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Bundesliga-Saisonstart: Was die Männer-Liga von der Frauen-EM lernen könnte

Bundesliga-Saisonstart : Was die Männer-Liga von der Frauen-EM lernen könnte

Das Turnier in England lieferte prächtigen Anschauungsunterricht dafür, wie ein Fußballspiel auch ablaufen könnte. Die Gründe für die gravierenden Unterschiede sind vielfältig.

Starten wir in Wembley: In den letzten Stunden vor dem Anpfiff des Finales trank der Fan 20 Dosen Apfelwein, konsumierte eine Menge Kokain, bevor er sich eine Feuerwerksrakete rektal einführte und zündete – und selbstverständlich ließ er sich bei solchen Heldentaten auch filmen. Das kleine Dokument entstand vor dem EM-Finale der Männer im vergangenen Jahr. Vergleichbare Aktionen bei der Frauen-EM sind bislang nicht bekannt, es blieb in diesen EM-Tagen durchgehend fröhlich und friedlich.

Vor einem Jahr hatten an gleicher Stelle Dutzende Fans das berühmte Stadion in London vor dem EM-Finale zwischen England und Italien (2:3 i. E.) gestürmt. 45 Personen wurden vorläufig festgenommen. Zudem wurde gegen den englischen Verband ermittelt, nachdem Anhänger Feuerwerkskörper gezündet, Gegenstände auf das Spielfeld geworfen und die italienische Nationalhymne gestört hatten. Im Abspann des Finales wurden elf Personen vorübergehend festgenommen, nachdem sie drei farbige Spieler, die beim Elfmeterschießen nicht getroffen hatten, rassistisch im Internet beleidigt hatten. Bei der Polizei gingen innerhalb weniger Stunden 600 Hinweise auf rassistische Kommentare in Sozialen Medien ein.

Und nun ist die Frauen-EM vorbei, ab Freitagabend rollt in der Männer-Bundesliga wieder der Ball, wenn Eintracht Frankfurt auf den FC Bayern trifft. Das Frauen-Championat auf der Insel war nicht nur ein guter Pausenfüller, bis der vermeintlich „richtige“ Fußball beginnt, es lieferte auch prächtigen Anschauungsunterricht, wie der Fußball sein kann, wenn er noch nicht so verdorben daherkommt. (Wer Fußball immer noch als reine Männersportart sieht, kann an dieser Stelle aufhören zu lesen.)

Vorab: Man muss den Frauen-Fußball nicht mögen, so wie man auch Volleyball oder Bogenschießen oder auch Kugelstoßen nicht mögen muss. Aber man kann festhalten, dass dem Frauen-Fußball einfach ein paar Dinge fehlen, die beim Männer-Fußball komplett nerven. Längst hat sich dort eingeschliffen, dass Schiedsrichter in Rudeln umkreist werden, wann immer sie streitbare Urteile fällen. Manchmal möchte man den Debattierenden ein paar Steh-Pulte auf den Rasen stellen, damit sie sich bei ihren Tiraden abwechselnd anlehnen können. Beim Frauen-Fußball entsteht bislang eher der Eindruck, dass für die Spielleiterinnen und Spielleiter ein natürlicher Bannkreis besteht, der weitgehend respektiert wird. Die Spezies der pöbelnden Sportlerinnen, die den Spielleitern aus nächster Nähe ihre Meinung geigt, ist jedenfalls noch nicht sehr weit verbreitet. Und noch eine Unart fehlt. Ein Schiedsrichter-Pfiff hält das Spiel bei den Frauen – meistens – an, während bei den Männern der Ball – meistens – noch einmal weggekickt wird. Für die einen steht die Ampel auf Rot, für die anderen eher auf Gelb, so dass man noch mal aufs Gaspedal drücken kann.

