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Glosse zum Fußball in Corona-Zeiten: Wenn die Maske nur um 2,34 Millimeter verrutscht

Glosse zum Fußball in Corona-Zeiten : Wenn die Maske nur um 2,34 Millimeter verrutscht

Es läuft die 74. Minute im ersten Geistermaskenspiel der Fußball-Bundesliga, das Derby zwischen Borussia Dortmund und Schalke 04 unterhält bereits seit 97 Minuten – 134 Mal musste die Partie wegen verrutschter Masken unterbrochen werden – die vier Balljungen, fünf Sanitäter und sechs Medienvertreter.

Dortmunds Stürmer Marco Reus, der mit einer aus alten Führerscheinen gebastelten Maske aus dem Maskeneinerlei der 22 kickenden Maskenträger hervorsticht, schlängelt sich durch eine Schalker Abwehr, die perfektes Defensiv-Distancing praktiziert und zieht aus zwölf Metern (in Masken: ungefähr 40 Aneinandergereihte) ab. Den Schalkern nutzt auch der furchterregende – nur mit Sehschlitzen versehene – Ganzgesichtsschutz mit dem Konterfei ihres Ex-Spielers Jiri Nemec nichts: Der maskenlose Ball, der sich übrigens nach jedem Einwurf der handschuhlosen Spieler selbst desinfiziert, scheint für Torwart Alexander Nübel unhaltbar. Doch dann das: Nübels optisch gelungene blau-weiß gerautete Maske, versehen mit Applikationen der schönsten Fehlgriffe Manuel Neuers, verrutscht auch für Außenstehende deutlich sichtbar um Millimeter – aber um wie viele?

Schiedsrichter Tobias Stieler, mit seiner gelben Maske und den drei schwarzen Punkten zumindest optisch obenauf, entscheidet auf Tor: 3:2 für den BVB, drei Balljungen, die drei Dortmunder Medienvertreter und fünf Sanitäter (einer ist Bochum-Fan) verwandeln das Stadion in einen Hexenkessel. Doch dann meldet sich einer der VAMRs (Video Assistant Mask Referees) aus dem Kölner Bunker – im berühmten Keller war der Abstand für die mittlerweile 22 Schiedsrichter pro Spiel (einer für jede Maske) nicht zu halten. Und dann, nach vielen Minuten des Wartens und der Flüssigkeitsaufnahme durch spezielle Trinkschlitze, dürfen die Dortmunder Spieler im Topspiel jubeln. Der Treffer zählt, Nübels Maske war laut kalibrierter Maskenlinie nur um 2,34 Millimeter verrutscht – und das liegt im Maskenverrutschungstoleranzbereich (bis 2,45 Millimeter).

Karl-Heinz Rummenigge schäumt im Sky-Studio, die in hoeneßwangenrot gehaltene Maske aus feinstem Katar-Kaschmir droht zu platzen. „Das waren doch mindestens 2,6 Millimeter“, tobt der Vorstandsvorsitzende des FC Bayern München, dessen Mannschaft am Nachmittag bei Aufsteiger Union Berlin überraschend 1:2 verloren hatte, mit aufgeblasenen Wangen.

Gleich vier Treffer von Robert Lewandowski waren den Münchenern dabei wegen Tragens illegaler Masken aberkannt worden. Der Pole hatte zunächst eine Pierre-Emerick-Aubameyang-Gedächtnismaske ohne Trinkschlitze getragen, dann eine in polnischen Landesfarben, was aber gegen das rot-weiße Masken-Hausrecht der Unioner verstieß. Der dritte Treffer wurde wegen eines Verstoßes gegen die Hygienevorschrift annulliert (Lewandowski hatte beim Zurechtzubbeln seiner Maske diese unterhalb eines Ohrgummis mit dem kleinen Finger der linken Hand gestreift, Gästemannschaften dürfen zur besseren Unterscheidung aber nur die Finger der rechten Hand nehmen). Und schließlich hatte der Torjäger – aus Protest, wie er später erklärte  – seine Maske auf links gedreht.

Als die 90 Minuten von Dortmund nach 134 Minuten abgepfiffen werden, hat der BVB tatsächlich 3:2 gewonnen, die Masken freudetaumelnd den nicht anwesenden Fans zugeworfen und im mittlerweile legendären Abstandskreis gefeiert. Ohne Maske – was definitiv ein Nachspiel haben dürfte.