Deutsche Nationalmannschaft trainiert auf dem Aachener Tivoli

Nationalmannschaft auf dem Tivoli : Eine kleine Charmeoffensive des DFB

DFB-Team trainiert auf dem Tivoli

Die deutschen Fußball-Nationalspieler hatten noch keinen Pass gespielt, noch keinen Ball aufs Tor geschossen, da hatte der Ehrengast schon auf der Trainerbank Platz genommen, schwarzes Sakko, weißes Hemd, dazu ein Hut. Egidius Braun war nach längerer Zeit noch einmal auf den Tivoli gekommen.

Der Ehrenpräsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) lächelte in die Kameras, das Publikum applaudierte, es war der erste Höhepunkt des Tages. Und als der gebürtige Breiniger wenig später Kapitän Manuel Neuer die Hand schüttelte und mit der Mannschaft für ein gemeinsames Foto posierte, wurde es noch ein bisschen lauter.

Brauns Besuch allein zeigte schon, dass dieser Mittwochnachmittag in Aachen ein besonderer war: Die deutsche Nationalmannschaft trainierte öffentlich im Stadion an der Krefelder Straße. Neben Braun (94) waren rund 20.500 weitere Zuschauer gekommen, das waren zwar 10.000 Menschen weniger als erwartet, der Tivoli war dennoch so voll wie lange nicht. Und Oliver Bierhoff, Direktor der Nationalmannschaften, sagte ins Mikrofon: „Wir freuen uns, dass Ihr alle da seid.“

Jubel, Trubel, Fußballzeit

Dass die Zuschauer sich vielleicht noch ein bisschen mehr freuten, war wenig später zu hören, als die Fußballer auf dem Platz ihrem Beruf nachgingen: Sie liefen sich warm, machten ein paar Passübungen. Co-Trainer Marcus Sorg, der den erkrankten Bundestrainer Joachim Löw vertritt, baute ein paar Hütchen auf; Torwarttrainer Andreas Köpke schoss die Torhüter ein. Auf den Rängen: Jubel, Trubel, Fußballzeit. Ein Raunen ging durchs Stadion, als Marco Reus beim anschließenden Torschusstraining den ersten Ball nicht traf. Kann auch einem Nationalspieler mal passieren. Beim nächsten Versuch traf der Offensivspieler nicht nur den Ball, sondern auch das Tor. Aufatmen und jubeln – Fußballdeutschland muss sich keine Sorgen machen.

In den kommenden Tagen stehen wichtige Spiele in der Qualifikation für die Europameisterschaft 2020 an; am Samstag spielt die Nationalmannschaft in Weißrussland (20.45 Uhr), am Dienstag trifft sie in Mainz auf Estland (20.45 Uhr/beide RTL). Leroy Sané sagte: „Unser Ziel sind sechs Punkte.“ Die DFB-Elf will in diesen Spielen mit zwei Pflichtsiegen den Auftakterfolg in den Niederlanden bestätigen. Und deshalb war die Einheit auf dem Tivoli auch keine reine Spaßveranstaltung, das Training sollte eines unter Wettkampfbedingungen sein. „Es ist wichtig, dass man die Spieler schnell wieder in die Spur bekommt“, sagte Sorg, der durchaus zufrieden war. „Wir kommen in den Rhythmus.“ Der Balanceakt zwischen Spaß und Ernsthaftigkeit gelang.

Wenn der Ball im Spiel war, ging es durchaus zur Sache. Verteidiger Niklas Stark grätschte im Trainingsspiel Timo Werner den Ball im Strafraum kompromisslos vom Fuß, Torwart Neuer ärgerte sich, als ihn Reus später überlupfte. Der Spieler von Borussia Dortmund hatte 2010 beim bislang letzten Länderspiel in Aachen eigentlich sein Debüt geben sollen; er verletzte sich kurz zuvor. Jetzt hat Reus doch auf dem Tivoli getroffen, schöne Geschichte. „Der Torschütze mit der Nummer 11: Marco ...“, rief der Stadionsprecher ins Mikrofon. „REUS!“, brüllten die Zuschauer. Kennt man eben.

Als der Sprecher ein paar Minuten vorher die Aufstellungen vorgetragen hatte, zeigte sich aber auch, dass die Fans noch mit dem einen oder anderen Nationalspieler fremdeln: Als sie die Nachnamen von Marcel Halstenberg und Lukas Klostermann rufen sollten, war da nicht viel mehr als Gemurmel. Bei Serge Gnabry hätte das wohl besser geklappt; der Flügelstürmer schlenzte einen Ball aber am Winkel vorbei und nannte als Grund für seinen Fehlschuss die „neuen Schuhe“. Reus’ Team Grün führte zur Pause nach 15 Minuten 1:0 gegen Gnabrys Team Weiß.

