Durbuy: Gregory Wathelet: „Ein toller Reiter, aber kein Star“

Durbuy : Gregory Wathelet: „Ein toller Reiter, aber kein Star“

„Er ist ein toller Reiter und ein netter Kerl, aber kein Star.“ Sagt Frank Kemperman, Turnierdirektor des CHIO Aachen. „Er ist einfach, ein Arbeiter, er verliert nicht viele Worte, aber er setzt sich durch, auch ohne viele Worte, im Sport wie im Leben.“ Sagt Dirk Demeersman, sein belgischer Kollege und früherer Bundestrainer.

„Ich bin ein ruhiger Mensch, einfach. Ich stamme vom Land, meine Eltern sind Bauern, einfache Leute. Und ja, ich arbeite viel, um mein Ziel zu erreichen. Und es ist meine Erziehung, nicht so viel zu reden. Ich rede, wenn ich was zu sagen habe.“ Sagt Gregory Wathelet über sich selbst.

Konzentriert: Gregory Wathelet bei der Parcoursbesichtigung.

Das Rampenlicht braucht der zurückhaltende 37-Jährige nicht, aber es gehört dazu, wenn man schon so lange zur Weltelite der Springreiter gehört. „Ich bin seit zehn Jahren immer in den Top 40 gewesen“, sagt Wathelet, und zum ersten Mal hört man Stolz auf das Erreichte heraus. Und das kann sich sehen lassen. Unter anderem wurde er 2015 auf Conrad de Hus Vize-Europameister in Aachen und gewann 2017 mit Coree den „Großen Preis von Aachen“.

In Aachen an der Wand stehen

Das ist es, was den Belgier antreibt: der sportliche Erfolg. „Ich wollte in Aachen an dieser Wand stehen“, sagt Wathelet und strahlt, denn wenn er ab heute beim CHIO Aachen am Richterturm vorbeireitet, sieht er seinen Namen am Ende einer illusteren Liste. Und dann sprudeln die Worte nur so aus dem eher introvertierten Belgier heraus, klar, es geht um die Reiterei: „Ich liebe den Sport, ich will erfolgreich in meinem Sport sein, das Geld ist mir nicht so wichtig.“ Obwohl er in Aachen als Sieger 330.000 Euro kassierte. „Ja, natürlich war es schön, so viel Geld zu gewinnen, ich muss das ja auch, um meinen Stall zu finanzieren, aber es ist nicht der Grund, warum ich diesen Sport betreibe.“

Man nimmt es ihm ab, wenn er das sagt. Auch wenn seine Biografie etwas anderes zu sagen scheint. Geboren wurde Wathelet in der ländlichen Region Condroz zwischen Lüttich und Namur. Mit zehn Jahren kauften ihm seine Eltern ein Pferd, mit 16 begann er auf regionalen Turnieren zu reiten. „Ich liebe den Sport, habe aber damals nicht daran gedacht, ihn professionell zu betreiben. Es ist schwierig als Reiter“, so Wathelet, der sich aber zwei, drei Jahre später besann: „Mit 18, 19 Jahren habe ich gedacht, dass ich das Springreiten doch zu meinem Beruf machen sollte. Ich liebe diesen Sport sehr, auch wenn es zu Anfang nicht einfach war.“

Wathelet ritt, handelte mit Pferden, um sich seinen Sport leisten zu können. Da kam ein Angebot des belgisch-französischen Gestüts Haras de Hayette, von 2002 bis 2005 ritt er vor allem junge Pferde, mit denen er gute Resultate erzielte. Man wurde auf ihn aufmerksam, und der ukrainische Milliardär Oleksandr Onischtschenko bot ihm an, seine Pferde zu reiten — und unter ukrainischer Flagge zu starten. 2006 belegte Wathelet mit dem ukrainischen Team, knapp geschlagen von der deutschen Equipe, Platz vier bei den Weltreiterspielen in Aachen.

„Es war ein tolles Angebot — wegen der guten Pferde. Mich hat die Möglichkeit gereizt, mit guten Pferden in die Weltspitze vorzudringen“, sagt Wathelet, „aber natürlich haben alle gedacht, dass ich das wegen des Geldes gemacht habe. Es war aus Liebe zum Sport.“ Die Ukraine lernte er nur bei einigen wenigen Turnieren kennen, „ukrainisch spreche ich nicht“, verneint er lachend. Gut zwei Jahre, bis November 2007, hielt die Partnerschaft, dann geriet der umstrittene Milliardär in Belgien in Schwierigkeiten und verkaufte zudem Wathelets bestes Pferd.