Zudem ist im Männer-Profifußball der Torjubel mit durchschnittlich einer Minute etwa doppelt so lang wie bei den Frauen. Nicht selten ist der Jubel so durchchoreografiert wie ein Auftritt der Chippendales. Die Nettospielzeit der Kickerinnen ist aber noch aus einem anderen Grund höher. Besonders nach Verletzungen bleiben die männlichen Spieler deutlich länger am Boden. Das haben Sportwissenschaftler der TU München (TUM) schon vor Jahren festgestellt. Der Grund dafür liegt vermutlich im psychologischen Bereich: Männer inszenieren sich viel stärker beim Fußball als Frauen, so die Schlussfolgerung der Wissenschaftler. TUM-Professor Martin Lames erklärt das mit unterschiedlich ausgeprägtem Selbstdarstellungsdrang der Geschlechter: „Bei den Männern ist die Tendenz zur Inszenierung viel stärker ausgeprägt als bei den Frauen, bei denen offensichtlich das Spiel an sich im Vordergrund steht.“

Im Schnitt krümmen sich angeschlagene Spieler häufiger und 30 Sekunden länger, unerwartete Wunderheilungen sind eine Männer-Domäne. Projektmitarbeiter Malte Siegle hat registriert: „Wir konnten sogar den Beweis führen, dass Männer die Unterbrechungsdauer als taktisches Mittel einsetzten. Wie an vielen Stammtischen vermutet wird, lässt man sich in Führung liegend nachweislich mehr Zeit als bei Unentschieden oder sogar bei Rückstand. Dieses Verhalten finden wir bei Frauen überhaupt nicht“, sagt der Sportwissenschaftler. Showeffekte und Schauspieleinlagen seien vor allem den Männern vorbehalten, ebenso wie das notorische Rotzen. Selbst das schlichte Auswechseln dauert bei den Männern fast zehn Sekunden länger als bei den Frauen, nach getaner Arbeit schleichen sie oft so müde vom Platz, dass man sich Sorgen machen kann, ob sie die Außenlinie noch erreichen.

„Das ganze Turnier der Frauen war auf allerhöchstem Niveau ein Kontrastprogramm zum Männer-Fußball“, analysiert der Fußballforscher Harald Lange, Sportwissenschaftler an der Julius-Maximilians-Universität in Würzburg. „Es galt das Primat des Sports, während an anderer Stelle längst das Flair des Kommerzes eingezogen ist.“ Auch Lange erinnert an die Männer-EM im vorigen Sommer, die in der Hochphase der Pandemie nur mit vielen Ausnahmeregelungen stattfinden konnte. „Das war ein weiteres Beispiel für die Ungleichheit, die zu mehr Distanz zu dieser Branche geführt hat“, sagt Lange.

 Sportwissenschaftler Harald Lange: „Das ganze Turnier der Frauen war auf allerhöchstem Niveau ein Kontrastprogramm zum Männerfußball.“
Sportwissenschaftler Harald Lange: „Das ganze Turnier der Frauen war auf allerhöchstem Niveau ein Kontrastprogramm zum Männerfußball.“ Foto: privat

Das Championat der Frauen war deswegen auch ein bisschen Projektionsfläche für die Sehnsucht nach den guten alten Zeiten im Fußball, als das Spiel noch im Mittelpunkt stand und es nicht um korrupte Vergabe-Praktiken von Welt- und Europameisterschaften, um dubiose Berater, millionenschwere Ablösesummen und Spieler ging, die vergoldete Steaks essen. Das jüngste Turnier, so hat es Lange beobachtet, war eine höchst willkommene Abwechslung zu solchem Bling-Bling. „Die Frauen-EM stand für Bodenständigkeit und für Haltung und besondere Werte wie Fair Play, Respekt, Chancengleichheit“, sagt Lange. „Das macht neben dem hohen spielerischen Niveau den Reiz aus, so dass wir gerne zuschauen und mitfiebern. Wir können uns identifizieren.“ Die Zeit, in der man die Spiele nur schaute, um seine Vorurteile bestätigt zu bekommen, ist spätestens seit diesem Sommer vorbei. Das athletische und taktische Spielvermögen war bemerkenswert.