Ein munteres Trainingsspiel

Der DFB veranstaltet mit öffentlichen Trainingseinheiten wie der in Aachen eine kleine Charmeoffensive, er sucht die Nähe der Fans, er will sie nach der WM 2018 zurückgewinnen. Das Turnier war mit dem Ausscheiden in der Vorrunde nicht nur sportlich blamabel verlaufen; in der Diskussion über die Fotos von Mesut Özil und Ilkay Gündogan mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan gab der Verband ein ebenso schlechtes Bild ab wie bei der Aufarbeitung der schwachen WM und Löws Anteil daran. „Ich habe nach dem Turnier ja angekündigt, dass wir im Rahmen unserer Möglichkeiten wieder mehr Nähe zu den Fans herstellen wollen“, sagte Bierhoff. Und Vorzeigenationalspieler Joshua Kimmich ergänzte: „Es ist für uns etwas ganz Besonderes, dass so viele Menschen beim Training zuschauen, und wir wollen ihr Vertrauen in uns zurückzahlen.“

Nationalspieler Kai Havertz aus Alsdorf macht auf dem Tivoli Selfies mit den Fans. Foto: imago images / Team 2/TEAM2;via www.imago-images.de

Vor dem Training hatte der DFB unter anderem den Mannschaftsbus der Frauen-Nationalmannschaft für die Zuschauer geöffnet, während des Trainings gaben einzelne Spieler Interviews am Stadionmikrofon, danach schrieben sie Autogramme und schossen Bälle auf die Ränge. Was man eben so macht, wenn man Sympathien zurückgewinnen will. Im Stadion wirkte es so, als sei der Plan ganz gut aufgegangen. Die Stimmung war zwar nicht ausgelassen – was bei einer öffentlichen Trainingseinheit kaum erwartet werden darf –, gut war sie aber mindestens.

Auch wenn es da diesen Wermutstropfen gab: Beim DFB waren sie davon ausgegangen, dass der Tivoli voll besetzt sein würde, die 30.500 kostenlosen Tickets waren schnell vergriffen; 10.000 Zuschauer fanden den Weg ins Stadion jedoch nicht. Bierhoff sagte dennoch: „Wir freuen uns darüber, dass mehr als 20.000 Menschen da waren.“ Weil jeder bei kostenlosen Karten erst mal zuschlage, könne danach immer etwas dazwischenkommen; der DFB will solche Einheiten auch in Zukunft wieder anbieten, um sie zu etablieren. „Es wäre natürlich schön gewesen, wenn es ganz voll gewesen wäre, aber auch so war es schon toll.“

Vor allem in den zweiten 15 Minuten des Trainingsspiels – in denen nicht nur drei Tore fielen, sondern auch der schönste Spielzug zu sehen war: Werner schickte Thilo Kehrer, der in die Mitte für Reus auflegte. Der Dortmunder musste nur noch einschieben. 2:0 für Team Grün, ein munteres Spielchen. Leroy Sané schoss den Anschlusstreffer für Team Weiß, zum Unentschieden reichte es allerdings nicht mehr. Am Ende hieß es 2:1 für Team Grün, und vielleicht ist das ein gutes Omen: Grün ist die Farbe des Auswärtstrikots, und die DFB-Elf muss am Samstag ja in Minsk antreten. Ovationen gab’s am Ende aber für beide Teams. Noch größeren Applaus bekam nur Paula, rechte Mittelfeldspielerin der U 16-Juniorinnen von Alemannia Aachen, die einen Elfmeter gegen Kevin Trapp verwandelte. Ein bisschen Lokalkolorit gehört auch an einem solchen Tag dazu.

Dass die öffentliche Trainingseinheit überhaupt in Aachen stattfand, hat viel mit Egidius Braun zu tun, natürlich. Eigentlich findet in den Jahren zwischen den großen Turnieren immer ein Benefizländerspiel statt, der Erlös kommt stets den Stiftungen des DFB und der Deutschen Fußball Liga (DFL) zugute – und damit auch der Egidius-Braun-Stiftung; doch dieses Jahr war kein Platz für eine solche Partie im eng getakteten Kalender der Fußballer.

„Wir fanden es daher gut, in Egidius Brauns Heimat Aachen, wo aktuell ja leider nicht der ganz große Fußball zu Hause ist, dieses öffentliche Training durchzuführen und den Stiftungen unabhängig vom Benefizspiel eine Möglichkeit zu geben, sich ein wenig zu präsentieren“, sagte Bierhoff. Geld für die Stiftungen gibt es auch – obwohl der Eintritt frei war und auch die TV-Übertragung laut DFB-Angaben keine zusätzlichen Erlöse bringe: Zur Kompensation überweist der DFB selbst einen „nennenswerten Betrag“ an die Stiftungen, sagte ein Verbandssprecher.

Am Ende bedankten sich aber vor allem die Spieler. „Wir sind mit dem Training und den Fans total zufrieden“, sagte Ilkay Gündogan. „Es war eine tolle Veranstaltung – sowohl für die Spieler als auch für die Zuschauer, und wir können alle glücklich und zufrieden nach Hause gehen.“ Zum Abschluss im Stadion hatte der Kapitän das Wort ergriffen. „Vielen Dank für eure Unterstützung“, sagte Neuer. Und: „Bis bald.“ In Aachen würden sie sich freuen.

(dpa)