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Juniorenfußball: Deutscher Meister mit der U 17 – und dann?

Juniorenfußball : Deutscher Meister mit der U 17 – und dann?

Die Leiter der Nachwuchszentren in Köln und Gladbach sind sich einig: Titel im Juniorenbereich sind nicht das primäre Ziel. Matthias Heidrich und Roland Virkus legen den Fokus auf eine andere Aufgabe.

Lukas Scepanik war der umjubelte Held am 5. Juni 2011. Von Trainer Boris Schommers erst in der 72. Minute eingewechselt, erzielte der Mittelfeldspieler 13 Minuten später den 3:2-Siegtreffer gegen die U 17 von Werder Bremen. Die B-Junioren des 1. FC Köln bejubelten die Meisterschaft dank der Treffer von Sven Engelke (13. Minute), Fabio La Monica (27.). Und eben Scepanik, der in der vergangenen Saison in der Regionalliga West bei Rot-Weiss Essen spielte. Engelke war beim Landesligisten TuS Erndtebrück II, La Monica zuletzt beim Oberligisten Schwarz-Weiss Essen aktiv. Drei Namen, drei Treffer, eine Gemeinsamkeit: Den Sprung zu den Profis des FC und in die Bundesliga haben sie bislang nicht geschafft.

Anders als ihre damaligen Teamkollegen Mitchell Weiser und der Würselener Yannick Gerhardt, die als einzige der Meistermannschaft ihr Debüt in Kölns A-Mannschaft feiern und sich fortan in der Bundesliga etablieren konnten – wenn auch nicht beim FC. Auch in dieser Saison holte sich Kölns Nachwuchs den B-Junioren-Meistertitel nach einem 3:2 gegen Borussia Dortmund. Sehr zur Freude von Matthias Heidrich, der gemeinsam mit Carsten Schiel das Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) der Kölner leitet. Allerdings weist der 41-Jährige auch darauf hin: „Es wäre für unsere U 17 auch eine tolle Saison gewesen, wenn wir nicht den Titel geholt hätten. Weil wir auch da Jungs entwickelt und auf ihrem Weg begleitet haben.“

Natürlich brauche es für die Motivation der Jugendlichen hin und wieder Erfolge. Profi werde man aber nicht eher, nur weil man Deutsche Meistertitel im U 17-Bereich gesammelt hat. Einen großen Zusammenhang sehe er da nicht, sagt Heidrich. Ein Blick auf die Statistik gibt ihm recht: Seit dem Kölner Triumph 2011 schafften es aus den Mannschaften der B-Junioren-Meister bislang sechs Spieler, sich in der Bundesliga zu etablieren: Weiser, aktuell bei Bayer Leverkusen, Gerhardt bei Wolfsburg, Christian Pulisic und Jacob Bruun Larsen bei Borussia Dortmund, der Alsdorfer Kai Havertz bei Leverkusen und Timo Baumgartl, der mit dem VfB Stuttgart in der kommenden Saison allerdings in der 2. Liga spielen wird.

Beste Spieler an erste Mannschaft anbinden

Angesichts dieser Quote ist es verständlich, dass Heidrich zurückhaltend sagt: „Ein realistisches Ziel ist es, den besten Spieler eines Jahrgangs an die erste Mannschaft anzubinden.“ Der NLZ-Leiter sieht bei mehreren aktuellen U 17-Spielern das Potenzial, später einmal Bundesliga zu spielen, warnt aber vor Illusionen: „Alle haben die Erwartung, mit 19 Bundesligaprofi sein zu müssen. Nicht alle sind wie Kai Havertz oder Jonathan Tah. Viele Jungs sind gut ausgebildet, müssen sich aber ihre Sporen erst verdienen.“ Eine realistische Prognose sei in diesem Bereich nicht möglich.

„Das übergeordnete Ziel eines Nachwuchsleistungszentrums ist klar: Bundesligaspieler zu entwickeln“, sagt auch Roland Virkus. Der Direktor des Nachwuchsleistungszentrums von Kölns Bundesligarivalen Borussia Mönchengladbach blickt auf eine gute Saison seiner Juniorenteams zurück: Vierter Platz der U 23 in der Regionalliga West, fünfter Platz der U 19 in der A-Junioren-Bundesliga West, vierter Platz der U 17 in der B-Junioren-Bundesliga West. Virkus ist damit sehr zufrieden, weist aber auch darauf hin, dass Ergebnisse im Juniorenbereich nicht alles seien. „Du investierst kein Geld, nur um eine Deutsche Meisterschaft zu holen. Das muss man sich leisten können, wir können das jedenfalls nicht. Ich würde beides nehmen, keine Frage. Aber wenn ich mich entscheiden müsste, würde ich immer die Wahl treffen, Bundesligaspieler auszubilden.“

Jordan Beyer als gutes Beispiel

So wie dies zuletzt bei Jordan Beyer gelungen ist, der seit 2015 die Jugendmannschaften der Borussia durchlief und 2018/19 gegen Bayer Leverkusen sein Bundesliga-Debüt gab. Der Abwehrspieler, Jahrgang 2000, ist ein gutes Beispiel dafür, dass Erfolg im Juniorenbereich nicht zwingend für einen Aufstieg zu den Profis ist, spielten Gladbachs A-Junioren doch in der Saison 2017/18 gegen den Abstieg.

Auch Virkus ist verhalten, wenn es darum geht, die Aufstiegschancen von Juniorenspielern in den Profibereich zu quantifizieren: „Einer pro Jahrgang wäre gut, schafft man mehr, dann ist das überdurchschnittlich.“ Egal, wie talentiert ein Jugendlicher ist: Unwägbarkeiten gebe es immer, auch wenn Trainer und Klub ab der U 15 genauer einschätzen können, welches Potenzial in einem Spieler steckt. Einer wie Torhüter Marc-André ter Stegen, bei dem sehr früh sehr viele wussten, dass es einmal ganz hoch in den Profibereich geht, ist die große Ausnahme. „Familie, Freunde, Herkunft und Verletzungen: Das sind viele Dinge, auf die man als Klub wenig Einfluss hat.“ Auch in Gladbachs aktueller U 17 gebe es drei Spieler, denen Virkus zutraut, Bundesliga zu spielen. Namen nennt er nicht; er möchte den Druck auf die Junioren nicht noch weiter erhöhen. Besonders in NRW, wo es „aufgrund der Dichte an Topklubs ein Hauen und Stechen um die Talente“ gebe.

Leiter von Kölns Nachwuchsleistungszentrum: Matthias Heidrich. Foto: imago/Steffen Beyer/imago sportfotodienst

Einer, mit dem Virkus regelmäßig spricht und den er relativ gut kennt, ist Jordi Bongard. Der Abwehrspieler aus Konzen, Jahrgang 2001, spielte in der vergangenen Saison bei Borussias B-Junioren bereits eine wichtige Rolle und soll dort auch in der kommenden Spielzeit weiter reifen. „Jordi Bongard kommt über die Mentalität und ist ein guter Junge, der sehr ehrgeizig ist und klare Ziele hat. Er muss noch lernen, nach Tälern dranzubleiben und nicht nach links oder rechts zu schauen“, sagt Virkus. Vielleicht gelingt U 18-Nationalspieler Bongard dann in der kommenden Saison auch ein entscheidender Treffer in einem Junioren-Finale. Wie damals Lukas Scepanik. Und wenn der Konzener danach den Weg von Jordan Beyer geht, der fest in Gladbachs Profikader 2019/20 eingeplant ist, wäre Virkus sicherlich mehr als zufrieden.