Aachen: Handball-Legende Heiner Brand ist weiterhin ein Mann der klaren Worte

Aachen : Handball-Legende Heiner Brand ist weiterhin ein Mann der klaren Worte

„Idiotisch“, sagt Heiner Brand und schüttelt den Kopf. Die taktische Möglichkeit, einen zusätzlichen Feldspieler für den Torwart einzuwechseln, ist für den 65-Jährigen alles andere als ein probates Mittel, dem Handball zusätzliche Attraktivität zu vermitteln.

Heiner Brand ist nach wie vor ein Mann der klaren Worte, auch in seinem unruhigen Ruhestand. Weltmeister war er als Spieler (1978) und Trainer (2007) mit der deutschen Auswahl, und auch nach seinem Rücktritt vor fast sieben Jahren ist der Gummersbacher immer noch ein Gesicht des deutschen Handballs. Manche sagen: Er sei immer noch das Gesicht.

Dienstagabend hielt er einen Vortrag als Gast der Actimonda Krankenkasse und der Barmenia im Business-Bereich des Tivoli. Thema: betriebliche Gesundheitsförderung. Brands Part war die Vermittlung aus seinem reichhaltigen Erfahrungsschatz zum Thema Motivation und Teamführung. Und wenn nicht er, wer sonst wäre prädestiniert für einen solchen Vortrag? Launig und mit Verve referierte der Gummersbacher und zog die Zuhörer in seinen Bann.

Das war ihm beim Handball-Weltverband (IHF) zuletzt nicht mehr gelungen. „Ich will kein Handballspiel sehen, bei dem der Ball immer ins leere Tor rollt“, sagte Brand, eine Zeit lang Mitglied der Regel- und Methodik-Kommission der IHF, immer wieder zum Thema zusätzlicher Feldspieler. „Es finden keine Kreuzungen mehr, keine Eins-gegen-Eins-, Zwei-gegen-Zwei-Duelle mit Sperre mehr statt.“ Alle hätten ihre festen Positionen „und dann wird nur die Lücke gesucht, um die Überzahlsituation zu nutzen. Da sehe ich eine große Gefahr für die Zukunft.“

Doch bei der IHF stieß Brand mit seinen Bedenken auf taube Ohren. Auch er selbst hatte zunächst diese Neuerung „als nicht so beeinflussend“ für das Spiel gesehen, nachdem der umstrittene IHF-Präsident Hassan Moustafa die Idee vorgebracht hatte. Der Ägypter wollte, so Brand, das vermeintlich Unprofessionelle mit dem von einem Feldspieler übergezogene Torwarttrikot mit einem ausgeschnittenen Loch für die Rückennummer nicht mehr sehen. Brand meckerte über die neue taktische Variante. „Ich habe das angemahnt und meine Befürchtungen geäußert, aber da war man aufseiten der IHF etwas sauer.“ Brands Fazit: „Ich finde das grottenschlecht.“

Ein „autoritärer Demokrat“

Dieses Adjektiv darf man getrost für das Verhältnis des ehemaligen Abwehrrecken und Kreisläufers für sein Verhältnis mit dem deutschen Verband bezeichnen, das seit Jahren belastet ist. Es gab viele gegenseitige Vorwürfe, gezielt gestreute Gerüchte, so dass noch längst nicht klar ist, dass Brand bei der Heim-WM 2019 auf den Tribünen sitzen wird. „Da müssen sich einige erst mal entschuldigen“, sagt der Oberberger und muss den Hinweis nicht wiederholen, den er gerne einbringt. „Wir Oberbergischen vergessen so schnell nichts.“ Immerhin: „Es kann sein, dass es bald Gespräche gibt.“

Brand kann aber auch Diplomat. Wenn er sich über seinen Nach-Nach-Nachfolger Christian Prokop äußert. Nach den Wirren um die Weiterbeschäftigung nach den enttäuschend verlaufenen Europameisterschaften Anfang des Jahres sagt Brand nicht: Prokop hat viele Fehler gemacht, er muss noch ganz viel lernen. Er verpackt seine Kritik in moderate Worte, stellt den jungen, international noch unerfahrenen Coach unter Welpenschutz.

Und freut sich, dass Prokop eine weitere Chance erhalten hat, denn Brand hält ihn für einen guten Trainer. Stutzig habe ihn jedoch gemacht, dass einige Spieler Forderungen gestellt haben sollen. Mitspracherecht ja, aber Forderungen? Man stelle sich vor, das hätte ein Nationalspieler einst unter dem „autoritären Demokraten“ versucht? Brand grinst: „Die Jungs kannten mich ja“, sagt er, und sein Lächeln sagt alles.

Das zeigt er auch, wenn er über die neue Generation spricht, mit vielen Talenten und einer großen Breite. Einer Breite, aus der Brand nie seine Mannschaft zusammenstellen konnte. Neidisch? „Ja! So eine Situation habe ich nie vorgefunden, dass es so viele junge Spieler gab, die auch in der Bundesliga viel Erfahrung auf zentralen Positionen haben.“

Unter anderem Simon Ernst, der Birkesdorfer, der mit seinem zweiten Kreuzbandriss unfassbares Verletzungspech hat. Ohne ihn ist Brand bange um „seinen“ VfL Gummersbach, der in der Bundesliga in Abstiegsgefahr schwebt, „mit Simon hätte es schon irgendwie hingehauen“. So aber hat Brand „große Bedenken“. Würde er als Retter auf die Bank zurückkehren? „Nee, nee, nee.“ Seit seinem Abschied habe er sich nicht eine Sekunde gewünscht, wieder auf der Trainerbank zu sitzen.

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