tag muss er drei Mal sein Handy aufladen, so viele Nachrichten und Telefonate gingen ein. Alte Wegbegleiter aus gemeinsamen Zeiten bei N.E.C. Nijmegen, beim 1. FC und Viktoria Köln oder von Bayer Leverkusen haben sich gemeldet. Sie wollten Trost spenden, auch wenn das kaum möglich ist.

Ein paar Tage später sitzt er in einem Café, auch das bereitet Schmerzen. Es zeichnet sich ab, dass die Schmerzen, die von der Hüfte ausstrahlten, für lange Zeit seine unerwünschten Begleiter sein werden. Am 10. Dezember 2016 hat er sein letztes Fußballspiel gemacht, das Datum hat er nie vergessen. Haitz wird zur Pause verletzt ausgewechselt. Später wurde eine Zerrung diagnostiziert, eine Lapalie. Heute weiß er, dass es eine Fehldiagnose war. Haitz wechselte in diesem Winter. „Ich hatte in Aachen in jedem Spiel Gänsehaut, habe den Verein nur ungern verlassen, aber ich wollte die Chance nutzen, wieder in einer höheren Liga zu spielen.“

Er fängt bei den Sportfreunden Lotte an — und wird nie für sie auflaufen, wie man heute weiß. Die übliche medizinische Eingangsuntersuchung besteht er problemlos, doch schon vor dem ersten Testspiel muss er passen. Es zwickt. Die Ursache wird erst Wochen später festgestellt, Labrumläsion — eine Gelenklippe in der rechten Hüfte ist gerissen. Diese Bewegungseinschränkung nach einem Labrumriss kann langfristig zu einer Hüftarthrose führen.

Ein Spezialist in Essen operiert ihn Anfang Februar und deutet eine „vier- bis sechsmonatige“ Pause an. Die Rückrunde war damit schon erledigt, „aber ich habe mir gleich ein neues Ziel gesetzt.“

Er kennt sich aus mit Verletzungen, „ich bin immer stärker zurückgekommen“. Diesmal klemmt es. Er kehrt zu seiner Mannschaft zurück, trainiert dosiert, aber schon beim ersten Schusstraining „knallte es in der Hüfte“. Die Ärzte-Odysee beginnt, eine Ursache für die Schmerzen wird nicht gefunden, sie werden stärker. „Ich konnte nicht mehr liegen, nicht mehr sitzen oder lange gehen. Ich war im eigenen Körper gefangen.“

Haitz sagt, er weiß nicht, ob etwas bei der Operation schief gegangen ist. Er will die Spur nicht verfolgen. Lieber organisiert er die eigene Genesung, besucht Therapeuten, Heilpraktiker, Orthopäden, Osteopathen, wechselt die Reha-Zentren. Viele Versuche bezahlt er aus eigener Tasche. „Ich wollte doch zurück auf den Platz.“ Kämpfen hat er gelernt in seinem Sport, aber diesen Kampf verliert er.

Im Februar spricht ein Arzt in München aus, was er insgeheim schon befürchtet, aber immer verdrängt hat. „Ich hielt mich doch für unverwundbar.“ Der Experte legt ihm dringend nah, mit dem Leistungssport aufzuhören. Es ist nicht nur ein Abschied vom Fußball, sondern vom kompletten Sport, indirekt verfügt er auch ein Berufsverbot. Denn der gelernte Sport- und Fitnesskaufmann kann nicht mehr in seine Branche zurückkehren. Als Tobias mit seiner Frau Janina im Zug in die Heimat zurückfahren, sprechen sie kaum. Es fließen viele Tränen.

Die große Leere

Ein paar Wochen später geht es ihm besser, er hat sich langsam an die unvermeidliche Entscheidung herangetastet. Die Ärzte haben sie gefällt, er muss mit den Folgen klarkommen. Selbst im Alltag streikt der Körper auch ohne Belastung: „Ich bin derzeit nur bei 70 Prozent“, sagt er. Die Pläne sind noch vage. Er will Trainerscheine machen, er will zurück in die Kabine — vielleicht auch nur auf Hobbybasis. Haitz könnte den Spielern davon berichten, dass eine Karriere von einem Moment auf den nächsten beendet sein kann — und dann die große Leere wartet.

Die Gedanken sind noch nicht geordnet. Der Fall liegt nun bei der Berufsgenossenschaft, die entscheiden muss, ob sie den Ex-Sportler nach dem abrupten Karriereende unterstützen will. Ausgesorgt hat ein Spieler der 3. oder 4. Liga nicht einmal, wenn er 20 Jahre in seinem Beruf schafft. Haitz strebt eine Umschulung an, aber konkret ist das noch nicht. Er ist ein positiver Mensch, auch wenn das Schicksal ihn herausfordert. „Ich weiß, dass ich auch in anderen Bereichen als dem Sport erfolgreich sein werde“, sagt er. Die Kampflust ist geblieben.

Haitz hat zwei U 19-Länderspiele hinter sich, in seinem letzten, vor etwa sieben Jahren gegen Belgien, wurde er nach einer Stunde ausgewechselt gegen Marvin Plattenhardt. Die beruflichen Wege haben sich deutlich getrennt. Der Berliner hat gute Chancen, für die anstehende WM nominiert zu werden. Haitz wird sie vielleicht nicht mal am Fernseher verfolgen.

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