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Paris/Hamburg: Tour 1999: Armstrong unter Dopingverdacht

Paris/Hamburg : Tour 1999: Armstrong unter Dopingverdacht

Wenige Wochen nach seinem Rücktritt sind die
großen Erfolge von Radprofi Lance Armstrong wieder ins Zwielicht geraten. Der siebenmalige Tour-de-France-Sieger hat erneute Doping-Vorwürfe der französischen Sportzeitung „LEquipe” als „puren Skandaljournalismus” zurückgewiesen.

Das Blatt berichtete unter demTitel „Armstrongs Lüge” am Dienstag, das vom InternationalenOlympischen Komitee (IOC) anerkannte französische Doping-Labor Châtenay-Malabry (Paris) habe in sechs Urinproben des 33-Jährigen von1999 Spuren des Blutdopingmittels Erythropoietin (EPO) nachgewiesen. Der Amerikaner hatte sich bereits am Tag vor der Veröffentlichung auf seiner Homepage („www.lancearmstrong.com”) zu Wort gemeldet und den Bericht als Fortsetzung einer „Hexenjagd” bezeichnet.

„Ich werde nur wiederholen, was ich schon so viele Male gesagt habe: Ich habe niemals leistungsfördernde Substanzen genommen”, hieß es weiter auf der Armstrong-Seite. Grundlage der Anschuldigungen in der „LEquipe” ist die Veröffentlichung einer Kopie nachträglicher Analysen von eingefrorenen Urin-Proben Armstrongs aus dem Jahr 1999, in dem dieser seinen ersten Tour-Triumph feierte. Nach seinem siebten Erfolg hatte der ehemalige Krebs-Patient im Juli dieses Jahres seine Karriere beendet.

„Wir sind nach diesen Enthüllungen sehr besorgt, sehr geschockt”,
meinte Tour-de-France-Direktor Jean-Marie Leblanc am Dienstag in einer ersten Reaktion. Die Affäre habe „schwerwiegende Auswirkungen” für die Tour und zeige, „dass der Kampf gegen Doping im Radsport und in anderen Sportarten seine Zeit braucht”. Keine Stellungnahme wollte „zur Zeit” der Weltverband UCI abgeben. „Deshalb kann ich auch nicht sagen, ob es überhaupt sportrechtliche Handhaben gegen Armstrong geben könnte”, sagte UCI-Sprecher Enrico Carpani der dpa.

„Es gibt keinerlei Zweifel an der Gültigkeit der Test-Ergebnisse”, sagte Jacques de Ceaurriz, der Direktor des bei Paris gelegenen Doping-Kontrollinstituts, in dem die Methode zum Nachweis von EPO im
Urin auch entwickelt wurde. Die Urinproben seien zwar erst im Jahr 2004 ausgewertet worden, doch gebe es bei dem Test nur zwei Möglichkeiten, „entweder bauen sich die EPO-Hormone ab und sind nicht mehr nachweisbar oder das Protein bleibt so, wie es ist”.

Allerdings seien die Proben „im Rahmen wissenschaftlicher Forschung” anonym ausgewertet worden. Es sei nicht um einen bestimmten Fahrer gegangen. Es handele sich demnach laut „LEquipe” auch nicht um positive Dopingtests im Sinne von Regel-Verstößen, die Sanktionen gegen Armstrong nach sich ziehen müssten.

„Was man hier juristisch machen kann, muss vielleicht die WADA klären”, forderte Wilhelm Schänzer, der Chef des vom IOC akkreditierten Labors in Köln, Aktivitäten der Welt-Anti-Doping-Agentur. Wegen einer fehlenden Gegenprobe sei sportrechtlich gegen Armstrong aber wahrscheinlich wenig zu machen.

„Die Frage ist zuerst einmal, ob die Tests rechtskräftig genug sind, um zu einer Anklage zu führen”, sagte der Geschäftsführer der Nationalen Anti-Doping-Agentur (NADA), Roland Augustin, am Dienstag der dpa. Er kritisierte besonders die Vorgehensweise des französischen Doping-Kontrolllabors Châtenay-Malabry.

Im Jahr 1999 war die Methode, EPO im Urin nachzuweisen, noch nicht
entwickelt. Das seit 1988 gentechnisch hergestellte und vor allem bei
Ausdauer-Leistern eingesetzte Mittel erhöht die Zahl der roten
Blutkörperchen, so dass das Blut mehr Sauerstoff aufnimmt. EPO steht
schon seit 1990 auf der IOC-Liste der verbotenen Substanzen; Kontrollen wurden aber erst bei den Olympischen Spielen des Jahres 2000 in Sydney und der Tour de France im folgenden Jahr eingeführt.

Die ersten Reaktionen der internationalen Radsportszene bewegten
sich zwischen Zurückhaltung und Erschütterung. „Da ich überhaupt
keine Details kenne, will ich das nicht kommentieren”, sagte Armstrongs Dauer-Rivale Jan Ullrich vor der letzten Etappe der Deutschland Tour in Bad Kreuznach. Der im Gelben Trikot zum Ziel in Bonn fahrenden Amerikaner Levi Leipheimer, der 2000 und 2001 im Armstrong-Team US-Postal fuhr, erklärte: „Ich bin nicht Lance, das interessiert mich nicht.” Ullrich war bei der Tour 1999 wegen noch nicht auskurierter Sturzverletzungen nicht am Start.

In Frankreich hingegen herrschte Bestürzung. „Das ist ein Donnerschlag”, sagte der Sportmanager des Rennstalls Cofidis, Eric Boyer, und kritisierte zugleich den Radsport-Weltverband UCI. „Die Journalisten haben ihre Arbeit getan, doch finde ich es wirklich schade, dass der Internationale Radverband nicht nachträglich die Mittel einsetzt, die ihm zur Verfügung stehen.” Der 69 Jahre alte frühere französische Rad-Champion Raymond Poulidor sprach von einer „betrüblichen Sache. Als einziges kann man dazu festhalten, dass er es wie die anderen gemacht hat”.