Aachen/Berlin: Herthas Luhukay: Gladbach hat eine tolle Mannschaft

Aachen/Berlin: Herthas Luhukay: Gladbach hat eine tolle Mannschaft

Lange Zeit wurde er in die Schublade gesteckt: reiner Aufstiegstrainer. Doch beim FC Augsburg hat Jos Luhukay das eindrucksvoll als falsch entlarvt. Mit geringen finanziellen Mitteln hielt er die Klasse. Mit mehr fußballerischer Qualität ist er auf einem guten Weg, dieses Ziel auch mit Hertha BSC zu schaffen.

Ein weiterer Schritt dahin wäre ein Sieg am Samstag über seinen Ex-Klub, Borussia Mönchengladbach, der ihn nach dem Aufstieg 2008 nach sieben Spieltagen entlassen hatte.

Lassen Sie mich raten: Es ist für Sie ein Spiel wie jedes andere auch...

Luhukay: Ja, nee — was die Bundesliga betrifft vielleicht. Aber ich habe eine schöne Zeit in Mönchengladbach erlebt, auch wenn sie nicht sehr lang war. Und der ein oder andere ist ja noch da. Ich war beim Spiel gegen Dortmund das erste Mal nach fünf Jahren wieder im Borussia-Park. Und es war unglaublich, wie die Menschen reagiert haben. Schon auf dem Parkplatz wurde ich begrüßt und um Autogramme gebeten. Sie haben mich offensichtlich nicht vergessen. Weder als Trainer, noch als Mensch. Das hatte ich nicht erwartet.

Was vermissen Sie denn am meisten aus Ihrer Zeit dort?

Luhukay: Damals konnte ich nah an meiner Heimat arbeiten und nach Feierabend nach Hause zu meiner Frau und den Kindern fahren. In Augsburg und jetzt in Berlin sehe ich sie nur am Wochenende. Bei jedem Hertha-Heimspiel besuchen sie mich — nicht nur gegen Borussia.

Und natürlich genießen Sie in der Hauptstadt auch die beschauliche Atmosphäre inmitten einer so zurückhaltenden Medienlandschaft nach der wilden Zeit in Augsburg.

Luhukay (lacht): Unbedingt! Da haben Sie recht. Aber im Ernst: Es ist natürlich ein unglaublicher Unterschied zu Augsburg. Das sind zwei Welten. Aber ich habe das so angenommen. Es gehört eben dazu, nicht nur erfolgreich zu sein. Jeder weiß, dass es in Berlin extrem schwierig ist. Friedhelm Funkel und Huub Stevens, mit denen ich als Co-Trainer zusammengearbeitet habe, haben mich vorher extra noch mal auf die spezielle Situation hingewiesen.

Und wie klappt es?

Luhukay: Wenn man vom ersten Tag an erfolgreich arbeitet, ist es natürlich angenehmer. Ich habe es als Herausforderung und eine neue Situation für mich angenommen. Es gehört eben dazu. Und Sie kennen mich ja gut: Ich versuche immer ich selbst zu sein. Ich denke, dass diese Authentizität auch in Berlin gut ankommt. Wenn ich denke, dass ich mich äußern muss, tue ich das.

Was Sie von vielen Aufsteigern unterscheidet ist, dass sie offensiv spielen lassen. Macht Sie das stolz?

Luhukay: Ja, das sehe ich positiv. Wir setzen die Linie aus der Zweiten Liga fort. Und unser offensiver Stil ist obendrein mit Erfolg gekrönt. Dass wir aber nicht jedes Spiel erfolgreich sein können, ist auch klar. Die Liga ist so stark, dass manchmal Kleinigkeiten entscheiden. In bestimmten Momenten musst du obendrein auch einfach mal Glück haben. Aber unsere Fähigkeit, die Defensive erfolgreich mit der Offensive zu verknüpfen, wächst. Daran arbeiten wir täglich.

Sogar auswärts trumpfen Sie auf, wie zuletzt beim 1:1 in Hannover, wo Sie eindeutig die bessere Mannschaft waren.

Luhukay: Ja, das ist erfreulich, dass wir uns auch beim Gegner durchsetzen können. In der zweiten Halbzeit waren wir richtig dominant. Ich habe eine Mannschaft, die Fußball spielen möchte. Allerdings kommen nun die Gegner mit noch mehr Qualität.

Wie Borussia Mönchengladbach?

Luhukay: Ja, sie haben eine tolle Mannschaft. Von ter Stegen bis Kruse, sie besitzen alle Qualität. Max Eberl hat da etwas richtig Gutes aufgebaut.

Obwohl Gladbach auswärts noch nicht gewonnen hat?

Luhukay: Sie sind auch dort äußerst unangenehm. Hinten stabil, und wenn wir den Ball verlieren, schalten sie blitzschnell um. Sie sind brandgefährlich. Alle vier Offensivkräfte sind unterschiedlich, aber gut. Und Borussia ist extrem effektiv, was sie auch gegen Dortmund gezeigt hat. Wir benötigen noch viel zu viele Chancen.

Wenn Sie einen Spieler von der Borussia bekommen könnten, wen würden Sie nehmen? Raffael?

Luhukay: Im Moment nicht. Wir haben ja seinen Bruder. Und zusammen können sie nicht auf der 10 spielen. Ich durfte drei Wochen noch mit ihm trainieren. Er ist ein richtig feiner Fußballer. Aber mit Ronny sind wir sehr zufrieden, auch wenn er die Erste Liga noch richtig verinnerlichen muss.

Große Sprünge können Sie bei Transfers eh noch nicht machen.

Luhukay: Wir gehen Schritt für Schritt vor. Wir wollen attraktiv spielen und nicht nur dieses Jahr in der Bundesliga bleiben. Das erwarten unsere Fans. Und das ist auch wichtig, weil wir noch wirtschaftliche Zwänge haben, Schulden aus der Vergangenheit. Und die können wir besser in der Ersten Liga abbauen.

Kann Gladbachs Entwicklung ein Vorbild sein?

Luhukay: Ja, für viele Klubs in der Liga. Borussia ist fantastisch aufgestellt, wirtschaftlich kerngesund. Und sportlich macht Max Eberl eine hervorragende Arbeit. Auch wir müssen zurück zur Kontinuität. Aber immerhin bin ich ja auch schon die zweite Saison hier. Und wir werden täglich weiter daran arbeiten, attraktiv und erfolgreich zu spielen: für unsere Fans und gegen die Schulden.

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