Reform der ITF sorgt auch in Alsdorf für Aufregung: „Die Zukunft des Tennis ist in Gefahr“

Reform der ITF sorgt auch in Alsdorf für Aufregung: „Die Zukunft des Tennis ist in Gefahr“

Die neue Reform der ITF sorgt für große Aufregung. Auch Patricia Böntgen, die in Alsdorf trainiert hat, ist besorgt. Nach den Plänen der ITF sollen dabei erst ab 25.000 Dollar Preisgeld Weltranglistenpunkte vergeben werden.

Patricia Böntgen hat ein Zeichen gesetzt, und mehr als eine Unterschrift war dafür nicht nötig. Böntgen ist 21 Jahre alt und eine durchaus talentierte Tennisspielerin. Fünf Jahre lang hat sie in Alsdorf unter professionellen Bedingungen trainiert, gespielt hat sie für Blau-Weiss Aachen und Grün-Weiss Aachen. In der Weltrangliste der Frauen liegt sie im Doppel aktuell auf Platz 944, auch im Einzel kletterte sie im Ranking zuletzt kontinuierlich.

Das klingt noch nicht Weltklasse, ein Anfang ist es aber allemal. Böntgen hat allerdings ein Problem, ein ziemlich gravierendes: Seit dem 1. Januar 2019 sieht die 21-Jährige ihren Traum vom Profi-Tennis akut gefährdet. Das hat nicht mit einer komplizierten Verletzung oder einer veritablen Formkrise zu tun. Es liegt vielmehr an der neuen Reform, die die International Tennis Federation (ITF) auf den Weg gebracht hat.

14.000 Unterschriften

Gegen diese Reform hat sich in den vergangenen Wochen massiver Widerstand formiert, überall in der Welt schließen sich Nachwuchstalente zusammen, um ihren Protest zum Ausdruck zu bringen. „Tennisspieler sind vielleicht allein auf dem Platz, aber das ist eine Aufforderung, dass alle zusammenkommen und ‚Nein‘ sagen zu diesen Änderungen“, schreibt Maria Patrascu.

„Alle Teammitglieder, Familien, Tennisfans und Menschen auf der ganzen Welt sollten sich gegen diese Ungerechtigkeit stellen.“ Um sich mögliche Verbündete im Kampf gegen die „Ungerechtigkeit“ zu verschaffen, hat die junge, kanadische Tennisspielerin eine Petition gestartet, mit dem Ziel, die Strukturen des professionellen Tennis für Einsteiger ein weiteres Mal zu verändern. Grundlegend. Und mehr als 14.000 Menschen sind der gleichen Meinung, haben Patrascus Petition bereits unterschrieben. Auch Patricia Böntgen.

Die neue Regelung sieht vor, dass die Women’s Tennis Association (WTA) erst ab 25.000-Dollar Preisgeld Weltranglistenpunkte vergibt – vor der Reform war das schon bei Turnieren mit niedrigerem Preisgeld möglich. Bei den 15.000-Dollar-Turnieren erhalten die Spielerinnen jetzt stattdessen sogenannte ITF-Weltranglistenpunkte. Diese Punkte sind maßgeblich, wenn es um die Teilnahme an 25.000-Dollar-Turnieren geht.

Bei den Männern ist die Situation in der niedrigsten Kategorie die gleiche, bei höherwertigen Veranstaltungen unterscheidet sich die Regelung aber: Bei 25.000-Dollar-Turnieren und bei Challenger-Turnieren der Association of Tennis Professionals (ATP) wird um zweierlei Rankingpunkte gespielt – für die ITF-Weltrangliste und für das ATP-Ranking. Bei Jugendturnieren gibt es übrigens ausschließlich Punkte für die ITF-Jugendweltrangliste. So weit, so kompliziert. „Faktisch wurde eine Hürde mehr auf dem Weg zum Tennis-Profi aufgestellt“, sagt Böntgen.

