Interview mit Fußballerin Johanna Elsig aus Düren vor der WM

Nationalspielerin Johanna Elsig im Interview : „Wir haben das Potenzial für den Titel“

Für Fußballerin Johanna Elsig beginnt die spannendste Zeit des Jahres, die Dürenerin spielt mit der deutschen Frauen-Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft in Frankreich; es ist das erste großeTurnier für die Verteidigerin. Im Interview spricht sie über die Ziele für die WM und die Probleme im Frauenfußball.

In eine Karriere als Fußballerin passt ganz schön viel hinein, Erfolge und Rückschläge, bei Johanna Elsig (26) ist das nicht anders. Seit 2010 spielt die Innenverteidigerin in der Bundesliga der Frauen, hat dort fast 200 Spiele gemacht, sie stand schon im Champions-League-Halbfinale und im Endspiel um den DFB-Pokal, sie wurde Nationalspielerin.

Elsig hat viel gesehen, sie hat zwei Kreuzbandrisse überstanden – aber das, was sie in diesen Tagen erlebt, ist dann doch neu: Die Dürenerin steht erstmals bei einem großen Turnier im Kader des deutschen Teams. Am Freitag beginnt die Weltmeisterschaft in Frankreich, am Samstag spielt Deutschland im ersten Gruppenspiel gegen China (15.00/ARD). Im Interview spricht sie über die Chances ihres Teams beim Turnier, ihre persönlichen Ziele und die Schwierigkeiten im Frauenfußball.

Schon nervös, Frau Elsig?

Johanna Elsig: Nervös? Ein bisschen vielleicht. Aber eher ist das riesige Vorfreude. Ich kann es kaum erwarten, dass die WM losgeht.

Für Sie ist die WM in Frankreich das erste große Turnier.

Elsig: Stimmt, und deshalb ist es besonders für mich. Ich weiß nicht, ob es vielleicht schon früher geklappt hätte, wenn ich nicht schon zwei Kreuzbandrisse gehabt hätte – aber jetzt hat es funktioniert, und das zählt.

Die Bühne bei einer WM ist deutlich größer als in der Bundesliga der Frauen oder normalen Länderspielen, es werden viel mehr Menschen im Stadion sein und viel mehr Zuschauer vor dem Fernseher sitzen: Denken Sie über so etwas nach oder ist Ihnen das egal?

Elsig: Egal ist mir das natürlich nicht, jede Fußballerin spielt gerne vor vielen Zuschauern. Wir haben Anfang des Jahres schon mal in Frankreich gespielt, da war das Stadion ausverkauft, die Stimmung genial (Deutschland gewann Ende Februar 1:0, Anm. d. Red.). Ich freue mich darauf – weil es in Deutschland eher selten der Fall ist, dass die Stadien voll sind. Dass wir jetzt vor vielen Zuschauern spielen werden, dass die Menschen sich für unsere Spiele interessieren, ist ein Antrieb für mich.

Nervt es Sie, dass immer erst ein großes Turnier kommen muss, damit Sie und die Nationalmannschaft der Frauen mal im Fokus stehen?

Elsig: Es gibt da wie so oft zwei Seiten, ein lachendes und ein weinendes Auge. Es ist auf der einen Seite angenehm, auf die Straße gehen zu können, ohne dass man direkt erkannt wird. Auf der anderen Seite nervt es natürlich schon. Wenn in Deutschland von Fußball gesprochen wird, sind immer nur die Männer gemeint. Warum eigentlich? In der Leichtathletik spricht auch niemand vom Frauensprint. Das Problem ist doch: Der Männerfußball ist in Deutschland die absolute Sportart Nummer eins, daran wird alles gemessen – und das macht es den Frauen schwer, sich durchzusetzen.

Welche Erfahrungen machen Sie da?

Elsig: Es kommt vor, dass es in Gesprächen mit unterschiedlichen Menschen heißt: Ich gucke keinen Frauenfußball, interessiert mich nicht, Tempo zu langsam, Technik zu schlecht, blablabla.

Das muss frustrierend sein.

