Mönchengladbach: Raffael und die fehlende Hilfe der Nebenmänner

Mönchengladbach : Raffael und die fehlende Hilfe der Nebenmänner

Zwei Dinge braucht der Mönchengladbach-Fan derzeit, wenn er nicht kirre werden will an seiner Borussia anno 2018: Verständnis und Verstand. Zwei zumindest buchstäblich eng verwandte Anforderungen.

Da hatten die Klub-Verantwortlichen lange Zeit vermieden, die schier unerklärliche Verletzungsmisere als Alibi für den unaufhaltbaren Leistungsabfall nach der Winterpause zu nutzen. Doch es kam der Zeitpunkt, an dem dieses nicht mehr durchzuhalten war. Der verspätete Verweis auf die Beinah-Endlosliste der Verletzten fiel Trainer Dieter Hecking & Co. aber spätestens mit der wenig überzeugenden Nullnummer vor einer Woche in Mainz auf die Füße: In offensiver Bestbesetzung langte es nur zu einer kämpferisch überzeugenden Leistung, fußballerisch bot sich den mitgereisten Anhängern die nächste Enttäuschung. „Unter normalen Bedingungen wären wir mit einem Unentschieden in Mainz zufrieden gewesen“, sagt Dieter Hecking. Normal bezieht sich auf einen Zustand mit einem Plus an Punkten und einem besseren Tabellenplatz.

Der 53-Jährige tut sich schwer, erneut Entlastendes beizubringen. Irgendwann wird das Toleranzreservoir der Rauten-Fans ausgeschöpft sein angesichts des traditionell hochgeschraubten Qualitätsanspruchs rund um den Traditionsverein. Und jetzt einzusehen, dass die Traumbesetzung Thorgan Hazard, Lars Stindl und Raffael kein Garant für nicht mal annähernd attraktiven Offensivfußball ist, setzt viel Rationalität voraus.

Gelänge das, müsste der zugeneigte Beobachter feststellen, dass auch Borussias brasilianischer Edeltechniker sportwissenschaftliche Gesetzmäßigkeiten nicht außer Kraft setzen kann. Gerade raus aus einer langwierigen Verletzung kann Raffael noch nicht bei 100 Prozent sein. Da gibt es keinen Schalter zum Umlegen, die Wiedergewinnung seiner Wertigkeit für Gladbach ist ein Prozess.

Das ist nicht neu, und Ähnliches ist auch in anderen Mannschaften Liga-Alltag. Doch bei Borussia Mönchengladbach verschärft sich diese Problematik durch eine unheilvolle Kombination mit zwei weiteren persönlichen Schaffenskrisen: Hazard hechelt seiner Form hinterher, Stindl befindet sich seit Wochen im Dauertief. Fast tragisch: Dieses ist eigentlich ein Sub-Problem. Denn auch mit diesem Trio ohne Formtief zeigte sich in der Hinrunde ein generelles Defizit: mangelnde Durchschlagskraft. Zusätzliches Manko: Solch eine Konstellation ist normalerweise die Stunde der Reservisten. Doch Patrick Herrmann oder Jonas Hofmann verkörpern fatalerweise noch mehr die Verwertungsdefizite.

Keine guten Voraussetzungen, im Heimspiel heute gegen Hertha BSC den Schlüssel zum Erfolg zu finden. Ein Raffael auf der Ersatzbank verlängert das Problem allenfalls, der 33-Jährige muss spielen, um wieder der Alte zu werden. Dem derzeit allenfalls 70-Prozent-Stürmer aber einen Josip Drmic oder Hofmann an die Seite zu stellen, würde ihm wohl mehr schaden als Borussia nützen. So wundert es nicht, wenn Hecking für heute auch „Geduld“ einfordert gegen einen Gegner, der „sehr diszipliniert spielt, gut gegen den Ball arbeitet und unangenehm ist“.

Das unnötig aufgeschlagene Kapitel „Kampfbereitschaft“ ist seit Mainz geschlossen. Vielleicht haben die Gladbach-Fans ja heute die Chuzpe, den Chor anzustimmen: „Wir woll‘n euch spielen sehen!“ Der Gesang wäre bundesligaweit ein Alleinstellungsmerkmal.

Voraussichtliche Aufstellung: Sommer - Elvedi, Ginter, Vestergaard, Wendt - Herrmann, Kramer, Zakaria, Hazard - Stindl, Raffael