Die 21-Jährige hat zuletzt mit dem Gedanken gespielt, dass sie in Zukunft ihren Fokus noch mehr auf das Doppel legt, immerhin hat Böntgen an der Seite ihrer Partnerinnen schon einige Erfolge erzielt. Das Jahr 2019 dient als guter Beleg, bei einem Turnier der neu gegründeten ITF World Tour (> siehe Infobox) in Australien stand Böntgen im Finale. „Die neue Reform sieht Doppelspezialisten aber nicht mehr vor. Ich muss im Einzel erst einen großen Sprung im Ranking machen, um auch an Doppelturnieren mit höherem Preisgeld teilnehmen zu können“, sagt Böntgen.

Das ist auch einer der Kritikpunkte von Dirk Hordorff, und der Vizepräsident des Deutschen Tennis-Bundes (DTB) hat davon ziemlich viele ausgemacht. Die Reform sei misslungen, sagt er. „Anstatt der Sportart zu dienen, hält sie Leute davon ab, einen fairen Einstieg in die Tour zu finden.“ Kurioserweise sollte das Gegenteil mit der Umstrukturierung erreicht werden: Talentierten Spielern beim schwierigen Übergang vom Nachwuchs- ins Profitennis einen klar strukturierten Weg aufzuzeigen. So steht es auf der offiziellen Homepage des Weltverbands ITF geschrieben. „Eine Summierung von Pleiten, Pech und Pannen“ sieht Hordorff allerdings bei der Umsetzung dieses Vorhabens, „es wurden zahlreiche handwerkliche Fehler begangen.“

Kritisiert die neue Reform ebenfalls: Tomas Behrend. Foto: Benjamin Jansen

Böntgen hat ein anschauliches Beispiel dafür. „Früher konnte ich potenziellen Sponsoren sagen, dass ich in der Weltrangliste auf einem bestimmten Platz stehe. Da es aktuell zwei Rankings gibt, brauche ich zum Teil fünf Minuten, um alles zu erklären. Und diese Erklärung verstehen nur die wenigsten“, schildert Böntgen das Dilemma mit der Punktvergabe.

Ein noch größeres Problem stelle jedoch dar, überhaupt an Punkte zu kommen. Die Zahl der Qualifikationsplätze für Turniere der ITF World Tour wurde auf 24 beschränkt, früher waren es bis zu 128 Spieler, die an den Turnieren der sogenannten ITF Future Tour teilnehmen konnten. „Spieler fliegen teilweise durch die Welt und kommen nicht in die Felder“, bedauert auch Hordorff die Entwicklung. „Andere sind Turnierdirektoren ausgeliefert, die Vor-Qualifikationen spielen lassen, um Spielern weiteres Geld abzunehmen.“

„Jobvernichtungsmaschine“

Der Frust über die neue Reform entlädt sich vor allem in den Sozialen Netzwerken, mittlerweile haben sich mehr als 2600 Menschen der Facebook-Gruppe „Change ITF-Rules“ (Ändert die ITF-Regeln) angeschlossen. Eine andere trägt den Namen „Players vs ITF“ (Spieler gegen ITF), der mehr als 1700 Personen beigetreten sind. „Das ist nicht nur deutscher, sondern weltweiter Unmut, der sich breit macht“, sagt Hordorff. Der DTB-Vizepräsident ist sehr aktiv in den Sozialen Netzwerken, und er gibt unumwunden zu, dass „ich ein wenig vorlauter bin, als der eine oder andere Funktionär, weil ich mir erlaube, das zu sagen, was ich für richtig halte. Auch in der Öffentlichkeit.“

Vielleicht sind auch gerade durch Hordorffs Beiträge Tennis-Profis auf die Probleme aufmerksam geworden, die die Umstrukturierung mit sich gebracht hat. Nicht nur der ehemalige serbische Top-50-Spieler Janko Tipsarevic hat sich klar positioniert und die neue Reform hinterfragt, auch der Slowene Aljaz Bedene, aktuell die Nummer 69 der Welt, unterstützt den „Kampf gegen die ITF“, wie er selbst schreibt.