Elsig: Ich leugne ja nicht mal, dass die Leute in manchen Punkten recht haben könnten, wenn da ein Vergleich zu den Männern gezogen wird. Wir trainieren aber auch acht, neun Mal die Woche und tun alles dafür, die beste Leistung zu bringen. Und wer sich ein bisschen im Fußball auskennt, sieht, dass das Niveau der meisten Frauenspiele – vor allem in der Bundesliga und mit der Nationalmannschaft –nicht schlecht ist. Das kann sich jeder Fußballinteressierte durchaus anschauen.

Wie können die Fans davon überzeugt werden?

Elsig: Ich finde es sehr schade, dass immer noch so schlecht über unseren Fußball gesprochen wird. Wir haben das Jahr 2019, Gleichberechtigung gehört zu allen Bereichen unseres Lebens, und dazu sollte auch der Frauenfußball zählen. Wieso nicht einfach mal etwas Neues ausprobieren? Wieso nicht einfach mal ein Spiel im Stadion anschauen? Ich wette, dass die meisten mit einem positiven Eindruck nach Hause gehen werden.

Ihre Forderung lautet also: Beschäftigt euch mehr mit Frauenfußball!

Elsig: Das ist der Weg, aber dafür müssen auch Voraussetzungen geschaffen werden: Es braucht mehr Werbung, es braucht mehr Öffentlichkeit, es braucht finanzielle Unterstützung. Und vor allem brauchen wir bessere Anstoßzeiten: Unsere Länderspiele finden teilweise dienstags um 16 Uhr statt – da ist es für viele Menschen schwer das Spiel live im Stadion oder vor dem Fernseher zu verfolgen. Das alles ist übrigens kein exklusives Problem des Frauenfußballs. Ich glaube schon, dass sich viel mehr Menschen für Handball, Volleyball oder all die anderen Sportarten interessieren würden, wenn es mehr Informationen und mehr Werbung geben würde.

Die beste Werbung ist immer der sportliche Erfolg: Ist das das Ziel Ihrer Mannschaft in Frankreich?

Elsig: Klar, wir wollen Erfolg haben, unbedingt sogar. Aber wir wissen schon jetzt: Wenn es nicht klappt, wird wieder über den Frauenfußball hergezogen. Die Männer sind bei der WM 2018 in Russland in der Vorrunde ausgeschieden, es hat viel Kritik gegeben – aber zugeschaut hat danach doch trotzdem jeder. Bei uns wäre das Interesse sofort erst recht weg, das ist das Problem. Wir haben jetzt eine Bühne, auf der wir uns präsentieren können, aber aller sportlicher Erfolg nützt nichts, wenn die Aufmerksamkeit und der Schwung danach nicht mitgenommen wird.

Wann ist das Turnier für das deutsche Team sportlich ein Erfolg?

Elsig: Unser erster Erfolg ist es, dass wir nach einer schwächeren Phase inklusive der Europameisterschaft 2017 wieder guten Fußball und gute Spiele zeigen. Das hat jeder von uns erwartet, wir sind schließlich immer noch Weltranglistenzweiter (Erster sind die USA; Anm. d. Red.).

Ist das Team damit automatisch einer der Favoriten auf den WM-Titel?

Elsig: Wir müssen damit leben können, dass es diese Erwartungshaltung in Deutschland gibt. Und im Grunde wollen wir uns diesem Druck aussetzen, weil wir wissen, dass wir das Potenzial für einen solchen Erfolg haben. Ein Selbstläufer wird das aber nicht, andere Länder haben aufgeholt: Die Spitze im Frauenfußball ist mittlerweile eng zusammengerückt.

Wer sind denn die größten Konkurrenten?

Elsig: Definitiv Frankreich, das Team ist athletisch und spielstark, und es spielt die WM im eigenen Land. Die USA sind immer ein Titelkandidat genauso wie Schweden und Brasilien. England und Australien haben unglaublich aufgeholt. Und auch Spanien ist sehr gut besetzt, da müssen wir im zweiten Vorrundenspiel alles abrufen.

Wie sieht Ihre persönliche Zielsetzung für die WM aus?

Elsig: Bei den vergangenen Länderspielen war ich immer dabei, habe außer im abschließenden Testspiel gegen Chile immer meine Spielzeit bekommen. Gerade in der Innenverteidigung ist die Konkurrenz aber sehr groß. Trotzdem: Ich will auch bei der WM meine Einsätze bekommen, dafür gebe ich alles.

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