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Aachen: Mohr hofft: Happy End für Sheriff Manning

Aachen : Mohr hofft: Happy End für Sheriff Manning

Christian Mohr hat ein persönliches Kino-Programm: „Sheriff Peyton Manning zieht ein letztes Mal seinen Cowboyhut auf und reitet der untergehenden Sonne entgegen.“ Dieser Film könnte Sonntagnacht seine Uraufführung im Apollo-Kino in Aachen erleben.

Unter den Zuschauern bei der Direktübertragung des NFL-Super-Bowl (Kickoff 0.30 MEZ) ist der ehemalige NFL-Spieler aus Aachen in seiner Funktion als Ehrenmitglied der Aachen Vampires.

Genialer Passgeber: Peyton Manning steht Sonntagnacht im Mittelpunkt des 50. Super Bowl.
Genialer Passgeber: Peyton Manning steht Sonntagnacht im Mittelpunkt des 50. Super Bowl. Foto: sport/Icon SMI

Public Viewing für das größte Einzelsport-Ereignis der Welt — auch ohne den obligatorischen Riesen-Pickup draußen auf dem Parkplatz. Aber mit anderem Zubehör: „Natürlich einem Burger.“ Für den Diplom-Sportwissenschaftler und Athletiktrainer unverzichtbar am „Cheat Day“, einem Tag, an dem man seinen Körper „betrügen“ darf mit ungesunder Ernährung. „Die einen essen gerne Schokolade, ich esse gerne Gummibärchen — ich verbiete das auch keinem meiner Sportler. Auf die Mentalität kommt es an, die Sünde wird umfunktioniert zur Belohnung. Man muss wissen, wann die angebracht ist und wann nicht.“

Wie 2015 das Phoenix-Stadium wird auch die Spielstätte des 50. Super Bowl, das Levi‘s-Stadium der San Francisco 49ers in Santa Clara, aus allen Nähten platzen.
Wie 2015 das Phoenix-Stadium wird auch die Spielstätte des 50. Super Bowl, das Levi‘s-Stadium der San Francisco 49ers in Santa Clara, aus allen Nähten platzen. Foto: sport/Icon SMI

Der größte Leckerbissen aber wäre für den 35-Jährigen ein spannendes Spiel zwischen Denver und Carolina. Und damit rechnet Mohr auch. „Vor der Saison wären die Broncos der Favorit gewesen, nach deren Verlauf aber die Panther, keiner war so stark wie Carolina.“ Aber natürlich muss er als ehemaliger „Verteidiger“ die Defense-Monstranz vor sich hertragen: „Sonst würde ich es mir mit meinen Defense-Kollegen verderben.“

Der Aachener gehörte zu den Spezialisten, die den gegnerischen Quarterback aufs Korn nehmen. Dazu muss man eine perfekte Mischung aus Schnelligkeit und Körperkraft besitzen. Die waren seinerzeit bei Mohr in einem 120-Kilo-Körper vereinigt. Und wegen dieser Qualität fühlt der ehemalige Seattle-, Philadelphia- und Cleveland-Profi so sehr mit Peyton Manning bei seiner möglichen Abschiedsvorstellung. Die 39-jährige American-Football-Ikone steht für die physische Problematik, die seine Position als Team-Regisseur mit sich bringt. „Er hat bereits vier Nacken-Operationen hinter sich.“

Ein Opfer der Attacken von „Jägern“ wie einst Christian Mohr. „American Football ist ein Kollisions-Sport“, sagt er. Und den Verdacht, dass Manning gedopt habe, will der Ex-Profi nicht ausschließen. „Kann gut sein, dass er sich nicht nur von Reis und Thunfisch ernährt.“ Doch Verstöße in seinem Fall ordnet er eher passiv ein: „Wenn er gedopt hat, dann sicherlich mehr zum Schutz.“

Manning steht für eine Quarterback-Philosophie, die für Mohr als „old school“ einstuft: ein taktisches Genie ohne große athletische Fähigkeiten. Und das diesjährige Finale gewinnt seinen Reiz auch daraus, dass dem Oldie auf der Gegenseite mit Cam Newton nicht nur ein 13 Jahre jüngerer Spieler gegenübersteht, sondern auch einer, der „eher ein unorthodoxer Quarterback, ein ultra-athletischer ist“. Der zum wertvollsten Spieler der aktuellen Spielzeit gekürte Newton steht für einen anderen Typus als der recht „dröge“ Manning. Symbol dieser Jungenhaftigkeit ist auch der Tanz, den der Carolina-Star nach jedem erfolgreichen Wurf aufführt. „Er ist ein ganz lockerer Typ, bei dem der Spaßfaktor sehr entscheidend ist.“