Es ist eine hitzige Diskussion, die aktuell geführt wird, in der auch Worte fallen wie „Revolte“ oder „Jobvernichtungsmaschine“. Und es gibt Menschen, die sich die Mühe gemacht haben, Fakten zusammenzutragen, um ihre Behauptungen stützen zu können. Der ehemalige österreichische Tennisspieler Alexander Antonitsch ist einer von ihnen. Er hat eine Liste erstellt, die belegt, dass aktuell 14 der Top-50-Spielerinnen keine „faire Chance mit den neuen ITF-Regeln“ gehabt hätten. Das trifft auch auf die derzeitige Weltranglistenerste Naomi Osaka aus Japan zu. „Dass diese Reform Schaden angerichtet hat, ist nicht wegzureden. Und er wird mit jedem Tag größer, an dem die Änderungen nicht zurückgeführt werden“, sagt Hordorff.

Der Vizepräsident des DTB hofft, dass schon am heutigen Mittwoch ein „erster Schritt in die richtige Richtung gemacht“ wird. In London findet ein Meeting statt, bei dem verschiedene Komitees tagen. Ein Ordnungspunkt sieht vor, dass auch über die Situation der Nachwuchsspieler gesprochen wird. Der DTB ist vertreten durch Klaus Eberhard, der Sportdirektor wird Anträge zur Abstimmung stellen, um das zu korrigieren, was in diesen Tagen kritisiert wird. Sollte diese positiv verlaufen, kann das Komitee zwar keine Entscheidungen treffen, aber immerhin Empfehlungen an die ITF aussprechen. „Ich glaube, dass der Druck von der Öffentlichkeit, den Spielern und den Nationen so stark ist, dass die ITF sich schneller bewegen muss, als sie normalerweise gewohnt ist, sich zu bewegen“, sagt Hordorff. „Es sind ja nicht nur die Spieler, denen die neue Regelung schadet. Viele Trainer verlieren dann ihre Jobs, die Akademien haben keine Kunden mehr. Und es trifft auch die Industrie, die nicht mehr so viele Schläger verkauft. Das ist ein ganzer Kreislauf.“

Kämpft für eine Regeländerung: Dirk Hordorff. Foto: dpa/Christoph Schmidt

Das sieht auch Tomas Behrend so. Der Ex-Profi, der in Baesweiler lebt und eine Tennisakademie im Sportforum Alsdorf leitet, hält die Situation für talentierte Jugendliche für „dramatisch“. Behrend sagt: „Die Zukunft des Tennis ist in Gefahr.“ Der ehemalige deutsche Davis-Cup-Spieler ist überzeugt, dass es „für die besten Nachwuchstalente der Welt keine Rolle spielt, wie sie nach oben kommen. Aber für den Rest wird es viel schwieriger Tennis-Profi zu werden.“ Darin liegt vielleicht sogar die Krux: Die besten Spieler profitieren in einigen Punkten sogar von der neuen Reform, sie erhalten „reservierte Plätze“ in Turnieren mit höherem Preisgeld.

Aber der Großteil bleibt letztlich auf der Strecke. Für „Spätstarter“ sieht Behrend überhaupt keine Chance mehr, Karriere zu machen, auch für College-Spieler wie Benjamin Becker, John Isner oder Kevin Anderson wären die neuen Regeln der Todesstoß für die Profi-Karriere gewesen, sagt der 44-Jährige. „Es gibt viele Spieler, die sich zu Beginn nicht durchgesetzt haben und deren Karrieren erst im Laufe der Jahre aufgeblüht sind“, sagt der Baesweiler. Er selbst sei das beste Beispiel. Es sei mittlerweile richtig kompliziert, sich in der Weltrangliste zu platzieren.

Das unterschreibt auch Böntgen, die früher von Behrend in Alsdorf trainiert wurde. „Der Frust wächst“, sagt die 21-Jährige. „Ich bin der Meinung, dass viele Entscheidungen, die bei der ITF getroffen wurden, nicht zu Gunsten des Großteils der Spieler sind. Deshalb habe ich auch die Petition unterschrieben. Ich hoffe, dass wir zu der ITF durchdringen, so dass einige Regeln wieder geändert werden.“ Vielleicht erfolgt der erste Schritt in diese Richtung ja schon am Mittwoch in London.

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