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Aachen: HSV-Trainer Christian Titz: „Wir glauben noch an den Klassenerhalt“

Aachen : HSV-Trainer Christian Titz: „Wir glauben noch an den Klassenerhalt“

Die Trainerkarriere startete 2000 bei Alemannia Aachen, als Christian Titz für vier Jahre die A-Jugend übernahm. Damals holte ihn sein Freund Eugen Hach zum Tivoli. Zu Aachen hat er eine besondere Beziehung, hier verliebte er sich in seine Ehefrau Sabrina, das Paar lebte immer mal wieder in der Kaiserstadt. Gerade sorgt er für Schlagzeilen in einer größeren Stadt.

Der studierte Betriebswirt ist zwar seit über 20 Jahren im Trainergeschäft aktiv, er schrieb aber auch zahlreiche Fachbücher, war Mitgründer einer Fußballakademie und betreibt ein Online-Portal. Und mit 47 Jahren steht Christian Titz plötzlich im Rampenlicht, weil er den Hamburger SV übernommen hat. Über das Himmelfahrtskommando sprach er mit Christoph Pauli.

Sie hätten mit der Nachwuchsmannschaft von Hamburg II Meister in der Regionalliga Nord werden können. Was reizt an so einer nahezu unlösbaren Aufgabe?

Titz: Die Wahrscheinlichkeit, einer von 84 Millionen Menschen zu sein, die zu den 18 Bundesligatrainern gehören ist nicht so hoch. Wie oft bekommst du diese Gelegenheit? Ich war sehr zufrieden mit meinem Leben und meiner Karriere, mit der Arbeit in Nachwuchsleistungszentren, mit vielen Erfahrungen, die ich sammeln durfte. Aber wenn so eine Türe aufgeht, musst du auch durchgehen.

Wie organisiert man ein Wunder, wenn man in acht Spielen acht Punkte Rückstand auf den Relegationsplatz aufholen muss?

Titz: Als der Verein mir die Aufgabe angeboten hat, musste ich auch erst mal eine Nacht drüber schlafen. In den 24 Spielen zuvor hat die Mannschaft nur zwei Mal gewonnen, das ist die Bilanz eines Absteigers. Also grübelst du: Was kann man verändern, kann es schnell greifen? Ich kannte die Profi- und meine U 21-Mannschaft natürlich gut. Und ich habe die Möglichkeit gesehen, mit diesen Spielern eine andere Idee umzusetzen, die zu deutlich mehr Torchancen führen kann. Also war der Ansatz: Wie kann man die Struktur verändern? Wenn eine Gruppe keinen Erfolg hat, gibt es immer Unruhe und Cliquenbildung.

Sie kommen zu einer labilen Mannschaft, die monatelang keinen Erfolg hat, und versuchen ein System zu installieren, das Mut und Risikofreude voraussetzt. Wo sollen diese Eigenschaften herkommen?

Titz: Deswegen haben wir viele Einzelgespräche sowie themenbezogene Gruppenarbeiten und viele Videosequenzen, in denen sich die Spieler einbringen konnten, durchgeführt. Ein Vorteil ist, dass ich einen eingespielten Trainerstab habe. Für das Gefüge war es gut, dass ich aus der U 21 junge unbelastete Spieler wie etwa Matti Steinmann mit hochziehen konnte. Dadurch, dass ich viele Spieler lange kenne, kann ich einschätzen, wer mit dieser stressigen Situation umgehen kann.

Sie haben zum Auftakt betont, dass der Mannschaft kaum einer noch etwas zutraut...

Titz: Ja, wir versuchen, den Druck etwas zu mindern. Das ist aber schwierig, denn die Spieler leben in einer großen Stadt, ausblenden lässt sich der Abstiegskampf nicht. Wir haben die Mannschaft an die Situation von Borussia Mönchengladbach in der Saison 2010/11 erinnert. Nach 28 Partien lag Gladbach neun Punkte hinter Eintracht Frankfurt. Am Ende landete die Borussia noch vor Frankfurt und rettete sich dann in der Relegation gegen Bochum. Mit solchen Hinweisen haben wir versucht, Zuversicht freizusetzen. Mit den jungen Spielern aus der U 21 kam auch eine neue Sitzordnung in der Kabine, kamen neue Gespräche, und vielleicht kam auch eine größere Unbefangenheit dazu. Das sind Spieler, die in den letzten Monaten fast nur gewonnen haben. Dementsprechend locker sind sie.

Üblicherweise schart ein „Feuerwehrmann“ die älteren routinierten Spieler um sich, die er für geeignet hält, mit dieser Situation umzugehen. Sie wählen als Newcomer einen ganz anderen Weg.

Titz: Stimmt, aber ich weiß auch nicht, wie wir am Ende abschneiden werden. Wir sind erst drei Spiele zusammen und haben es gerade erstmals geschafft, uns mit einem Sieg zu belohnen. Als wir die Mannschaft übernommen haben, ging es nur darum, was zeigen die Spieler uns auf dem Platz, welche Sozialkompetenz zeigen sie, wem trauen wir Führungskompetenz zu, welche Kombination ist am erfolgversprechendsten? Die Vorgeschichte hat uns nicht interessiert. Trainer stellen nicht nach Namen auf, sondern suchen eine Formation, die am besten funktionieren kann.

Mit dieser Vorgehensweise waren nicht alle einverstanden. Etablierte, nicht berücksichtigte Spieler haben Kritik geäußert.

