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Köln: Wenn sich Unwissenheit mit Ignoranz mischt

Köln : Wenn sich Unwissenheit mit Ignoranz mischt

Als sich die Aufregung am Freitagabend gelegt hatte, waren sie dem Kölner „Zirkusdirektor” sogar ein bisschen dankbar. Der Boulevard dichtete Schlagzeilen der Empörung, die Nachrichtenagenturen verbreiteten Reaktionen wütender Politiker und die Internetforen verzeichneten Rekordklickzahlen.

Christoph Daum, Trainer des FC, war zum Imageberater einer Veranstaltung aufgestiegen, die ohne seine Unterstützung keine breite Öffentlichkeit erreicht hätte. Er hatte nicht viel leisten müssen, sein größtes Talent genügte: Verwirrung stiften.

Daum war in einer Dokumentation, die am Mittwochabend im Deutschen Sport-Fernsehen ausgestrahlt werden soll, zum Thema Homosexualität im Fußball gefragt worden. „Ich hätte wirklich meine Bedenken, wenn von Theo Zwanziger irgendwelche Liberalisierungsgedanken einfließen sollten. Ich würde den Schutz der Kinder über jegliche Liberalisierung stellen”, hatte er geantwortet und somit Homosexuelle indirekt mit Kinderschändern in Verbindung gebracht.

Es wäre unseriös, Christoph Daum nur auf Basis dieser Aussage als schwulenfeindlich zu bezeichnen. Der Coach des Bundesliga-Aufsteigers und seine Vorgesetzten bemühten sich um eine Relativierung der Zitate, doch ihre Art verdeutlichte einmal mehr, wie gefährlich es ist, wenn sich Unwissenheit mit Ignoranz mischt.

„Es war nicht seine Absicht, jemanden zu diffamieren. Es ging ihm mehr um den Kinderschutz”, sagte Michael Meier, der Manager des FC. Dass er Daums Gedanken aufgriff, ihn in andere Worte kleidete und ebenfalls ein altes Klischee bestärkte, schien er nicht zu bemerken. „Solche Sprüche hätte ich den Siebziger Jahren zugeordnet”, sagte Tanja Walther; die ehemalige Bundesligaspielerin hatte den zweiten Aktionsabend gegen Homophobie im Fußball organisiert: „Auch die letzten sollen begreifen, dass wir normal sind und kleine Kinder in Ruhe lassen.”

Die Irritationen, die Daum mit wenigen Worten erzeugt hatte, widerlegte Theo Zwanziger mit langen Plädoyers. Seit Monaten rückt der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) die Bekämpfung von Gewalt und Diskriminierung in den Blickpunkt, auch in Köln. Er gesteht sogar Fehler: „Wir hatten Homophobie lange nicht im Blickfeld. Ich habe gemerkt, dass wir hier Nachholbedarf haben.”

Er hat Fußballern seine Hilfe für eine Selbstoffenbarung zugesagt: „Meine Pflicht ist es, ein Bewusstsein zu schaffen, damit das Ganze nicht zu einem Spießrutenlauf wird.” Es ist nicht davon auszugehen, dass Zwanzigers Bekenntnis die Furcht schwuler Spieler mindert, aber es hält die Debatte aufrecht. Während Rassismus und Gewalt lange verharmlost wurden, fand Homophobie gar keine Erwähnung. Auf der Veranstaltung am Freitag in Köln ließen sich Funktionäre wieder an zwei Händen abzählen. Es trafen sich jene Initiativen, die sich dutzende Male zuvor getroffen hatten.

Zwanzigers Werben kann der Anfang einer Bewegung sein, für den Durchbruch ist es zu früh. In den Satzungen des DFB, der Fifa, der Uefa und der meisten Klubs fehlt bis heute der Begriff Sexualität - das Streben nach Differenzierung, Transparenz und Klarheit ist nicht zu erkennen. Durch nachhaltige Kampagnen hat sich in Deutschland ebenfalls kein Verband hervorgetan.

Die Bemühung des DFB um ein Benefizspiel soll laut Kennern der Szene von der Deutschen Fußball Liga (DFL) nicht gefördert worden sein. Auch der Strafenkatalog wurde nicht verändert, womöglich müsste sonst jedes zweite Spiel abgebrochen werden, Aussprüche wie „Schiri, du Schwuchtel” werden als gewöhnliche Beschimpfung wahrgenommen. „Wenn nach einem Outing negative Reaktionen kommen, dann würden wir konsequent handeln”, entgegnet Zwanziger. Es wird Jahre dauern, bis diese Aussage überprüft werden kann.