Selbstständig gemacht

„Mich zu trennen, war eine gute Entscheidung, nicht nur wegen des Pferdeverkaufs“, sagt Wathelet heute. Dabei musste er wieder von Null anfangen. „Ich hatte nichts, kein Pferd mehr. Das kann passieren, wenn man nur für einen Besitzer reitet.“ Der Belgier machte sich selbstständig, bildete Pferde aus, lebte vom Handel. Nicht selten musste er auch sein bestes Pferd verkaufen, wenn ein gutes Angebot kam.

So gewann er mit Lantinus 2007 in Cannes — das Pferd ging später unter dem in Eschweiler beheimateten Iren Denis Lynch. Cortes war später unter der US-Amerikanerin Beezie Madden erfolgreich, und Forlap, mit dem er 2013 in La Coruna den Fünf-Sterne-Grand- Prix gewann, verkaufte er 2014 an Onischtschenko.

Wenn man nicht glaubt, dass ihm der Sport als solcher am Herzen liegt, dann spricht vor allem seine Geschichte mit Forlap Bände: Der belgische Wallach ging nach dem Verkauf zuerst unter Cassio Rivetti, dann unter Daniel Deußer, erneut unter Rivetti und René Tebbel. Als Onischtschenko 44 Pferde an Paul Schockemöhle verkaufte, stieg auch Laura Klaphake in seinen Sattel.

Kein Happy End

Im November 2016 kaufte Wathelet ihn zurück und sagte: „Ich bin glücklich, Forlap wieder hier zu haben und dass er nun mir gehört.“ Doch die Geschichte hatte kein Happy End: Im Dezember 2017 brach sich Forlap beim Longieren ein Bein, trotz Operation musste er später erlöst werden. „Wir mussten mit großer Trauer die Entscheidung treffen, Dich gehen zu lassen und damit Dein Leiden zu verkürzen in diesem letzten Kampf“, schrieb Wathelet einen wunderschönen Abschiedsbrief an seinen Vierbeiner.

Seit zehn Jahren ist Wathelet nun selbstständig, reitet seither für verschiedene Pferdebesitzer. „Es war nicht so einfach, man muss erst einmal Besitzer finden, die einem gute Pferde anvertrauen“, blickt Wathelet zurück. Doch sein Erfolg sprach für sich. Seit zwei Jahren lebt und arbeitet er nun auf seiner eigenen Anlage, die der Wallone auf dem Land der Familie in der Nähe von Durbuy und Lüttich gebaut hat.

Eigene Reitanlage gebaut

Modern und schnörkellos, mit besten Bedingungen für Reiter und Pferd — Wathelets Reitanlage ist so, wie man sie bei diesem Reiter erwartet. Und ringsum Natur, so weit das Auge reicht. „Wir haben hier 70 Hektar Land, machen auch das Futter selbst. Und neben den Pferden halten wir auch Kühe und züchten mit beidem“, ist sich Wathelet seiner Wurzeln durchaus bewusst. Gemeinsam mit Lebensgefährtin Pauline, einer 24-jährigen Französin, lebt er fernab der Scheinwerfer. „Pauline liebt die Reiterei so wie ich, auch wenn sie keine Turniere reitet, wir leben und arbeiten zusammen“, sagt Wathelet.

Mit dem Holsteiner Conrad de Hus meldete der Belgier sich in der Elite zurück. Im August 2015 holte er bei der EM in Aachen hinter Weltmeister Jeroen Dubbeldam (Niederlande) Silber. Und triumphierte mit dem belgischen Team im Nationenpreisfinale in Barcelona. Im März 2016 wurde sein Top-Pferd Conrad de Hus in die USA verkauft. Fast nahtlos trat die Clinton-Enkelin Coree in seine Fußstapfen .

„Mein Pferd kann alles springen, ich musste auf volles Risiko gehen“, blickt Wathelet auf seinen Ritt im „Großen Preis von Aachen“ zurück, den er mit dem schnellsten fehlerfreien Ritt vor Luciana Diniz (Portugal) und Marc Houtzager (Niederlande) gewonnen hatte. Mit der zwölfjährigen Schimmelstute, die in diesem Jahr in Shanghai siegreich war, dann verletzt pausieren musste, wird Wathelet am Sonntag erneut im „Großen Preis“ starten. Im Nationenpreis, in dem die Belgier zu den Favoriten zählen, will der 37-Jährige Nevados einsetzen. „Natürlich wollen wir gewinnen“, erinnert sich Wathelet sehr gern daran, wie es war, als er mit dem Team 2014 im Flutlichtspringen siegte. „In Aachen zu gewinnen, ist immer etwas ganz Besonderes. Aber es ist ein anderes Gefühl, ob man mit dem Team oder alleine siegt.“

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