Titz: Das war nicht so extrem, wie es dargestellt wurde. Außerdem sollen Spieler, die nicht aufgestellt werden, ruhig eingeschnappt sein. Kyriakos Papadopoulos ist sehr emotional, so hat er auch dieses erste Spiel verfolgt, in dem er nur auf der Bank saß. Er hat sich dann zu Aussagen verleiten lassen, die ihm schnell leid getan haben. Als er von seiner Länderspielreise zurückkam, hat er sich vor die Mannschaft gestellt, sich entschuldigt und das Team eingeladen. Insofern hatte seine Kritik am Ende etwas Gutes, weil daraus ein Mannschaftsabend wurde (lacht).

Lewis Holtby, dessen Individualtrainer Sie eine Zeitlang waren, hat unter Ihren Vorgängern keine Rolle gespielt. Sie haben ihn wieder aufgestellt und den Vorwurf der Vetternwirtschaft kassiert.

Titz: Ich kenne ihn wirklich schon seit Aachener Zeiten. Lewis hat über Jahre in der Bundesliga, in der Premier League, in der Champions League und Nationalmannschaft seine hohe Qualität bewiesen. Zuletzt gab es für ihn ungünstige Konstellationen. Für mich war es aber recht einfach, die richtigen Knöpfe bei ihm zu drücken, damit er wieder eine andere Leistung abruft. Die Kritik mir gegenüber für seine Nominierung war respektlos, weil mein einziges Kriterium ist, ob jemand dem Team weiterhilft. Den Nachweis hat Lewis geliefert. Spieler wie er oder auch Aaron Hunt und Tatsuyo Ito, die sich in engen Räumen behaupten können, profitieren davon, dass wir nun dominanter spielen wollen, dass wir höher stehen. Sie haben mehr Aktionen in den torgefährlichen Räumen.

Haben Sie als Nobody Akzeptanzprobleme gespürt?

Titz: Nein. Die meisten Spieler kannten mich, mit einigen wie Fiete Arp arbeite ich seit Jahren zusammen. Und ich habe nichts anderes gemacht. Ich bin mit der gleichen Offenheit auf die Gruppe zugegangen, wie ich das immer gemacht habe. Ich behandele Spieler so menschlich, wie ich auch behandelt werden möchte. Die Gruppe interessiert sich auch nicht für deine Biographie, sie muss mit Arbeit überzeugt werden.

Haben Sie den Eindruck, dass der HSV inzwischen so stabil ist, dass er noch mal aus dem Keller herauskrabbeln kann? Es wird ja weiterhin nur Endspiele geben.

Titz: Ich kann es nicht vorhersehen, Bundesligaspiele werden oft durch Kleinigkeiten entschieden. Mein Eindruck ist, dass wir gerade eine gute Mentalität zeigen und wir schon weiter sind als vor ein paar Wochen. Es ist keine Phrase: Wir glauben noch an den Klassenerhalt, aber wir wissen, wie schwierig das wird, zumal wir von anderen Teams abhängig sind.

Wie kann man seiner Arbeit nachgehen, wenn sie von 50 000 Menschen im Stadion und von Millionen vor dem Fernseher kritisch begutachtet wird?

Titz: Als Trainer ist man ziemlich fokussiert, in den ersten beiden Spielen habe ich die Atmosphäre um mich herum wenig registriert.

Sie werden mit dem Phänomen konfrontiert, dass jeder Halbsatz von Ihnen analysiert, dass die Aufsätze auf Ihrem Online-Portal seziert und interpretiert werden, dass alles plötzlich bedeutsam wird.

Titz: Ich kann den Leuten schlecht vorschreiben, was sie schreiben oder denken sollen, und unsere Aufgabe ist so gewaltig, dass ich mich nicht mit den Nebengeräuschen beschäftigen kann. Ich kann nur rausgehen, und die Spieler, die Fans und vielleicht auch die Medien mit ehrlicher authentischer Arbeit überzeugen.

Spieler wie Per Mertesacker haben gerade Ihre unglaubliche Belastung sehr eindrucksvoll geschildert. Wie nehmen Sie den Stress wahr?

Titz: Derzeit spüre ich ihn nicht, kann aber nicht sagen, wie das in ein paar Monaten oder Jahren ist. Ich habe abgewägt vor meiner Zusage. Diese Chance, Bundesligatrainer zu werden, bekommst du nicht so oft. Und es ist nicht völlig aussichtslos. Ich sehe die Chance, mit dieser Mannschaft und diesem Stab die Liga zu halten. Im Moment sind zudem die Tage bis spät abends so durchgetaktet, dass ich nicht einmal Zeit finde, mir über eine mögliche Belastung Gedanken zu machen.

Wie lange kann man diese Schlagzahl beibehalten?

Titz: Auch bei der U 21 gab es viele Zwölf-Stunden-Tage. Da gab es allerdings den Vorteil, dass mehr Zeit für Trainingslehre blieb, jetzt verwende ich mehr Zeit für andere Dinge, beispielsweise die nötige Medienarbeit.

Was machen Sie in der nächsten Saison?

Titz: De facto habe ich einen Vertrag hier bis Ende Juni. Darüber hinaus gilt der Kontrakt für die U 21 auch noch nächste Saison. Wir haben verabredet, dass wir uns zusammensetzen, wenn die Dinge klarer sind.

Sie haben in Ihrer gesamten Karriere immer junge Spieler gut ausgebildet. Haben Sie trotzdem jetzt nach wenigen Bundesliga-Minuten Blut geleckt und wollen auf dieser Bühne bleiben?

Titz: Jeder Trainer will immer mit den besten Spielern zusammenarbeiten, von daher ist Bundesliga das Höchstmögliche in Deutschland.