Herzogenrath/Kona: Astrid Stienen plant den großen Coup beim Ironman auf Hawaii

Herzogenrath/Kona : Astrid Stienen plant den großen Coup beim Ironman auf Hawaii

8:54,27 Stunden. In dieser Zeit kann man problemlos Amerikas Ostküste von hier aus erreichen. Astrid Stienen absolviert in dieser Zeit einen Ironman. Diese 8:54,27 Stunden war ihre Siegerzeit beim Ironman in Barcelona im letzten Jahr. Das ist nebenbei die fünftbeste Zeit, die je eine deutsche Athletin geschafft hat.

Diese 8:54,27 Stunden sind denn auch ihre Bezugsgröße, wenn sie am 14. Oktober beim Ironman auf Hawaii antritt, wenn die 35 besten Profi-Triathletinnen der Welt in Kona ihre Weltmeisterin suchen.

Eingespieltes Team, beruflich und privat: Astrid Stienen und Christian Decker.

Wie die Perspektiven sind? Eine Platzierung unter den weltbesten Zehn sei ihr „Minimalziel“, sagt sie. Sie strebt einen Podestplatz an, „aber dafür muss ich große Namen schlagen“. Zum Beispiel die Schweizerin Daniela Ryf, die in Tennessee gerade Weltmeisterin auf der Halbdistanz wurde. Chancenlos ist die Ärztin nicht: „Ich habe eine Form, die ich noch nie hatte“, sagt sie. Ihre aktuellen Leistungsdaten sind besser als bei ihrem persönlichen Rekord in Barcelona, vermeldet ihr Trainer.

Christian Decker ist der andere Teil des Paars. Er ist selbst ein Triathlet, aber im Moment ist er vor allem Psychologe, Masseur, Koch, Fahrradmechaniker, Ehemann. Das erspart nicht nur Kosten, es schafft auch positive Emotionen. „Wir sind ein eingespieltes Team, etwas Intensiveres als diese Beziehung hat es in meinen Leben nie gegeben“, sagt der 35-Jährige.

Die beiden sind bereits auf der Inselkette im Pazifischen Ozean gelandet. Das ist Teil des Plans, die Athletin soll den Jetlag ablegen, sich an die Temperaturen gewöhnen, sich akklimatisieren. Bereits am zweiten Tag klingelte es morgens um 5.30 Uhr an der Haustür des gemieteten Appartements. Die Nada, die nationale Anti-Doping Agentur Deutschland schaute in aller Herrgottsfrühe vorbei, um Blut und Urin abzunehmen. „Wir sind froh, dass die Nada hier war und auch Athleten anderer Nationen kontrolliert“, sagt Decker.

Vor Ort werden noch einmal große Umfänge trainiert. Stienen ist erst seit 2012 Triathletin. Eine Spätzünderin. Einerseits macht die 38-Jährige immer noch Fortschritte. Andererseits gibt es für eine Karriere in der Weltspitze biologische Grenzen. Sie wird nicht mehr so oft in der offenen Altersklasse antreten können.

Die Generalprobe missriet einigermaßen. Bei der WM über die Mitteldistanz in Chattanooga wurde sie vor zwei Wochen nur 19.. „Ich weiß nicht was los war, warum ich mein Potenzial nicht abrufen konnte.“ Eine Erkältung war schon im Anflug. Der maximal austrainierte Körper ist gerade anfällig. Es wäre mehr möglich gewesen beim Start in den USA, aber dennoch war es kein verlorener Wettkampf in Tennessee. „Ich weiß jetzt wieder, dass ich meinem Körper vertrauen kann“, sagt sie nach dem beschwerdefreien Testlauf.

Das ist eine wichtige Erkenntnis, denn bis Ende Februar war die Hochleistungssportlerin mit einer hartnäckigen Hüftverletzung lahmgelegt. Die dreimonatige Zwangspause war eine hohe Belastung für die Sportlerin und auch ihren Coach. „Wenn sie sich nicht bewegen kann, ist sie unausstehlich“, grinst Decker. Er macht keinen Hehl daraus, dass diese Zeit durchaus konfliktreich gewesen sei. „Es war die Hölle“, bestätigt seine Partnerin. Die Verletzung bekam keinen konkreten Namen, rund um die Uhr horchte die stillgelegte Sportlerin in sich hinein, suchte vergebens nach Zuversicht.