So ist das Duell der beiden NFL-Klubs auch ein Kampf von Jung gegen Alt, Spaßkultur gegen „old school“. Entscheidend könnte in den Augen von Christian Mohr sein, wie groß der Druck auf Manning sein wird und wie er damit umgehen wird. Offensivstärke der Panther, die Defensiv-Kunst der Broncos: Die erwartete Ausgeglichenheit wird zum Problem für den Aachener, der eigentlich ein Herz für den Underdog hat. „Aber wer ist das?“, fragt Mohr fast verzweifelt. Seine Sympathie-Waage neigt sich leicht zugunsten des Denver-Quarterbacks. „Newton wird noch reichlich Chancen bekommen, ein Finale zu gewinnen. Aber für Manning ist es womöglich die letzte Chance. Und mit einem zweiten Ring abzutreten, wäre ein idealer Abgang für diese große Persönlichkeit unseres Sports.“

Es gibt noch ein Leben nach dem American Football. Doch für viele ist das arg begrenzt, wie Christian Mohr, der selbst 2012 nach dem Gewinn des Eurobowl mit den Calanda Broncos (Schweiz) seine Karriere beendete, weiß. „Die durchschnittliche Lebenserwartung eines NFL-Spielers liegt bei 55 Jahren.“ Vor allem auch durch die vielen Gehirnerschütterungen nach Crashs, die ein Footballer während seiner Karriere erleidet. Die NFL versucht gegenzusteuern, die Regeln wurden modifiziert, Strafen für Kopfstöße etwa verschärft. Doch für Manning kommen diese Schutzmaßnahmen eher zu spät.

Mohr weiß, dass der kollektive Doping-Verdacht allein schon vom nackten Augenschein her angebracht ist. Er spricht von „Karikaturen“ angesichts der monströsen Körper vieler NFL-Spieler. Das Üble dabei sei, dass alle aber in ihrer Leistung „an diesem Maßstab gemessen werden“. Schon zu aktiven Zeiten versuchte er für sich diesen Widerspruch zu minimieren: gute Ernährung statt Spritze. Und das Interesse an diesem Faktor im Zusammenspiel mit Training beeinflusste auch seine Berufswahl nach Ende seiner aktiven Karriere. Eine Arbeit als Footballtrainer bei einem Verein kam nicht in Frage. Und das lag nicht nur am Zusammenbruch der NFL Europe. Als Sportwissenschaftler und Athletiktrainer beschäftigt er sich lieber mit Einzelsportlern, und nutzt dabei Kenntnisse und Erfahrungen aus möglichst vielen Sportarten.

Ein Crossover-Coach also mit einem besonderen Faible für Kampfsport. Dabei sieht er auch keinen Nachteil darin, seine Erfahrungen vor allem in einer Mannschaftssportart gemacht zu haben. Im Gegenteil. „Auch wenn ein Kämpfer allein in den Käfig oder Ring steigt, dahinter steckt ein Team, was eine große Auswirkung hat.“ Und so finden zwei scheinbar unterschiedliche Ansätze zusammen. Denn am American Football war und ist für Christian Mohr der Teamgedanke am ausgeprägtesten. „Jeder hat innerhalb der Mannschaft eine spezielle Aufgabe. Er hat die Verantwortung dafür. Kommt er dieser nicht nach, bricht das Ganze wie ein Kartenhaus zusammen.“

Und zu diesem Schulterschluss-Ansatz kommt noch ein besonderer Moment hinzu. „Du sitzt vor dem Spiel in der Kabine, und alle sind still. Jeder weiß, dass ihm gleich wehgetan wird. Unvermeidbar. Dieses Gefühl schweißt unglaublich zusammen.“ Gegen Mitternacht am Sonntagabend (MEZ) wird das auch Manning erneut erleben. Und hoffen, die Karriere mit einem zweiten Ring für den Gewinn des 50. Superbowls und nicht einer fünften Nacken-OP zu beschließen. Und dann wäre auch Christian Mohr glücklich über das Happy End im Apollo: Der Sheriff reitet in die untergehende Sonne.