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Mönchengladbach: Wenn das Training zur Lernstunde wird

Mönchengladbach : Wenn das Training zur Lernstunde wird

In Deutschland gibt es Millionen von Bundestrainern. Tausende von ihnen sind sicherlich in der Lage, unfallfrei das Training eines Bundesligisten zu leiten. Schließlich hat man ja selbst einige Jahre gegen den Ball getreten und der einen oder anderen Übungseinheit als interessierter Beobachter beigewohnt.

Vier oder fünf Spielformen im Rucksack, Übungen von Standard-Situationen, Elf gegen Elf und dabei ab und zu mal rufen: „Konzentrieren!” oder „Jawoll - gut so!” - fertig ist der Bundesligatrainer. Den Rest übernimmt der Co- oder Konditionstrainer. Die Spieler kennen das so gut wie ihre Ehefrauen oder Freundinnen daheim oder wo auch immer.

Bei Borussia Mönchengladbach geht es seit dieser Saison anders zu. Die Nach-Köppel-Ära definiert Jupp Heynckes als „Erziehungsprozess”. Zwar betont der Alt-Borusse immer wieder, er sei befreundet mit seinem Vorgänger. Doch seine Arbeitsweise trägt nicht einmal Nano-Spuren an fußballerischer Seelenverwandtschaft mit dem Ex-Kollegen.

Freundschaft schützt vor knallharter Analyse nicht. „Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn eine Mannschaft zum Bundesliga-Start nicht fit ist oder kein definiertes Spielsystem besitzt”, sagt Heynckes. Und meint damit sicherlich nicht eine Aussage wie: „Öhhhh, wir spielen 4-4-2.”

Die Übungseinheiten des neuen Borussen-Trainers sind einem Versprechen untergeordnet: „Ich bin überzeugt, dass wir attraktiver und hoffentlich auch erfolgreich spielen werden.” Dazu gehören Automatisierung von Spielzügen, praxisnahe Spielformen, Vertrauens-gespräche mit jedem Einzelnen - aber auch die Einsicht in die Sinnhaftigkeit der Übungen.

Keine Chance für die Bitte: „Trainer, vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun!” Heynckes verlangt absolute Konzentration, bereitet diese dadurch vor, dass die Spieler den Sinn jeder Trainingseinheit bestens kennen. Verbesserung des individuellen und des kollektiven Leistungsvermögens ist die Devise. Selbst Fußball-Tennis darf nicht als Hulahula-Einlage missbraucht werden. Es geht nicht darum, das Training hinter sich zu bringen, es geht darum, die Hilfeleistung des Trainer-Teams zu erkennen und anzunehmen.

Ein Unterbrecher

Jupp Heynckes ist ein Unterbrecher, ein Lehrer, der selbst Kleinigkeiten korrigiert. Und steht damit in der Tradition seines Lehrmeisters Hennes Weisweiler. „Der Enthusiasmus für den Fußball und die Besessenheit für Details”, benennt er dessen Erbe. Um sich aber abzusetzen vom Irrweg seines Vor-vor-vor-Gängers, mit dem er auch einst für die Borussia kickte: „Zettel habe ich auch schon mal. Aber ich verzettel mich nicht.”

Schritt für Schritt, stets den Plan im Kopf, begleitet, fordert und fördert er den Entwicklungsprozess seiner Mannschaft. „Die Stürmer müssen zielstrebiger werden, besser abschließen.” Aber auch für die Mannschaft arbeiten. „Ich will nicht, dass einer 30 Meter hinter seinem Gegenspieler her läuft. Wir müssen immer im Block pressen.”

Auch die Sicherheit kommt nicht zu kurz: Heynckes favorisiert ein System mit zwei defensiven Mittelfeldspielern vor der Abwehr. „Das lässt sich später am leichtesten modifizieren. Ich will es der Mannschaft so leicht wie möglich machen.”

Borussia scheint einen glücklichen Zeitpunkt erwischt zu haben, den verlorenen Sohn wieder zurück an den Heimat-Klub zu binden. Die (Auslands-)Erfahrung (Real Madrid, Bilbao, Teneriffa, Benfica Lissabon) und die auch daraus gespeiste Autorität besaß er bereits vorher. Jetzt aber kommt eine ideale Synthese aus Lockerheit, Spaß an der Arbeit und absoluter Konzentration hinzu: „Das ist Hobby, losgelöst von allem. Aber professionell”, beschreibt er Jupp Heynckes 2006/2007.