Die fand sie im Frühjahr bei Conny van Hauten. Die Fachärztin für Sportmedizin am Luisenhospital in Aachen brachte ihre Kollegin langsam wieder auf Trab. „Sie hat Astrid die Saison gerettet“, sagt Decker. Van Hauten stellte den Kontakt zu ihrer Schwester Berit Eigenherr, Osteopathin in Hamburg, her. So langsam kam Astrid Stienen wieder ins Rollen.

Im Sommer war eine kleine Rennserie zum Formaufbau geplant. Der nächste Rückschlag kam in Form eines Muskelfaserrisses, zugezogen beim Schwimmen, der Auftaktdisziplin Triathlon, bei der EM in Dänemark. Die Vorbereitung auf den Saisonhöhepunkt war durchaus kompliziert.

Im Kern ist Astrid Stienen sogar eine Vierkämpferin. Die vierte Disziplin lautet: Wie finanziere ich mir meinen Sport? Sponsoren gibt es nicht. Es ist ein ewiges Frust-Thema. Für die Reisen zu den Trainingslagern und Wettkämpfen werden Urlaubstage verwendet. Die Kosten tragen sie selbst. Am Tag nach dem Wettkampf geht es schon wieder zurück. Eine Erholungsreise ist das trotz der traumhaften Kulisse nicht. In Kona treffen nur Sportlerinnen mit einer Profilizenz aufeinander.

Und doch sind es völlig unterschiedliche Voraussetzungen. Die Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin hat bis vor ein paar Wochen im Klinikum gearbeitet. Die Stelle war zwar reduziert, und doch wurde es immer schwieriger, den Schichtdienst mit den intensiven Trainingsumfängen zu synchronisieren. „Am Ende passte es hinten und vorne nicht mehr“, sagte sie.

Stienen hat gekündigt. Ab November wird sie für zwei Tage in der Woche in einer Kinderarztpraxis in Geilenkirchen anfangen. Ohnehin sind die Trainingsmöglichkeiten im Wasser selbst für Weltklasseathleten sehr spärlich in der Region Aachen. Bahnen ziehen lassen sich erst abends, sagt sie. Der Morgen gehört den Badefreunden in den Aachener Bädern.

Der Wettkampf beginnt im Wasser: 3800 Meter müssen kraulend im Pazifik geschafft werden. Es ist die Wackeldisziplin, weil die Triathletin ihre Trainingswerte bislang nur selten hat abrufen können. Danach folgt die Paradedisziplin, kaum eine andere Triathletin kann eine so hohe Wattzahl anschlagen wie Stienen. Diese 180 Straßenkilometer sind auch für den Trainer eine Qual.

Er ist abgeschnitten von seiner Athletin, kann nur auf zuverlässige Zwischenzeiten hoffen. Das Coaching ist erst beim abschließenden Lauf über 42,195 Kilometer wieder — wenn auch eingeschränkt — möglich, wenn Decker auf der Marathonstrecke mit dem Fahrrad unterwegs ist, um zu motivieren und letzte Tipps zu geben.

Stienen weiß, wann die Schmerzen kommen, wenn der Körper auf den letzten Rad- und Laufkilometern um Hilfe schreit. Sie will sich durchbeißen. Der Wettkampf soll auf keinen Fall ein Genuss werden. Denn Genuss bedeutet fehlende Konzentration, fehlende Härte. „Genuss will ich erst am Ende spüren, wenn ich mein Leistungsvermögen habe abrufen können“, sagt sie.

Christian Decker hat im Internet unter www.triworx-coaching.com/updates/ einen Blog eingerichtet, mit dem er täglich aus Hawaii berichtet. Wir werden in den nächsten Woche sein Tagebuch auszugsweise veröffentlichen.

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