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Aachen: Wieder ein Spiel für die Vereinschronik

Aachen : Wieder ein Spiel für die Vereinschronik

Wer als langjähriger Besitzer einer Dauerkarte Tivoli-gestählt ist, der musste nicht lange überlegen. Das hatten wir doch schon mal, 1:5 gegen Erzgebirge Aue, auch Erik Meijer konnte sich gut an den 27. Februar 2005 erinnern. „Da habe ich ja noch selbst gespielt.”

Drei Tage nach dem höchst unglücklichen Uefa-Cup-Aus in Alkmaar war die Mannschaft wie paralysiert und für das Debakel entschuldigt. Die Erben im Alemannia-Trikot, frei von traumatischen Erlebnissen, setzten am Sonntagmittag allerdings einen drauf: Aus einem 1:1 wurde ab der 71. Minute ein 1:5; vier Gegentore innerhalb von sechs Minuten, das dürfte für einen Eintrag in die Rekordliste reichen. Jedenfalls konnte niemand auf die Schnelle belegen, dass es in der Klubgeschichte so eine Abfuhr schon einmal gegeben hätte.

Was war denn da passiert?

Meijer ist inzwischen in die Geschäftsführung aufgestiegen; nun sollte er erklären, was da soeben auf dem Rasen passiert war. Es fiel der Begriff „Schülerfußball” für die Phase, in der alle Dämme brachen. „Das war die ganze Saison in zehn Minuten kompakt zusammengefasst.” Spielerisch überlegen, die Führung vor Augen, Gegentor gefangen, nicht mehr zurückgekommen. „Ein Spiel auf Kante, aber heute ist es gehörig auf die andere Seite ausgeschlagen.”

Das Mitteilungsbedürfnis hielt sich in überschaubaren Grenzen. Benjamin Auer und Thomas Stehle, zwei „alte Hasen”, mussten die undankbare Aufgabe übernehmen, einerseits nichts schönzureden, andererseits kein weiteres Porzellan zu zerschlagen. Ab der 70. Minute habe es „an allen Ecken und Enden gefehlt”, sagte der Kapitän, „das war qualitativ zu wenig und hatte mit Profifußball nichts zu tun”. Es sei „gut, jetzt erst einmal eine Nacht drüber zu schlafen”. Verteidiger Stehle sprach von „individuellen Fehlern, die dürfen nicht passieren”, eine Erklärung hatte auch er nicht. „Aber wir dürfen uns durch dieses Ergebnis nicht die ganze Saison kaputtmachen lassen.”

Es war die wohl schwerste Stunde für Peter Hyballa in seinem jungen Profitrainer-Leben, schwerer als die nach dem 0:5 gegen Hertha BSC. Der Chefcoach musste erkennbar alle Kräfte aufbieten, um noch einen Rest von Resümee zusammenzukratzen. „Bis zur 70. Minute haben wir einen guten Job gemacht. Danach war es ein absurdes Spiel. Die Jungs waren total durcheinander.”

Zoltan Stiebers feines 1:0 (11.) hatte Kern egalisiert (17.), weil Timo Achenbach eine Flanke von Schlitte nicht verhindern konnte und Tobias Feisthammel dann über den Ball schlug. Alemannia hatte schon vor der Pause mehr Torraumszenen, die Schlagzahl erhöhte sich. Doch nachdem Manuel Junglas, Kevin Kratz und Auer die erneute Führung vergeben hatten, reichte ein Kopfball von Hensel (nach überflüssigem Eckball/71.), um Alemannia aus den Schuhen zu hauen. Es wirkte, als stünde da nur noch eine halbe Mannschaft auf dem Feld, 40 Meter vom eigenen Tor entfernt. Im Zwei-Minuten-Takt steigerte Aue den Freudentaumel: Ramaj, Hochscheidt und erneut Kern stockten Aachens Gegentor-Konto in dieser Saison auf 55 auf. Um alle Fehlerquellen offenzulegen, müsste Hyballa in dieser Woche die Arbeit auf dem Trainingsplatz komplett der Videoschulung opfern.

Alemannia ist am Ende ihrer Möglichkeiten angekommen: mental ausgehöhlt, qualitativ nur Spitzenreiter der zweiten Tabellenhälfte. „Wir können froh sein, dass wir genug Punkte haben, um nicht mehr abzusteigen”, stellte der Trainer fast schon ernüchtert fest. Was zu tun ist, nachdem selbst die Ultras auf ihre Mannschaft gepfiffen hatten? „Du musst ein Gefühl haben”, sagt Erik Meijer, „wer jetzt Streicheleinheiten braucht - und wer einen Tritt in den A....”