Dazu kam dann auch eine unverkrampfte sympathische Außendarstellung. Die Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg lieferte brillante Spielanalysen ab. Selbst nach dem Finale, in der Stunde ihrer größten Niederlage, widerstand sie souverän der Versuchung, von einem „Betrug“ zu sprechen, den ihr die Journalisten ein bisschen in den Mund legen wollte. Es blieb auch nach dem Abpfiff verbal so friedlich wie während des Spiels, notorisch ausflippende Trainer wurden im Turnier nicht gesichtet.

Der Erfolg der Veranstaltung ist eine ideale Plattform für den Frauen-Fußball, um voranzukommen, wie das in Spanien, Frankreich, den USA und England bereits geschehen ist. Man könne das Projekt ansehen wie ein Start-up-Unternehmen, meint Lange. Man müsste investieren, um die Infrastruktur zu verbessern, den überschaubaren Fan-Andrang in der Bundesliga zu erhöhen. Die Quote stimmt gerade, das Potenzial ist ebenso wie die Begeisterung zumindest aktuell vorhanden. Und könnte sich nicht die gewiefte DFL um die bessere Vermarktung des Produkts kümmern?

Der Fußball-Fan ist nicht sonderlich zuversichtlich, dass die aktuelle Euphorie von langer Dauer ist. Er erinnert an die WM im eigenen Land 2011, als die Rahmenbedingungen auch gut waren. Seitdem sind elf Jahre ereignislos vorbeigezogen. Die Anmeldezahlen auch der Mädchen in den Vereinen sind weiter gesunken. Zwischendurch hat der DFB noch die Bundestrainerin Steffi Jones gegen Horst Hrubesch eingetauscht, der an der Stelle so deplatziert war wie ein FKK-Strandbesucher im Dreiteiler.

Was es gerade brauchen würde, wären andere Strukturen im weltgrößten Verband, sagt Lange. Die Fußballkultur ist unverändert männlich geprägt, findet er. Zwischen 1955 bis 1970 war Frauen-Fußball in Deutschland verboten – die Gründe waren eher vorgeschoben. Mal war es der vermeintliche Mangel an weiblicher Anmut, mal wollte man das schwache Geschlecht vor gesundheitlichen Folgen schützen. Zwar hätten sich die Klubs in den vergangenen Jahrzehnten durchaus geöffnet für das Thema, sagt Lange. Am Habitus habe sich aber wenig geändert. Zumeist sind es männliche Funktionäre, die Mädchen und Frauen eher gönnerhaft „zulassen“, aber eben unter ihrer Kontrolle. „Der DFB müsste liefern, aber er steht auf der Bremse“, befürchtet er. Das jüngste Finale war wieder so ein Beleg: Während die Frauen um den Titel kickten, fanden zeitgleich drei belanglose Männer-Pokalspiele in der ersten Runde statt. Niemand fand sich im Verband, der ein Zeichen setzen wollte. Und unverändert werden die Frauen-Länderspiele im Nachmittagsprogramm versteckt.

Es gibt noch einen Unterschied zwischen den Geschlechtern. Die sexuelle Orientierung der Spielerinnen ist meistens bekannt, während das in der Testosteron-Abteilung ein Tabu bleibt. Immer noch wartet die Männer-Bundesliga auf das Coming-Out eines aktiven Spielers. „Bei den Mädchen und Frauen spielt die Orientierung keine Rolle, weil es keine Nachteile gibt. Bei den Jungen und Männern ist es häufig so, dass sich Homosexuelle schon früh zurückziehen, weil sie sich in diesem System nicht wohlfühlen“, vermutet der Wissenschaftler. Er findet: „Auch da kann der Männer- vom Frauen-Fußball lernen.“