Mönchengladbach: Orientierungslos zum „dreckigen Sieg“

Mönchengladbach : Orientierungslos zum „dreckigen Sieg“

Es war ein Tag der Orientierungslosigkeit. Den Startschuss gaben die Fußballprofis von Borussia Mönchengladbach. Von der ersten Minute an im Borussia-Park wussten sie offensichtlich nicht, wie sie Hertha BSC bespielen sollten. Das steigerte sich minütlich, so weit, dass der Beobachter schon bald den Eindruck haben konnte, sie wüssten nicht einmal mehr, wie Fußball geht.

Bälle, die sieben Meter weit wegspringen, eine Endlosschleife an sinnentleerten Rückpässen zum Torhüter, ein Tempo in den beabsichtigten Ballstaffetten — die sie dann gar nicht wurden — , mit dem nicht einmal eine D-Jugend hätte erschreckt werden können (Entschuldigung, liebe Nachwuchskicker!), Ungenauigkeiten beim Abspiel, Drehbewegungen mit Ball stets in die falsche Richtung, ein absoluter Mangel an Kreativität. Es gehörte zu den wundersamen Erscheinungen dieses Nachmittags, dass am Ende — gegen 17.20 Uhr — dennoch drei weitere Punkte durch einen erstaunlichen 2:1-Sieg in der Tabelle für den Traditionsklub gelistet wurden.

Einen Beitrag zu den Irrungen und Wirrungen lieferte aber auch Bibiana Steinhaus, und das nicht nur, weil sie zwei Mal mit Hilfe des Videobeweises auf den rechten Pfad gebracht werden musste. Beim ersten Mal nahm die Schiedsrichterin den 1:1-Treffer von Patrick Herrmann zurück, weil — mit bloßem und auch mit Fernseh-Auge kaum wahrnehmbar — der zuvor eingewechselte Passgeber Thorgan Hazard im Abseits gestanden haben soll.

Die zweite Szene war eigentlich so offensichtlich, dass die Benutzung des technischen Hilfsmittels eher peinlich war und kein gutes Licht auf das Sehvermögen der 39-Jährigen wirft: Der Fußfeger von Herthas Fabian Lustenberger an Nico Elvedi war überdeutlich. Der verspätete Strafstoß brachte Hazard trotzdem nicht vom Konzentrationsweg ab — er traf zum 2:1 (79.), nachdem er zuvor bereits den Ausgleich erzielt hatte (75.). Aber auch sonst passte sich Steinhaus extrem dem Charakter dieses Fußballspiels an: Mehrfach stand sie im Kombinationsweg, das Spiel in all seiner Erbämlichkeit schien häufig zu schnell für die Unparteiische.

Sogar Reservisten kamen vom Wege ab. Harthas Vedad Ibisevic stapfte nach seinem Kurzauftritt voller Überzeugung in den Gang zur Gladbacher Kabine und sorgte nicht nur für Heiterkeit bei den anwesenden Journalisten, sondern mit seinem Irrweg auch gleich für Spekulationen, ob der ehemalige Alemannia-Torjäger bereits in Kontakt oder mehr gekommen war mit dem Borussen-Management, das sich nach den Erkenntnissen aus der auslaufenden Saison auf der Suche nach einem Vollstrecker befinden könnte.

Auf Abwege begab sich zuvor bereits ein Teil der Gladbacher Gefolgschaft aus der Nordkurve. Bibiana Steinhaus wurde nach den strittigen Szenen auf das Übelste beleidigt, Sportdirektor Max Eberl entschuldigte sich im Sportstudio dafür. Wenn Yann Sommer & Co. die Beleidigung nicht entgangen war, muss auch ihr Versuch, mit eben jenen Fans einen verbalen Austausch nach dem Schlusspfiff zu versuchen, als deplatziert bewertet werden. Der Borussen-Keeper wehrte sich am Fuße der Nordkurve gegen die Anfeindungen, die Teile der Fans trotz des 2:1-Siegs für berechtigt hielten. Andere Gladbacher kamen zur Unterstützung hinzu, bis Tony Jantschke seine Kollegen vom Zaun-Stelldichein wegzog: Der Routinier wusste, dass Vernunft in solchen Momenten keine Chance hat.

Das wurmte auch Christoph Kramer, obwohl er wie kein anderer Profi immer noch Fan ist. Frust und Pfiffe könne er verstehen. Aber „nach der Niederlage gegen Dortmund bekommen wir's auf die Fresse, obwohl wir toll gespielt haben. Und jetzt wird gepfiffen, nachdem wir wirklich schlecht gespielt, aber gewonnen haben.“ Offensichtlich fehlt nicht nur der Mannschaft von Dieter Hecking die Linie. Der Trainer aber bleibt bei einer zumindest: „Ich werde mich immer schützend vor meine Mannschaft stellen.“ Das wird ihm nicht leichtfallen, speziell nach den ersten 75 Minuten der Partie. Eberl mochte, anders als viele Fans, die drei Punkte nicht freiwillig bei der DFL abgeben. „Wir haben uns heute mit einem dreckigen Sieg belohnt, den wir uns in den Wochen zuvor verdient haben.“ Helfershelfer bei dieser Drecksarbeit aber waren vor allem die Berliner, die nach der Führung durch Kalou (40.) jeden weiteren Treffer kategorisch verweigerten.

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